Weihnachtsregen (Huaraz/ Cordillera Blanca)

IMG_3270_aBurritos, Bewerbungen und Bauarbeiten bestimmen momentan meinen Alltag im kalten Auckland. Nach acht Monaten in Südamerika habe ich den Kontinent gewechselt und bin mit meinem neuen Reisepass und einem Working Holiday Visum für ein Jahr nach Neuseeland geflogen. In Auckland versuche ich seit vier Monaten meine aufgebrauchte Reisekasse aufzufüllen. 25 bis 35 Stunden pro Woche arbeite ich dafür in einem mexikanischen Restaurant, bewerbe mich nebenbei um Grafikdesignjobs, bin ab und an mit kleinen Freelance-Aufträgen als Grafikdesignerin beschäftigt und habe ein Zimmer in einem Hostel für Langzeitreisende, das im Moment renoviert wird. Mein letzter Blog-Eintrag ist schon eine ganze Weile her, denn auch hier verfliegt die Zeit einfach so. Aber das nur am Rande. Obwohl ich gerade nicht wirklich auf Reisen bin, kann ich trotzdem reisen und zwar in Gedanken. Dort geht es zurück nach Peru, um von den letzten Erlebnissen in Südamerika zu berichten.

IMG_2801_aNachdem ich in dem Vorort von Lima eine Woche Englisch unterrichtet und auf der Couch der peruanischen Lehrerin Kelly übernachtet habe, bin ich Mitte Dezember weitergereist in die Innenstadt von Lima. In dem Stadtteil Miraflores habe ich drei Tage verbracht. Die große, hektische City von Lima hat mich nur sehr wenig interessiert. Dort wollte ich nicht länger bleiben und bin weitergereist nach Huaraz, Ausgangspunkt für viele Trekkingtouren in die Hochgebirgsregion Cordillera Blanca.

In Huaraz und im gesamten Andengebiet war gerade Regenzeit, die von November bis Mai andauert. Die restlichen Monate des Jahres waren überwiegend trocken. Das war dann die Trockenzeit. Für meine Reisepläne war die Regenzeit die ungünsigere der beiden Jahreszeiten. Es regnete wirklich jeden Tag. Da ich aber keine Lust hatte vier Monate Däumchen zu drehen bis ich dort endlich auf dem Trockenen sitzen konnte, versuchte ich mich mit dem Regen irgendwie anzufreunden.

IMG_2809_aAlso verbrachte ich einen trüben Regentag nach dem anderen im Hostelzimmer und war sogar froh, dass der Regen meine Entschuldigung war, nichts besonderes zu machen und meinen Blog zu schreiben. Ich ging nur mal raus in die nasse graue Stadt, um in einem der unzähligen Chifa Restaurants Arroz chaufa (gebratenen Reis mit Gemüse und Fleisch) zu essen. Chifa ist die peruanische Version von chinesischer Küche und schmeckt vollkommen anders als die deutsch-chinesische Veriante, aber lecker. Außerdem konnte ich auf meinen kulinarischen Streifzügen die aufwendige Weihnachtsdekoration auf dem Hauptplatz bewundern. Dort tummelten sich neben den Palmen lustige Schnee- und Weihnachtsmänner, die zum Teil noch in Plastiktüten verpackt waren. Eine ganze Weihnachtswelt wurde geschaffen, mit Krippe, Schäfern, Schäfchen, Küken, Kamelchen, alles in unterschiedlichen Stilen liebevoll zusammengewürfelt. Diese surreale Szenerie brachte mich zwar zum Schmunzeln, aber ohne Schnee und winterlichen Temperaturen, nicht wirklich in Weihnachtsstimmung.

IMG_3286_aIMG_3276_aIMG_3291_aDoch ich war ja nicht nur zum Essen und Schmunzeln in Huaraz, sondern vor allem um das Hochgebirge zu erkunden. Also buchte ich eine Wandertour zur Lagune 69. Diese Lagune bekam ihren Namen, weil es die 69. Lagune in der Region war. Manchmal sind die Dinge ziemlich einfach. Im Bus dorthin saß ich neben Aesun aus Frankreich. Sie war in meinem Alter, sah aber viel jünger aus. Aesun erzählte mir, dass sie einige Jahre in Korea als Pâtissier gearbeitet hat. In Korea hat es ihr überhaupt nicht gefallen. Es fiel ihr schwer dort echte Freundschaften mit Einheimischen zu schließen. Die Leute dort interessierten sich zwar für sie, aber oft nur, weil sie aus Europa kam und nicht weil sie einfach Aesun war. Das war jedenfalls ihr Eindruck. Manchmal sind die Dinge auch kompliziert. Außerdem war sie von den püppchenhaften Mädchen und der koreanischen Kultur sehr genervt. Aesun war alles andere als ein Püppchen. Sie war eine hübsche, taffe Frau mit einer Vorliebe für Klettern und Wandern.

In dem Bus, in dem wir saßen, waren wir ironischerweise von einer großen, koreanischen Reisegruppe  umgeben. Ich konnte mir die Püppchengesichter mit ihrem Wangenrouge und den lippenstiftroten Lippen aus Aesuns Erzählungen direkt um mich herum angucken. Aesun konnte mir auch genau sagen, welches der Gesichter einen Chirurgen besucht hatte. Gesichtschirurgie in Kores war sehr beliebt und günstig, erzählte sie mir.

Der Bus hielt und die 6-stündige Wandertour begann. Sie führte vorbei an Wasserfällen, vielen Kühen und Bergen mit Schneemützen auf. Am Ende wartete eine leuchtend türkisblaue Lagune mit Wasserfall mittem im Gebirge. Während ich und Aesun dort Kekse und Brote verspeisten, beobachteten wir das koreanische Fotoschauspiel vor unserer Nase. Die Lagunenkulisse war für die koreanische Reisegruppe der perfekte Hintergrund für unzählige Fotos mit Püppchenposen, Peace-Fingern, dem immer gleichen Püppchenlachen und allen möglichen Kombinationen von Einzelportraits bis Gruppenaufnahmen. Die Krönung war allerdings die koreanische Flagge, die jemand irgendwann aus seinem Rucksack holte. Mit der Flagge begann das gesamte Fotoschauspiel dann noch einmal von vorne und wurde auch nicht vom einsetzenden Regen aufgehalten, der mal wieder aus Kübeln geschüttet wurde.

IMG_2606_aIMG_2608_aIMG_2603_aIMG_2680_aIMG_2687_aIMG_2755_aIMG_2792_aNach der Lagunenwanderung beschloss ich trotz Dauerregen den 4-tägigen Santa-Cruz-Trek zu machen. Es war garnicht so einfach eine gute Agentur zu finden, die nicht wegen Regenzeit geschlossen war oder die in den nächsten Tagen genug Teilnehmer für den Treck zusammen hatte. Nach einigem Herumlaufen und Herumfragen klappte es und ich landete als einziges Mädchen in einer Gruppe mit fünf Jungs und einem Guide, eine lustige Truppe. Wegen dem Regen liefen wir den 4-Tages-Trek  allerdings in nur drei Tagen. Übernachtet haben wir in Zelten. Glücklicherweise konnte ich meinen Mädchenbonus ausspielen und bekam ein Zelt für mich ganz allein, während sich die anderen eins zu zweit oder dritt teilen mussten. Unglücklicherweise konnte ich mein Zelt die erste Nacht garnicht genießen, denn die verbrachte ich hauptsächlich wegen Übelkeit und Magenproblemen draußen bei meinem Freund, dem Regen und bei meinen anderen Freunden, den Kühen. Wir befanden uns in Höhen über 4700 km und dort ist mir die Höhenkrankheit auf den Magen geschlagen. Glücklicherweise ging es mir am nächsten Tag etwas besser und ich konnte weiterwandern. Manchmal fühlte ich mich wie in einer absurden Märchenwelt, als die Bäume so seltsam verschnörkelt waren oder als wir durch ein unendlich weites Tal wanderten oder als wir den Artesonraju sehen konnten, der Berg aus dem Logo von „Paramount Pictures“. Auf einem Bergpass lag sogar Schnee und in mir regte sich zum ersten Mal ein leises Weihnachtsgefühl. Ich zettelte eine Schneeballschlacht mit den Jungs an, bevor es wieder steil bergab ging. Wir mussten von Stein zu Stein hüpfen, über die ein Bergbach floss oder an schrägen, rutschigen Gebirsebenen wieder bergauf klettern. Der Weg war anstrengend, doch die Märchenwelt drum herum war schön und manchmal etwas surreal, jedoch anders surreal als die Weihnachtsdekoration in Huaraz.

IMG_2819_aIMG_2821_aIMG_2870_aIMG_2942_aIMG_2964_aIMG_2983_aIMG_3011_aIMG_3146_aIMG_3039_aIMG_3078_aIMG_3111_aIMG_3160_aIMG_3246_aIMG_3243_aNach den 3 durchwanderten Tagen, hatte ich zwar immer noch kein richtiges Weihnachtsgefühl, jedoch genug von Wandern, Regen und Landschaft. Nach einem weiteren faulen und verregneten Tag im Hostel, an dem ich alle meine surrealen Gliedmaßen spürte, machte ich mich auf zur Westküste Perus nach Trujillo und Huanchaco. Dort gab es zwar auch viel Wasser, aber zum Glück nicht von oben, sondern vor allem im Meer.

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Ein Gedanke zu “Weihnachtsregen (Huaraz/ Cordillera Blanca)

  1. Hallo Namenskollegin,

    super schön, wieder was von deinen Erlebnissen zu lesen und durch deine Bilder einen Eindruck, dieser von dir als surealenbezeichneten Welt, zu bekommen.
    Das dir bei 47000 km Höhe kotzübel war ist ja kein Wunder… oder meintest du 4700 m ..grins. (Sorry Heike, konnte ich mir jetzt nicht verkneifen…)
    Als du über die mitreisenden Koreaner berichtet hast, musste ich an unser erstes Treffen auf dem Jakobsweg in der Herberge – Km – 61 zurück denken. Weisst du noch da gab es auch zwei Koreanerinnen, die eine, meine Freundin Sung Ai und eine andere die nicht dem typischen Püppchenbild der Koreanerinnen entsprach. Mir fiel bei ihr besonders auf das ich alles an ihr so groß empfand… ihre Hände, die Füsse und natürlich ihre Körpergröße. Sie war sehr nett und auch lustig, doch ich musste sie immer wieder anschauen, eben weil bei ihr alles so groß war.
    Na jetzt bin ich in Erinnerung geschwelgt, wegen deinen koreanischen Mitreisenden.

    Lass es dir gut gehen und auf bald mal wieder du Liebe.
    Ganz herzliche Grüße von Heike zu Heike :-))

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