Wiedersehen und Abschied (El Bolson, Puerto Madryn, Santiago de Chile)

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Wenn man gerne Zeit alleine verbringt, ist man nie einsam. Wenn man nicht gerne alleine ist, dann fehlt etwas. Mit dem alleine Reisen ist es ähnlich: Guckt man von oben, kann alleine reisen sehr schön, befreiend und abenteuerlich sein. Guckt man von unten, kann es aber auch anstrengend, beängstigend und einsam sein. Bei mir ging es manchmal von oben nach unten, aber die meiste Zeit reiste ich immer noch gerne mit mir herum, auch wenn ich dabei nicht wirklich allein war. Wenn ich es mal war, war es meistens eine schöne Aussicht von oben..

Nach meinem Abenteuer in Bariloche saß ich also wieder mit mir im Bus und fuhr nach El Bolson, einem kleinen Hippieort südlich von Bariloche. Die Hostels in diesem Ort waren komplett ausgebucht. Das einzige freie Zimmer, das ich finden konnte, befand sich etwas außerhalb der Stadt in einem hübschen kleinen Farmhaus. Dort teilte ich mir das Zimmer mit 4 Leuten aus Südafrika, die alle zusammen reisten. Wenn man sie einzeln antraf, waren sie sehr offen und interessant. Wenn sie aber alle zusammen hingen, diskutierten sie alles und lange: wo und was sie essen wollten, was sie machen wollten, wer was bezahlte und so weiter. In diesen Momenten war ich sehr froh, dass ich alle Entscheidungen nur mit mir selber ausdiskutieren musste und das war manchmal schon kompliziert genug.

IMG_4313_aaAlso beschloss ich mit mir selbst, dass ich in die Stadt gehen wollte, um den Hippie-Markt zu sehen, von dem mir alle erzählt haben. Als ich den Markt erreichte, fingen die Stände bereits an abzubauen. Doch es gab trotzdem noch viel zu sehen. An einem Stand entdeckte ich aufgeschnittene Milchpackungen, aus denen verschiedene Kräuter wuchsen. Das sah witzig aus und ich machte Fotos von den bepflanzten Packungen. Der Standbesitzer freute sich, dass seine Idee Beachtung fand. Es war ein älterer Herr mit langen Dreadlocks. Er erzählte mir, dass er eigentlich aus Venezuela stammt, schon viel gereist ist, auch zu Fuss, dass er getrennt von seiner Frau lebte, aber eine kleine Tochter hatte, die dort in die Waldorfschule ging. Es war interessant mit ihm zu reden. Ich wartete bis er seinen Stand abgebaut hatte, um mich weiter mit ihm zu unterhalten. Wir gingen gemeinsam in den nächsten Supermarkt und kauften dort Bier und eine große Tüte Chips. Der Sicherheitsmann am Eingang bat meinen venezuelischen Freund (dessen Namen ich leider vergessen habe) seine Tasche im Schließfach einzuschließen. Das war nicht ungewöhnlich in den Supermärkten dort. Allerdings hatte ich eine noch viel größere Tasche dabei und musste sie nicht einschließen. Die Leute im Supermarkt warfen mir komische Blicke zu, als ob sie sich fragten, warum ich denn mit so einem Typen herumlaufe. Ich fand das sehr amüsant. Nach dem Einkaufserlebnis gingen wir zu dem Farmhaus, in dem ich übernachtete und setzten uns in den Garten. Dort redeten wir den ganzen abend über alles mögliche: Über den Zauber des Lebens, über Spiritualität, über Südamerika, übers Reisen und so weiter. Irgendwann wurde mein venezuelischer Freund müde und machte sich auf den Heimweg. Für mich war das eine sehr ungewöhnliche, aber schöne Begegnung, die ich wahrscheinlich nicht gehabt hätte, wenn ich nicht alleine unterwegs gewesen wäre.

IMG_4357-aaIMG_4323_aaIMG_4325_aaAm nächsten Tag verließ ich El Bolson, saß wieder 20 Stunden im Bus und fuhr nach Puerto Madryn, an die Atlantikküste. Dort traf ich mich mit Remi aus Frankreich, den ich zusammen mit Ben im Hostel in La Paz (Bolivien) kennengelernt hatte. In dem Hostel in Puerto Madryn, in dem Remi und ich wohnten, tauchte auf einmal auch Alex aus England auf. Was für ein Zufall. Remi hatte mit Alex zusammen Trekkingtouren in Bariloche gemacht. Unsere Puerto Madryn Gang war nun komplett. Remi, Alex and ich liefen gemeinsam durch die Stadt, hingen am Strand rum, kochten zusammen und zogen abends durch die Clubs. Außerdem waren die beiden meine Modelle für meine seltsamen Fotoideen, bei denen sie auch meistens bereitwillig mitmachten. In Puerto Madryn war es schön nicht alleine zu sein.

IMG_4360_aaIMG_4369_aaIMG_4376_aaNach einigen Tagen zog es Remi weiter in Richtung Süden. Alex blieb noch ein paar Tage. Mit ihm machte ich eine Tour auf die Halbinsel  Valdés, ein weltbekanntes Naturreservat, das zum UNESCO-Weltnaturerbe gehörte. Dort tummelten sich Gürteltiere, Robben und Pinguine vor den Fotolinsen.

IMG_4436_aaIMG_4444_aaIMG_4453_aaIMG_4456_aaIMG_4466_aaIMG_4469_aaAußerdem war gerade Karnevalszeit. Plötzlich verwandelte sich der verschlafene Küstenort in eine kleine bunte Wundertüte. Die Stadt füllte sich mit Menschen, durch die Straßen zogen dekorierte Umzugswagen, bunte Trommelgruppen, passionierte Tänzer mit wackelnden Hüften und kreisenden Hintern. Es war so authentisch und lebendig, wie ein fröhlicher Knallbonbon.

IMG_4480_aaIMG_4527_aaIMG_4551_aaNach 2,5 Wochen in Patagonien kehrte ich nach Buenos Aires zurück. Dort holte ich meinen neuen Reisepass von der Deutschen Botschaft ab und verbrachte zwei weitere aufregende Wochen mit Ben. Ich wäre gerne noch länger geblieben, doch ich musste weiterreisen nach Neuseeland, ansonsten wäre mein Working Holiday Visum abgelaufen. Da standen wir also wieder, am Busbahnhof, zum zweiten Mal. Wieder mussten wir uns dort verabschieden, wieder machten meine Innereien schmerzhafte Verränkungen. Diesmal war es ein Abschied für immer oder zumindest auf ungewisse Zeit.

Mein Flug nach Auckland ging von Santiago de Chile. Ich kam zurück an den Ort, in dem alles begann, in dem ich mit nur zwei Wörtern auf Spanisch („Hola und „Ciao“) durch die Srtraßen lief und Completo aß, in dem ich ausgeraubt wurde, in dem ich aber auch wundervolle Menschen getroffen habe. Einer davon war Jona. Jona wartete auf mich am Busbahnhof, obwohl mein Bus zwei Stunden Verspätung hatte und ich ihm noch nicht einmal Bescheid sagen konnte, weil mein Handyakku alle war. Trotz der Warterei war Jona entspannt und überrascht, dass ich mich 8 Monate später mit ihm auf Spanisch unterhalten konnte. Nach einiger Zeit stand ich dann aber doch vor meiner Sprachbarriere. Ich winkte kurz rüber und wechselte wieder ins Englische. Jona fuhr mit mir in die Stadt. Er ist in Santiago aufgewachsen und freute sich mich dort herumzuführen. Wir aßen Completo (die chilenische Variante vom Hot Dog), trafen einen Freund von ihm, tranken Terremoto und andere lokale Getränke in einigen sehr populären und überfüllte Bars der Stadt. Abends brachte er mich zum Flughafen, wo ich beinahe meinen Flug verpasste. Und dann war es wieder soweit. Schon wieder musste ich mich verabschieden. Nicht nur von Jona und von Chile, sondern auch von Südamerika mit seiner mystischen Kultur, seinen lebhaften Menschen und seiner bunten Lebensfreude, von Empanadas, Arroz con Pollo, Ceviche, Choripan, Pisco, Pachamama, Kokablättern, Salsa, Raggaeton und den Latinos. Ich hätte es am Anfang nicht für möglich gehalten, aber ich hatte mich total verknallt in diesen magischen Kontinent. Wieder fühlte ich die schmerzhaften Verränkungen in meiner Magengegend, doch auch diesmal wusste ich es war kein Abschied für immer.

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