Zaubern in Cochabamba (Cochabamba2)

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Seit ich denken kann, suche ich in dieser Welt nach Märchen, nach etwas Magischem, ein bisschen Zauber. Ich will ja gar nicht viel: Nur hier und da einen kleinen Hinweis, ein bisschen Verwunderung, einen kurzen, seltsamen Moment. Während in Deutschland alles seinen rationalen Lauf nimmt, spielt die magische Welt der Pachamama in Bolivien eine grosse Rolle. Pachamama ist die Mutter Erde, die Mutter Welt, die von vielen indigenen Völkern in Südamerika verehrt wird und um die sich alles hier dreht. Bei der fiesta de la Virgen de Urkupiña wurde die Verehrung der Pachamama auf erstaunliche Weise mit dem hier ebenfalls praktizierten Katolizismus vermischt.

IMG_1838_aDas Fest dauerte vier Tage und findet jedes Jahr Mitte August zu Ehren der Jungfrau von Urkupiña statt. Es ist der Höhepunkt des religiösen und kulturellen Lebens in Cochabamba. Ich war sehr froh, dass Susanne und ich rechtzeitig aus Villa Tunari nach Cochabamba zurückgekehrt sind, um dieses Spektakel gemeinsam mit der Familie Zapata zu erleben.

IMG_1939_aIn bunten, aufwendig genähten Kostumen tanzten sie durch die Straßen. Manche glitzerten, manche hatten Kastanetten an den Beinen. Machmal waren sie auch prunkvoll als Teufel oder Bären verkleidet. Die Frauen wackelten gekonnt mit ihren Hüften und die Männer tanzten mit ebendsoviel Leidenschaft und Rhythmusgefühl. Die Gruppen kamen aus sämtlichen Städten und Dörfern Boliviens und bildeten eine bunte, zauberhafte Parade.

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IMG_2024_aDa der Rest der Familie anderweitig beschäftigt war, freute sich Gastmutter Ninfa am Tag nach unserer Rückkehr darauf, Susanne und mir die Tanzparade zu zeigen. Im ersten Moment war ich etwas verdutz, einen ganzen Tag mit Ninfa zu verbringen. Ich war immer noch leicht verstimmt von dem Bügel- und Aufräumerlebnis. Doch an diesem Tag gefiel mir ihre forsche Art immer besser. Wenn ihr etwas nicht passte, dann diskutierte Ninfa sofort mit strengem Blick drauflos. Das funktionierte gut. Sie bekam jedenfalls immer was sie wollte.

IMG_1858_aSusanne und ich schauten uns um. Weit und breit schienen wir die einzigen Touristen auf diesem Fest zu sein. Das war ungewohn, aber gut. Nach kurzer Zeit kamen ein paar Mädchen aus einer Tanzgruppe auf uns zu und fragten ganz neugierig, ob sie unsere blonden Haare anfassen könnten. Auch das war ungewohnt, aber witzig. Die Mädchen schauten uns erstaunt mit ihren braunen Kulleraugen an und stellten viele Fragen bis sie sich wieder in die tanzente Parade einreihten.

IMG_1833_aAm nächsten Tag klingete um 3:30 Uhr morgens mein Wecker. Um vier Uhr stand ich mit der gesamten Familie Zapata startklar vor dem Haus. Nur Mama Ninfa kam später mit dem Taxi nach. Es war schon seltsam, denn nicht nur wir, sondern die ganze Stadt pilgerte in aller Hergotts Frühe im flotten Tempo 14 km nach Quillacollo. So war es Tradition. Leider gehörte es anscheinend nicht zur Tradition vorher zu frühstücken. Mein Magen knurrte und ich erblickte sehnsüchtig die Stände mit heissen Getränken und Snacks am Straßenrand. Doch Familie Zapata wollte vor der Mittagshitze am Ziel ankommen, ging unbeeindruckt weiter und ich hinterher.

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IMG_2035_aNach 14 hungrigen Kilometern kamen wir in Quillacollon an, wo sich alle Leute vor einer Kirche versammelten. Auch Ninfa hat sich inzwischen zu uns gesellt. An diesem Ort war es Brauch Kerzen auf dem Boden anzuzünden. Für jede angezündete Kerze hatte man einen Wunsch frei, für sich selber oder einen anderen Menschen. „Aha!“, dachte ich, „Hier geht der Zauber also schon los.“ Das gefiel mir sehr gut. Währenddessen gab es einen Gottesdienst und man konnte sich die Jungfrau von Urkupiña, die Schutzpatronin der Stadt, in der Kirche angucken. Danach ging es weiter mit dem Zauber: Familie Zapata wollte endlich etwas essen. Mein Magen fand das überaus zauberhaft. Auf einem großen Platz reihte sich ein langer Tisch an dem nächsten. Überall wurde ein seltsames Maisgetränk und eine Art fritierter Teig mit Puderzucker serviert. Es war zwar nicht sehr sättigend, schmeckte aber interessant.

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IMG_2041_aNach dem Essen schoben sich die Familie Zapata, Susanne und ich mit den Menschenmassen über einen riesigen Marktplatz. Bald erreichten wir die Stände, an denen man viele Dinge in Miniaturgröße kaufen konnte: Kleine Autos, kleine Häuser mit und ohne Vorgarten, kleine Geldscheine, kleine Doktortitel, kleine Heiratsurkunden und sogar einen kompletten kleinen Stoffkoffer mit Miniaturgeld in den verschiedenen Waehrungen inklusive kleinem Reisepass und kleinen Krititkarten für eine sichere Reise. Den musste ich natürlich haben, damit ich nicht nocheinmal ausgeraubt werde. „Ein bisschen Zauber kann da nicht schaden“, dachte ich. Der Brauch besagte nämlich, dass die kleinen Dinge, die man sich kauft, in Zukunft in Originalgröße in Erfüllung gehen. Aber das geschah nicht einfach nur so. Über qualmenden Schalen wurden die Miniaturdinge von den indigenen Frauen an den Ständen mit guten Wünschen in Quetchua belegt und Pachamama um Unterstützung gebeten. Zauber, Zauber, Fidibus.

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IMG_2049_aDie Menschenmasse bewegte sich von dem Marktplatz weiter zu einem Hügel, auf dem eine Marienstatur stand. Dort ging es weiter mit den seltsamen Ritualen. An den Felsen des Hügels klopften die Menschen mit Hämmern herum. Auch Familie Zapata machte sich eifrig daran mitzuklopfen. Zuerst kaufte man eine Flasche Bier und goss etwas für Pachamama auf den Felsen. Danach bekam man gegen etwas Geld einen Hammer und musste soviele Felsstücke wie möglich abklopfen. Je mehr Feslbrocken, desto mehr Wohlstand wird man zukünftig haben. Das besagt zumindest der Brauch. In diesem energischen Kampf um den zukünftigen Reichtum bekamen sich Mutter Ninfa und Tochter Mariana sogar etwas in die Haare. Susanne und ich waren erstaunt mit welcher Ernsthaftigkeit die Leute den Felsen bearbeiteten. Es erschien uns zwar etwas absurd, aber wir probierten es natürlich auch. Danach wurden die Felsstücke in eine Tüte gepackt, zeremoniell mit Ölen, Blütenblättern und Luftschlangen überhäuft und Pachamama gewürdigt.

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DSCN0728_bAls für den Wohlstand gesorgt war, versammelten sich die Menschenmasse auf dem Hügel, um die Worte des Pristers zu hören. Während er sich durch die Masse bewegte, versuchten ihn viele Menschen zu berühren wie einen Schornsteinfeger, der Glück bringt. Im Vorbeigehen reinigte der Priester zwar keine Schornsteine, aber er verwandelte Wasser in Weihwasser. Während der Messe drängten sich die Menschen immer dichter aneinander. Die Sonne brannte und es gab keinen Schatten. Nach der Messe wurde noch beengter, denn alle Leute wollten zur selben Zeit in die selbe Richtung. Der ganze Zauber wurde regelrecht beiseitegeschoben, denn es wurde erbarmungslos gedrängelt, geschoben und geschubst. Es war schon fast etwas beängstigend. Ich war sehr froh als ich den Ausgang erreichte und dankbar für die zauberhaften Eindrücke und seltsamen Bräuche.

IMG_2059_aNach dem Fest blieb ich noch zwei Tage in Cochabamba. Danach reiste ich nach La Paz, um weitere Abenteuer im Reich der Pachamama zu erleben.

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3 Gedanken zu „Zaubern in Cochabamba (Cochabamba2)

  1. Hallo Heike,

    ich hoffe du hast noch viele weitere „zauberhafte“ Erlebnisse. Ich zehre von meinen wunderbaren Erinnerungen, während ich schon wieder im grauen Unialltag angekommen bin…

    Liebe Grüße aus Ulm,
    Susanne

    • Hey Heikelein,

      von wegen grauer Unialltag… lass dir nichts erzählen. Suse verbringt ein Wochenende in Saus und Braus bei ihrem Freund! Und lässt mich hier in der WG schon mal das Brot für nächste Woche backen – mit Walnüssen 🙂

      Aloha also

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