Cachi und Salsa (Sucre)

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Ihr Name kommt nicht von dem spanischen Wort für Zucker, wie ich anfangs dachte. Sie wurde nach einem Freiheitskämpfer benannt. Aber ihre Häuser sind weiß wie Zucker. Ihre Straßen sind eng und die Gehwege noch enger. Als ich dort ankam und über den Plaza ging, gefiel sie mir sofort. Sie wirkte entspannt und sauber. Dort, in Sucre, wollte ich ein bißchen länger bleiben und endlich mehr Spanisch lernen.

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IMG_1310aIch hab mir ein irisches Hostel ausgesucht, in dem sich auch gleich eine Sprachschule befindet. Wie sich herausstellte, konnte ich dort umsonst schlafen, wenn ich mindestens eine Woche 3 Stunden Unterricht nehme. Genauso hatte ich mir das vorgestellt. Für den ersten abend in Sucre war ich mit Suzanne aus den Niederlanden (die ich mit den anderen beiden Mädchen in Potosi getroffen habe) zum Abendessen verabredet. Als wir das Restaurant betraten, sahen wir Sara (auch eins von den Mädchen aus Potosi) mit zwei Jungs am Tisch sitzen. Wir gesellten uns dazu und ich lernte Chris aus Österreich kennen, der mit Sara in einer Gastfamilie wohnte und ebenfalls Spanisch lernte. Er sagte mir, ich solle am nächsten abend auch wieder mitkommen. Genauso hatte ich mir auch das vorgestellt. Also kam ich am nächsten abend zum vereinbarten Treffpunkt und lernte den Rest der Sprachschülergruppe kennen: Barbara (das dritte Mädchen aus Potosi) war dabei, Armin aus Deutschland, der Bruder von Chris und ein Pärchen aus Hannover, das zweite, das ich auf meiner Reise bisher getroffen habe. An den darauffolgenden abenden kamen immer mal wieder neue Leute dazu.

IMG_1481aBarbara hatte eine sehr interessante Geschichte. Sie lernte nicht einfach nur Spanisch in Sucre, sondern besuchte dort auch ihre leibliche Familie. Aufgewachsen ist sie zwar in Deutschland, geboren wurde sie allerdings in Bolivien. Bei der Geburt starb ihre Mutter und die restliche Großfamilie war zu arm um sie und ihren Zwillingsbruder aufzuziehen. Also wurde Barbara und ihr Bruder von einem deutschen Ehepaar adoptiert. Die Treffen mit ihrer leiblichen Familie waren immer sehr intensiv, erzählte sie mir. Die gesamte Großfamilie kam bei diesen Treffen zusammen, alle nahmen sich Zeit und kochten jedesmal ein großes Familienessen. Da die Familie nur Quechua spricht, bekam Barbara Hilfe von einer Übersetzerin. Barbara beschrieb es als komplett andere, aber unglaublich herzliche Welt.

IMG_1425aDie Sprachschüler waren für die nächsten zwei Wochen meine Sucre-abend-Gesellschaft und Spielkameraden. Wir trafens uns jeden abend zum Essen in einem anderen Lokal. In Bolivien ist auswärts Essen nämlich günstiger als selber kochen. Nach dem Essen haben wir oft irgendwelche Spiele gespielt, sämtliche Karten- und Gesellschaftsspiele, die wir finden konnten. Ich habe lange nicht mehr so viele und so oft Spiele gespielt wie in Sucre. Komischerweise habe ich bei diesem Spielemarathon fast immer gewonnen, sogar beim Pokern, wovon ich eigentlich kaum Ahnung hatte. Poker hab ich manchmal während des Studiums gespielt, allerding nur mit Salzstangen-Einsätzen und mit Hilfe von anderen Kommilitonen. Ein Pärchen aus Kalifornien lud mich und ein paar andere Leute in ihre Ferienwohnung zum Pokerabend ein. An diesem abend lernte ich nicht nur richtig Pokern sondern ich lernte auch die eigenartige Mentalität dieses kalifornischen Pärchens kennen. Diesmal wurde allerdings nicht um Salzstangen gespielt, sondern um kleine Geldbeträge (immerhin 50 Bolivianos=5 Euro). Als ich mir noch einmal die Regeln erklären ließ, verdrehte ein Typ aus Australien leicht genervt die Augen. In den ersten Runden verlor ich meine eingesetzten Chips. Dann sagte Lena, die auch mit am Tisch saß: „Du musst nicht immer gute Karten haben. Du kannst auch einfach bluffen.“ Das probierte ich gleich aus und es funktionierte tatsächlich. Manchmal hatte ich auch, ohne es wirklich zu wissen, gute Karten, mit denen ich gewann. Es machte dann richtig Spaß. Ich weiß nicht genau wie, aber nach zwei Stunden hatte ich meinen Einsatz verdoppelt und die meisten Chips von allen. Außerdem war es schon sehr spät und ich wollte gehen. Lena, die ganz in meiner Nähe wohnte, wollte sich mit mir zusammen auf den Weg machen. Das kalifornische Pärchen, das den ganzen abend fast übertrieben fröhlich und aufgedreht war, wurde plötzlich sehr unfreundlich und patzig. Nur sehr widerwillig zahlten sie mir meinen Gewinn aus. Alle waren sehr verdutzt und der Abschied war überaus frostig. Vielleicht wären Salzstangen doch besser gewesen.

IMG_1370aCachi ist ein traditionelles bolivianisches Spiel, das sehr viel Ähnlichkeit mit Kniffel hat. In einem Cafe in Sucre ist jeden Donnerstag Cachi-abend. Man spiel dort in Zweiter-Teams gegeneinander. Ich war mit Armin in einem Team. Unsere ersten Gegner waren zwei Schweizer, die schon einige Jahre in Sucre wohnten. Sie waren ganz vernarrt in dieses Spiel und hatten sogar eine eigene Würfeltechnik. Die bestand darin den Becher mehrmals kräftig auf den Tisch zu hauten, wobei ich anfangs leicht erschrak. Freundlicherweise klärten uns die beiden Cachi-Profis über die speziellen Spielregeln und ihre bisherige Siegesgeschichte auf. Auch ich entwickelte eine eigene Würfeltechnik, bei der ich versuchte mir die Zahlen in irgendwelchen Zusammenhängen vorzustellten. Also eine drei sind zum Beispiel drei kleinen Schweinchen, eine sieben sind die sieben Zwerge und so weiter. Das schien zu funktionieren. Am Ende hat unser Team tatsächlich gewonnen. Wir haben einen Gutschein für ein Abendessen, eine Flasche Wein und eine Flasche Singari (Nationalschnaps Boliviens) bekommen. Das beste war allerdings ein verzierter Cachi-Würfelbecher inklusive Würfeln, den Armin mir überlassen hat.

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IMG_1393aIMG_1381bDie gewonnenen Flaschen teilten wir am nächsten abend mit den anderen in der Wohnung der Gastfamilie von Sara und Chris. Danach quetschten wir uns mit 11 Leuten in zwei Taxis und fuhren zu einem Salsa-Club. In der Sprachschule hatten wir einen Salsa-Crashkurs bekommen. Die rhythmischen Bewegungen sahen zwar bei Vielen noch sehr holzig aus, aber wir wollten sie dort trotzdem zum Besten geben. Manchmal ist es ganz gut in Südamerika blond zu sein, denn wir Mädels wurden schnell von den Bolivianern im Club aufgefordert. Das war sehr gut, denn sie hatten wohl ordentlich Salsasauce intus, mit der sie führen und tanzen und mich herumwirbeln konnten wir in einem schlechten Tanzfilm. Diese bolivianischen Tanzfreunde danach wieder loszuwerden war allerdings die andere Seite vom Parkett. Nach dem Salsavergnügen quetschten wir uns wieder mit viel zu vielen Leuten in zwei Taxis und führen in einen anderen Club. Dort packte jeder seine besten und witzigsten Bewegungen aus und wir tanzten als gäbe es kein Morgen. Es war eine verrückte Nacht. Tanzen macht glücklich!

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IMG_1488aNach einer Woche in Sucre wechselte ich das Hostel und auch den Sprachunterricht. Ich hatte mal wieder Lust auf ein Einzelzimmer. Außerdem wollte ich an der Sprachschule, von der die anderen so schwärmten, ebenfalls Unterricht nehmen. Also landete ich bei der Sprachlehrerin Sara und bekam sogar Einzelstunden. Sara erzählte gerne. Sie erzählte mir in einer Mischung aus Spanisch und Englisch, also in Spenglisch, viel über die Politik in Bolivien und den Präsidenten Evo Morales. Er ist das erste indigene Staatsoberhaupt, besitz allerdings kaum eine Ausbildung. Die Meinungen zum Präsidenten polarisieren stark. Doch er hat viele Anhänger in der indigenen Gesellschaft, die die Mehrzahl der Bevölkerung Boliviens bildet. Eigentlich dachte ich: „Voll gut, dass hier das indigene Volk nicht einfach in Reservate weggesperrt wurde“, aber die ganze Geschichte ist viel zu komplex, um sich so einfach eine Meinung zu bilden.

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IMG_1286aAm 6. August war Boliviens Nationalfeiertag und die ganze Stadt hat eine große Parade zu Ehren des bolivianischen Präsidenten vorbereitet, die schon zwei Tage vorher mit viel Getrommel und bunten Kostümen durch die Stadt zogen. Sara erzählte mir aber nicht nur davon, sondern auch viele andere Dinge über Bolivien und ich ihr über Deutschland. Am Ende half sie mir sogar noch bei ein paar organisatorischen Sachen mit der Bank und meinem Handy, das immer noch nicht funktionierte. Im Unterricht lernte ich die nötigsten Vokabeln und Regeln für den alltäglichen Gebrauch und konnte mich sogar mit Vivien aus der Schweiz einen ganzen abend auf Spanisch unterhalten, weil sie nur französisch und ganz wenig Englisch sprach. Obwohl wir uns oft nicht verstanden, verstanden wir uns ausgezeichnet.

IMG_1470aSie war nicht nur weiß wie Zucker, sondern auch sehr hilfsbereit, gesellig, gemütlich und während der Parade am Nationalfeiertag sogar sehr lebhaft und bunt. Ich fühlte mich in ihr pudelwohl, auch wenn mich hier einer der vielen herumstreunenden Hunde fast gebissen hätte. Wir mochten uns, aber nach zwei Wochen wußte ich, dass ich sie wieder verlassen muss. Also verabschiedete ich mich von Sucre, denn Cochabamba klopfte bereits bei mir an und wartete auf mich.

p.s. Wenn man auf die Bilder im Text klickt, werden die groß:)

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Ganz weit oben und unten (Potosi)

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Als ich aufwachte, fühlte ich mich wie verkatert oder als ob ich einen Bleihelm aufhätte, auf den jemand ständig draufhauen würde. Mein Kopf tat weh, ich fühlte mich schlapp und mir war etwas schwindelig. Sebas, Marie und das australische Pärchen waren schon längst aufgestanden. Ich setzte mich im Schlafanzug zu ihnen an den Frühstückstisch. Sie meinten, ich solle mal ein paar Kokablätter kauen und Kokatee trinken, damit das besser würde mit der Höhenkrankheit. Doch auch nach dem Frühstück mit Kokatee und -blättern merkte ich noch immer die ca 4000 Meter hohe Stadt Potosi mit ihrer dünnen Luft in meinem Kopf.

IMG_1223aMit meinem gefühlten Bleihelm sammelte ich meine schmutzige Wäsche zusammen und brachte sie zur Rezeption. Danach setzte ich mich wieder ins Foyé auf die Couch und beobachtete die beiden älteren bolivianischen Herren, die das Hostel leiteten. Das Telefon klingelte. Der eine Herr schrie vom zweiten in den dritten Stock zu dem anderen Herren, dass das Telefon klingelt. Der andere Herr schrie irgendetwas zurück. Irgendwann schlurfte einer der beiden Herren grummelig murmelnd zum Telefon. Kürz darauf tauchte der andere Herr in der zweiten Etage auf, schrie wieder etwas zu dem Herrn im Erdgeschoss und warf Bettwäsche herunter, die der Herr im Erdgeschoss auffing. Dieses Spiel konnte man stundenlang beobachten. Die ganze Zeit brüllte es in einem nuscheligen Spanisch vom Erdgeschoss in die zweite Etage oder von der ersten Etage in die Rezeption oder von der Küche zurück in die zweite Etage. Kommunikation auf ein und der selben Etage oder sogar im selben Raum gab es hier nicht.

IMG_1204aSebas, Marie und das australische Pärchen wollten etwas essen gehen und danach in die Stadt. Ich hatte kaum Hunger, ging aber mit. Nach dem Essen ging ich wieder ins Hostel und legte mich ins Bett. Nach dem Gang zum und vom Restaurant fühlte ich mich wie eine alte Frau mit Atemschwäche. Die  anderen kamen auch bald wieder zurück aus der Stadt und schmiedeten Pläne für den Abend und die Weiterreise. Dabei merkte ich nicht nur den Bleihelm klopfen, sondern auch den Gruppenkoller, der so langsam immer lauter klopfte. Es war anfangs angenehm, dass Sebas und Marie gut Spanisch konnten und mir alles übersetzen konnten. Es war auch angenehm, dass ich kaum noch selber Entscheidungen treffen musste, weil das vier andere Leute übernahmen. Ich musste auch nicht mehr so viel Angst vor Überfällen haben und hatte immer Gesellschaft. Aber ich wollte selber mit den Leuten auf der Straße Spanisch reden, auch wenn ich es nicht konnte und ich wollte selber mit den Leuten auf dem Markt verhandeln und ich wollte selber entscheiden, wann wo und was ich esse und unternehme, auch wenn meine Sicherheit dadurch etwas gefährdet war. Also beschloss ich noch ein paar Tage länger als die anderen in Potosi zu bleiben.

IMG_1197aAls ich am nächsten Tag aufwachte, war der Bleihelm auf meinem Kopf schon fast verschwunden. Am Vormittag besichtigte ich noch eine Kirche mit den anderen und verabschiedete mich dann von ihnen. Ich glaube, sie konnten nicht so richtig verstehen, warum ich freiwillig alleine weiterreisen wollte. Aber das war mir egal. Ich hab mich schon an die erstaunten Blicke gewöhnt, wenn mich Leute fragten, ob ich denn ganz alleine reisen würde und dann auch noch als blonde Frau, die kaum Spanisch sprach. Vielleicht hatten sie recht, aber ich war wieder frei, konnte wieder alles alleine entscheiden ohne Kompromisse, musste aber auch wieder alles alleine regeln. Ich gab den einen der beiden brüllenden Herren zu Verstehen, dass ich meinen Aufenthalt verlängern möchte, ich tauschte chilenische Pesos in Bolivianische Bolivianos. Ich kaufte ein bisschen Verpflegung und einen Groschenroman auf Spanisch, den ich im Hostel gegen einen Südamerika-Reiseführer eintauschte (Mein Lonely Planet wurde auch beim Überfall geklaut). Ich rannte durch die Stadt, verlief mich ein paar Mal, fand dann aber ein nettes Restaurant. Das alles war oft nicht so einfach, da in Bolivien anscheinend noch weniger Leute Englisch sprechen, als in Chile. Aber es klappte irgendwie, auch wenn ich mir wünschte besser Spanisch sprechen zu können.

Die Lösung meines Sprach-Problems zog gleich am nächsten Tag in mein Zimmer ein: Suzanne, Sara und Barbara, jeweils aus den Niederlanden, den USA und Deutschland. Sie nahmen alle Spanischunterricht in Sucre und erzählten mir, dass Sucre eine wirklich schöne Stadt ist, in der man prima Spanisch lernen konnte.

IMG_1242aBarbara begleitete mich spontan auf die geführte Tour in die Silbermine Potosis. Potosi war wegen ihres Silbervorkommens einst eine sehr wohlhabende Stadt. Noch heute arbeitet der Großteil der Einwohner dort unter gefährlichen Arbeits- und Sicherheitsbedingungen. Ich war mir anfangs nicht sicher, ob ich diese Tour machen sollte. Den Bergleuten bei ihrer Arbeit zuzugucken wie Tieren im Zoo, erschien mir etwas befremdlich. Doch dann sagte man mir, dass am Wochenende kaum Arbeiter in der Mine sind und zum Glück entschied ich mich dafür. Es war eine sehr intensive Erfahrung. Wir bekamen spezielle Kleidung und Stiefel. Und nachdem ich meinen gefühlten Bleihelm gerade erst losgeworden bin, bekam ich wieder einen Helm, mit einer Lampe vorne dran. Wir fuhren mit dem Bus zur Mine. Die Tour wurde von Ex-Minenarbeitern geleitet. Sie hatten kleine Plastikbeutel mit Kokablättern dabei, die sie sich pausenlos in den Mund steckten bis sie eine dicke Backe hatten. Der Guide erzählte uns, dass das alle Arbeiter machen, bevor sie in die Mine gehen. Das hält wach und unterdrückt den Hunger. In der Mine, wo sie 8-10 Stunden arbeiten, können sie nichts essen. Manche arbeiten auch ganze zwei Tage durch.

IMG_1253aEs war dunkel, es war feucht, es war eng und die Luft war sehr stickig. Wir mussten oft gebückt die enge Wege entlanggehen und krochen sogar manchmal auf allen Vieren durch schmale Seitengänge. Unterwegs begeneten uns dann doch zwei Arbeiter, die ein etwas gequältes Lächeln aufsetzten, um sich mit ein paar Mädchen aus der Reisegruppe fotografieren zu lassen. Tiefer und tiefer gelangten wir in die Mine, wo die Luft immer staubiger und heißer wurde. Diese heiße, stickige und staubige Luft brachte mich an meine Grenzen. Ich fühlte mich kurzzeitig etwas schwindelig und ich war mir nicht sicher, ob mir nicht doch jeden Moment schwarz vor den Augen wird und ich einfach umkippe.

IMG_1247aAls wir in der sogenannten dritten Ebene, ziemlich weit unter der Erde, angekommen waren, erzählt der Guide von der Minenarbeit und den Arbeitern. Viele Kinder beginnen bereits im Alter von 10 bis 13 Jahren in der Mine zu arbeiten, oft weil der Vater früh verstorben ist und die Familie Geld braucht. Fast alle diese Kinder arbeiten ihr ganzes Leben dort und dieses Leben ist sehr kurz. Die meisten von ihnen werden nicht älter als 30 oder 40 Jahre. Die häufigste Todesursache sind Lungenerkrankungen, da die Arbeiter tagtäglich die staubige Luft und Quecksilberdämpfe einatmen. Doch das ist nicht die einzige Gefahr. Viele Arbeiter sterben auch in der Mine bei Explosionen oder durch andere Arbeitsunfälle. Um das zu verhindern, opfern sie einem selbstgebauten Teufel, den sie Tio (Onkel) nennen, Zigaretten, Kokablätter und hochprozentigen Alkohol. Dabei bitten sie darum, dass er sie in Ruhe lässt und sie nicht in der Mine sterben lässt.

IMG_1257aIhr Leben ist kurz und ohne Perspektive. Das wissen die Arbeiter. Wenn sie nicht arbeiten leben sie für den Moment und versuchen ihn mit vielen Frauen, viel Alkohol und vielen Parties zu genießen. Auf der anderen Seite sind sie trotzdem sehr stolz auf ihre harte Arbeit, für die sie allerdings nur wenig Geld bekommen. Als ich das alles erfahren habe, fühlte ich mich komisch. Vor meiner Reise habe ich mich so oft über meinen alten Job geärgert, der aber überhaupt nicht zu vergleichen ist mit der harten und gefählichen Bergarbeit. Auch die Kinderarbeit erschreckte mich. In Sucre habe  ich später erfahren, dass die Kinder keine Alternative haben und sogar auf die Straße gegangen sind, als der bolivianische Präsident die Kinderarbeit verbieten wollte. In Sucre habe ich auch einen sehr guten Dokumentarfilm über die Minenarbeit in Potosi gesehen. Er heißt „The Devils miner“. Hier der Trailer.

IMG_1262aMit den anderen drei Mädels aus meinem Zimmer bin ich am nächsten Morgen weiter nach Sucre gefahren, um dort mehr Puzzleteile zu sammeln für mein Bild von Bolivien und um Spanisch zu lernen.

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Viel Salz und viel Sand (Salar de Uyuni)

IMG_0888a12 Leute in einem Bus, Warten am Grenzübergang nach Bolivien, Zettel ausfüllen. Es war furchtbar windig und kalt beim ersten Stop. In einem kleinen Häuschen mussten wir die Zettel abgeben. Auf einem Klapptisch neben den Jeeps wurde das Frühstück aufgebaut. Kurze Zeit später standen die Fahrer auf den Dächern der Jeeps und gaben die Anweisung unsere Badesachen auszupacken. Dann sollten wir ihnen die Rucksäcke reichen, damit sie dort oben befestigt werden konnten. Mit steif gefrorenen Fingern und in einer Hand noch das angebissene Käsebrot versuchte ich den Bikini aus meinen großen Rucksack zu kramen während mir der Wind um die Ohren peitschte. Der Mann auf dem einen Dach gab mir zu verstehen, dass ich mich beeilen soll. Danach wurden aus den 12 Leuten im Bus jeweils 6 Leute in 2 Jeeps. Marie, Sebas und ich saßen in einem Jeep mit drei anderen Deutschen. Einer davon war Marius, der ein Semester in Valparaiso (Chile) studiert hatte und jetzt mit seinem kleinen Bruder und seiner Mutter durch die Gegend reiste. Der Fahrer sprach ausschließlich Spanisch und ich war wiedermal auf die Übersetzung von Marie und Sebas angewiesen. Alle saßen mehr oder weniger bequem auf ihren Plätzen und los ging die 3-tägige Tour zum Salar de Uyuni, dem mit mehr als 10.000 Quadratmetern größten Salzsee der Erde.

IMG_0852aWie fuhren stundenlang durch die Wüste, hielten an, stiegen aus, machten Fotos, stiegen wieder ein und fuhren weiter. Es blieb sehr kalt und sehr windig. Außerdem wurde die Luft immer dünner, da wir in Höhen zwischen 2500 und 5000 Metern über dem Meeresspiegel hin -und herfuhren, ein- und ausstiegen. Bewegungen wurden anstrengender und langsamer. Meine Puste ging schnell aus. Ich fühlte mich wie eine alte Frau.

IMG_0964aDer Jeep hielt oft an. Er stoppte an beeindruckenden Lagunen, an skurrilen Landschaften mit eigenwilligen Felsformen, an Vulkanen und an dampfenden Geysiren. Wir sahen Flamingos, Lamas und hasenähnliche Tiere, die etwas Ähnlichkeit mit Pikatchu von den Pokemons hatten. Der Jeep hielt auch an einem alten Friedhof, in dessen Grabstätten man Skelettüberreste und Grabbeigaben entdecken konnte. Wir aßen traditionelles Essen und wir schliefen in einer Herberge in 5000 Metern Höhe sowie in einem Hotel aus Salz.

IMG_0968aMit einer deutschen Familie den begrenzten Raum und Zeit in einem Jeep zu verbringen, war anfangs ernüchternd. Es gibt da nämlich dieses Phänomen auf Reisen, dass Deutsche wohl nicht so gerne mit anderen Deutschen reisen, sondern lieber mit exotischeren Nationalitäten. Phänomen hin oder her, die Atmosphäre im Jeep war trotzdem entspannt. Marie und Marius erprobten ihre Spanischkenntnisse mit dem exotischen, bolivianischen Fahrer, Sebas genoss überwiegend schweigend die Aussicht aus dem Fenster, Marius kleiner Bruder klärte uns über deutschen HipHop auf und die Mutter überraschte immer wieder mit absurden Kommentaren. Ich versuchte ab und an kleine Gruppenspiele anzuregen, die allerdings nach kurzer Zeit wieder im Wüstensand verliefen. Im zweiten Jeep saß unter anderem ein fotofreudiges Pärchen aus Chile. Die beiden machten nicht nur Fotos in allen denkbaren Posen von sich selber, sondern wollten sich auch oft mit mir fotografieren lassen, wobei sie mich einfach nur Alemania nannten: „Alemania, Foto, Foto!“ Wir hatten eigentlich nicht viele Worte gewechselt, aber man kann mich (Alemania) jetzt wahrscheinlich in ihrem Fotoalbum bewundern.

IMG_0875aAm dritten Tag erreichten wir vor Sonnenaufgang den Salar de Uyuni. Wieder einmal war unser Jeep nicht der einzige, der zu dieser Zeit hier hielt. Mit vielen anderen Touristen, die aus vielen anderen Jeeps ausstiegen, kletterten wir auf einen Berg, der von Kakteen übersät war, um von dort oben den Sonnenaufgang über den Salzsee zu sehen. Anschließend fuhr unser Jeep direkt auf den See. Dort erstreckte sich eine weiße Fläche mit einem wabenähnlichen Muster über eine endlos scheinende Fläche. Salz, überall Salz, aber zum Glück keine weiteren Touristen in Sicht. Vor dieser surrealen Kulisse machten wir Fotos während wir sprangen, lagen, saßen, in seltsamen Positionen, einzeln und in der Gruppe. Als alle genügend facebook-Material im Kasten hatten, ging es nicht weiter nach Uyuni (der Stadt), sondern zu einem kleinen Ort in der Nähe.

IMG_0778aIMG_1150aIMG_1128aIn Uyuni, wo die Tour eigentlich enden sollte, gab es schon seit Tagen Unruhen und Demonstrationen. Ich wusste nicht genau, was ich davon halten sollte. Viele waren davon beunruhigt, da es die Weiterreise erschwerte. In dem kleinen Ort, in dem unsere Tour endete, fuhren keine Busse und die wenigen Taxifahrer nutzten die Situation, um uns Wucherpreise anzubieten. Ein australisches Pärchen aus dem zweiten Jeep wollte ebenfalls weiter Richtung Norden reisen. Da standen wir nun, Marie, Sabas, das Australische Pärchen und ich. Wir überlegten hin und wir überlegten her. Dann sagte unser freundliche Fahrer, dass er doch weiter nach Uyuni fährt, uns bis dorthin mitnimmt und uns dann hilft weiterzukommen. Also kletterten wieder rein in den Jeep.

Es war ein verrückter Tag. Kurz nachdem wir nun endlich wussten, wie wir weiterkommen, brach ein Sandsturm aus. Wir sahen nichts mehr außer Sand, der um den Jeep herumwirbelte und sogar durch die undichten Ritzen bis zu uns in den Jeep wehte. Der Fahrer stoppte kurz, fuhr dann jedoch gemütlich weiter. Ich weiß wirklich nicht, wie er trotz Sandsturm den Weg nach Uyuni durch die immer gleichaussehende Wüstenlandschaft fand, aber er fand ihn. Uyuni sah nach dem Sturm aus wie eine verlassene Geisterstadt. Auch die Unruhen waren wie weggeweht. Hier traf unser Fahrer auf dem Busbahnhof zufällig einen Bekannten, der uns mit seinem Jeep nach Potosi bringen konnte. Also kletterten wir inklusive Surfbrett und Hula-Hoop-Reifen des australischen Pärchens in einen anderen Jeep. Auf der Fahrt unterhielt ich mich mit Jen, die schon seit 7 Jahren reist und immer ihren Hula-Hoop-Reifen dabei hat. Ihr Freund reist nirgendwohin ohne sein Surfbrett. Das funktioniert wohl ganz gut. Wenn er surft, macht sie Hula Hoop. Nach ungefähr 5 weiteren Stunden erreichten wir Potosi, eine der höchstgelegenen Großstädte der Welt. Das war gut. Nicht so gut warallerdings, dass der Fahrer wollte uns einfach am Stadtrand rauslassen wollte. Es war schon dunkel und wir hatten keinen blassen Schimmer, wo wir waren. Nach einigem Bitten brachte er uns dann glücklicherweise doch bis ins Stadtzentrum. Von dort aus machten wir uns auf die Suche nach einem Schlafplatz. Beim dritten Hostel, das wir fanden, hatten wir Glück. Nach diesem langen Tag, an dem wir viel Schlafsand in die Augen bekamen, fiel ich erschöpft ins Bett.

Puh, das war nicht nur ein langer Tag, sondern auch ein langer Text…

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Atacamawüste

Galerie

Diese Galerie enthält 21 Fotos.

In der Wüste. Der Guide erklärt sehr energisch. Sonnenuntergang: Oranges Licht. Sonnenuntergang: Pinkes Licht. Porotoso granados (Bohneneintopf). Eigentlich mag ich keine Bohnen, aber das war Ok. Sebas, Jona, Marie… San Pedro de Atacama. Überall flache Lehmhäuser und im Hintergrund der … Weiterlesen

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Eine Wüste mit Gesellschaft (San Pedro de Atacama)

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Sie sah schon sehr beeindruckend aus mit ihrer Weite und ihren eigenwilligen Formationen. Eigentlich sah sie gar nicht so aus, wie ich sie mir vorgestellt habe. Es gab statt Sandhügel vor allem Felshügel und -berge, die schienen als wären sie entlang der Linien im Fels aufgeschichtet worden. Der Tourführer erklärte uns überaus begeistert, dass diese Linien im Laufe der Zeit, also vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden entstanden sind. So genau kann ich das nicht sagen, da er sehr schnell sprach und sein Englisch einen starken spanischen Akzent hatte. Nicht umsonst heißt der Ort Valle de la Luna (Mondtal), denn ich fühlte mich fast wie auf einem anderen Planeten. Doch die vielen Menschen um mich herum holten mich schnell wieder in die Realität zurück. Beim Sonnenuntergang wurden wir auf einen großen Berg gebracht und konnten beobachten, wie sie erst in oranges and später in pinkes Licht gefärbt wurde. Diesen magischen Augenblick teilte ich allerdings mit noch mehr fremden Menschen als zuvor, die mit vielen Touristenbussen herangefahren wurden, um möglichst oft auf den Auslöser ihrer Kamera zu drücken. Damit ich statt der vielen Menschen auch noch etwas Atacamwüste im Sonnenuntergang auf das Bild bekam, hielt ich meine Kamera noch ein Stückchen höher. Danach steckte ich die Kamera in die Tasche und riskierte einen Blick auf die Wüste ohne Kamera zwischen mir und der Wüste.

IMG_0529aNach ungefähr 24 Stunden im Bus (von Santiago) und einmal Umsteigen in Calama bin ich mit Marie in San Pedro de Atacama angekommen, ein Oasendorf in der Atacamawüste. Maries Freund Jonathan (kurz Jona) aus Santiago, kam mit einem späteren Bus nach. Er hatte in San Pedro früher einmal eine zeitlang gearbeitet und bekam spontan Lust uns zu begleiten. Am nächsten Tag stieß noch Sabastian (kurz Sebas) zu unserer kleinen Gruppe. Er war ein Freund von Marie aus Deutschland. Jona konnte es kaum erwarten uns herumzuführen und uns die Vulkane in der Ferne zu zeigen. San Pedro war nicht sehr groß. Viele flache Lehmhäuser und viele Straßenhunde verteilten sich um das Ortszentrum. Im Zentrum gab es hauptsächlich eine Reiseagentur neben der anderen und vielmehr Touristen als Einheimische, die sich durch die sandigen Straßen schoben. Doch Jona traf immer mal wieder alte Bekannte. Einer von ihnen lud uns abends zum asado (Barbecue) ein.

IMG_0394aUm 22 Uhr empfingen uns die Freunde von Jona herzlich in ihrem Haus mit einem Glas Piscola (Pisco+Cola). Die Uhrzeit war nicht ungewöhnlich für ein Abendessen in Chile. Allerdings musste ich bei unsere Ankunft mit knurrendem Magen feststellen, dass Jona, sein Freund und dessen Bruder gerade erst anfingen den Grill anzuheizen. Dafür hatten sie eine ganz eigene Technik, die mir bisher nicht bekannt war. Aus Zeitungspapier wurden Kringel gedreht und auf dem Grill übereinandergelegt. In die Kringelmitte stellten sie eine leere Flasche und zündeten das zusammengerollte Zeitungspapier und die Kohle drumherum an. Schließlich entfernten sie die Flasche wieder und das Feuer begann langsam zu brennen. Nach einer ganzen Weile wurden dann endlich ein paar riesige Stücke Fleisch und kleine Würstchen auf dem Grill verteilt. In der Zwischenzeit gab es Piscola und Gespräche hauptsächlich in Spanisch. Marie und Sebas konnten sich gut auf spanisch unterhalten. Ich musste mich allerdings sehr anstrengen um ein paar grobe Gesprächsbrocken aufzuschnappen. Mit der Freundin des Gastgebers konnte ich mich zwar auf Englisch unterhaten, aber trotzdem war das nicht das selbe. Im Laufe des abends wuchs in mir der Wunsch mich mit den Einheimischen in ihrer Sprache unterhalten zu können. Ich nahm mir fest vor bei der nächsten Gelegenheit auf meiner Reise Spanischunterricht zu nehmen. Um ca. 12 Uhr nachts war es dann endlich so weit und die ersten kleinen Würstchen wurden in kleinen Brötchen serviert. Das Warten hatte sich wirklich gelohnt. Die Würstchen waren köstlich, aber nichts im Vergleich zu dem superzarten Fleisch, dass eine halbe Stunde später auf dem Tisch stand. Es schmeckte wahrscheinlich auch so wahnsinnig gut, weil ich schon fast umkam vor Hunger und so lange warten musste, aber trotzdem: Die Chilenen sind sehr geduldige und wirklich meisterhafte Grillen, also Griller, also Asadokünstler, sozusagen.

IMG_0551aAuch wenn es nachts immer bitterkalt war, brannte tagsüber die Sonne. Wir hatten Lust auf eine Abkühlung und liehen uns am nächsten Tag Fahrräder, um zum Salzsee Laguna Cajas zu fahren. Jona kannte den Weg durch die Wüste und wir radelten munter hinterher. Der Weg war anfangs sehr holperig. Kurz nach dem nächsten großen Loch wußte ich dann auch, dass ich mit dem Moutainbike nicht zu stark bremsen sollte, weil ich mich sonst überschlagen und im Loch landen könnte. Außer ein paar kleinen Schrammen ist mir zum Glück nichts passiert und ich fuhr weiter durch die unglaubliche Weite der Wüste. Es gab dort nichts außer bizarre Felsberge und die Anden in der Ferne, die aussahen, als hätte man sie mit blassen Farben auf eine Tapete gemalt. Bei dem Anblick stellte ich mir vor, ich wäre der einzige Mensch auf der Welt. Dieser Gedanke verflog schnell, als wir am Salzsee ankamen, denn dort tummelten sich bereits viele Menschen. Auch wir gingen in das sehr kalte und sehr salzige Wasser. Das Salz war sehr hartnäckig. Es brannte nach dem Abtrocknen wie kleine Stecknadeln auf der Haut. Bevor wir uns auf den Rückweg machten, entdeckten wir eine Bande Flamingos, die sich ganz wohlzufühlen schienen im Salzwasser.

IMG_0584aMorgens um 4 Uhr des darauffolgenden Tages mummelte ich mich bei minus 12 Grad mit vier übereinandergezogenen Pullovern und einer Decke in den Bus. Der brachte uns auf unserer zweiten geführten Tour auf eine Höhe von 4000 Metern (2000 Meter höher als San Pedro) zu den Geysiren von El Tatio, die während des Sonnenaufgangs besonders aktiv sind. Die Geysirlandschaft sah noch außerirdischer aus, als das anfangs beschriebene Valle de la Luna. Überall blubberte, dampfte und zischte es. Große Nebelwolken und heißes Wasser sprudelten aus kraterartigen Löchern im Boden. Hier störten mich die vielen Menschen um mich herum ausnahmsweise mal garnicht. Vielmehr passten sie super in mein Bild. Sie sahen aus wie Silhouetten, die wie Außerirdische durch die vernebelte Dampfwolkenlandschaft stapften. Trotz der Kälte schlüpfte ich aus meinen 4 Pullovern und tauchte kurz in das warme Thermalbad im Freien zu den anderen Außerirdischen.

IMG_0642aErschöpft von den Touren und Eindrücken in der Wüste wollte ich eigentlich noch einen weiteren Tag in San Pedro bleiben um mir nichts anzugucken und nichts zu unternehmen. Doch für den nächsten Tag hatten wir eine 3-tägige Jeeptour zum Salar de Uyuny gebucht, die ich nicht mehr verschieben konnte. Also fuhr ich mit den anderen am nächsten morgen in das zweite Land auf meiner Reise, nach Bolivien.

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Wieder zurück (Santiago de Chile2)

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Da war ich also wieder, zurück in der Stadt Santiago de Chile, in der ich schon einige Zeit verbracht habe und in die ich auch nicht das letzte Mal zurückkehren werde. Am Samstag, den 12. Juli, lief ich mit meinem Rucksack wieder durch die Straßen von Santiago. Von der Metrostation kannte ich den Weg zum Hostel bereits im Schlaf, auch wenn ich diesmal ein Bett in einem anderen Hostel gebucht hatte. In diesem Hostel war ich vor ungefähr zwei Wochen als Besucherin und habe dort den abend nach meinem Raub verbracht.

Kurz nach meiner Ankunft im Hostel lernte ich Emily aus England kennen, die bei mir im Zimmer schlief. Sie sagte, dass ich abends in den Empfangsraum kommen soll, weil da wohl immer was los sei. Ich kaufte eine Flasche Wein und setzte mich dort abends auf die Couch. Neben mir saß ein Typ aus Australien, der sich mir sofort vorstellte (dessen Namen ich aber wieder vergessen habe). Es wurden die typischen Antworten auf folgende Fragen ausgetauscht: Wie heißt du? Wo kommst du her? Wie lange bist du schon da? Wo willst du hin?

Kurz danach setzte sich Brian aus den USA neben mir auf die andere Seite und löcherte mich mit allen möglichen Fragen. Er war gerade mal Anfang 20 und hat auf dem College eine Arbeit über das Bildungssystem in Deutschland geschrieben. Darüber haben wir eine ganze Weile philosophiert, bis Annalena und Fabian sich dazugesellten. Die beiden kamen aus…Hannover. Wer hätte das gedacht. Emily wollte unbedingt tanzen gehen und motivierte alle im Raum zum allgemeinen Aufbruch. Gemeinsam gingen wir in einem Club, in dem wir zu schlechter Musik fröhlich durch die Nacht tanzten.

IMG_0360aAm nächsten Tag war es dann soweit: Das Finale Deutschland gegen Argentinien. Eigentlich wollte ich meine Sachen waschen, aber ich wurde von Emily aufgehalten, die sagte: „Wo bleibst du denn? Wir gehen jetzt in eine Bar und gucken das Spiel.“ Ich wußte nicht, dass das Spiel schon um 14 Uhr beginnt, schmiss meinen Wäschebeutel in die Ecke und ging mit. In der Bar lernte ich Marie kennen. Sie war eine deutsche Austauschstudentin und hatte sogar Farben dabei, mit denen wir uns die Deutschlandfahne auf die Wangen malten. Es war etwas seltsam das Spiel in einem anderen Land zu sehen, wo nur vereinzelt andere Deutsche begeistert dem Sieg entgegenfieberten. Das mit den aufgemalten Fahnen auf den Wangen hat offensichtlich funktioniert, denn Deutschland wurde Weltmeister. Nach dem Spiel fand sich eine kleine Gruppe aus Deutschen und Chilenen zusammen, die das Ereignis feiern wollten. Obwohl ich noch müde vom Vortag war, ging ich mit. Einen ganzen abend lang saßen wir draußen auf Bänken vor einer Bar am Straßenrand, tranken Bier, aßen Pommes und unterhielten uns über Döner, Rammstein (die einzige bekannte Band aus Deutschland in Chile), Reisen und über viele andere Dinge aus Deutschland und Chile. Wir sprachen über alles andere außer Fußball und landeten am Ende auf einer Raggaeton-Party. Dort verwandelte sich die vorher unscheinbare Michelle aus Santiago in eine zauberhafte Tänzerin und zeigte mir wie man in Chile zu Raggaeton die Hüften schwingt.

Da am Montag die deutsche Botschaft für Besucher geschlossen hatte, konnte ich erst am Dienstag dorthin. Das war der eigentliche Grund, warum ich wieder nach Santiago zurückgekommen war. Ich brauchte einen richtigen Pass, damit mein Work & Travel Visum für Neuseeland weiterhin gültig ist. Als ich den Raum betrat, blinkte die Nummer 18 über dem Schalter. Ich hielt die gerade gezogene Nummer 50 in meiner Hand und stelle mich auf eine längere Wartezeit ein. In der Zeit beobachtete ich die Leute, die in Chile zur deutschen Botschaft gekommen waren. Da gab es zum Beispiel eine ältere Frau, die wohl recht wohlhabend war und sich mit einer anderen Frau unterhielt. Sie ist damals aus Deutschland nach Chile eingewandert, hat einen chilenischen Mann geheiratet und hatte ihre feine Leggings falschherum angezogen. Kurz darauf kam ihr bereist erwachsener Sohn dazu. Er unterhielt sich kurz mit mir. Dann waren die Beiden an der Reihe. Sie wollten ihren chilenischen Pass verlängern. Die Mutter hatte das Wort, der Sohn stand nickend daneben. Da ich mir weiterhin die Zeit vertreiben musste, blätterte ich in einem Heft, das Deutschland und seine Wirtschaft vorstellte. Unter anderem wurde über Volkswagen als sehr nachhaltiges Unternehmen berichtet. Das warf mich für kurze Zeit in die Vergangenheit zurück und ich legte das Heft zur Seite. Nach einer kleinen Ewigkeit blinkte endlich die Nummer 50 über dem Schalter eins. Ich erläuterte mein Anliegen, füllte Formulare aus und hatte eigentlich noch ein paar Fragen. Doch die chilenische Dame hinter der Schalterscheibe sagte: „Ich muss jetzt Pause machen.“ und ging einfach. Ich war etwas verdutzt, da die Beamten in Chile die Arbeitszeiten wohl noch genauer nahmen als in Deutschland. Da anscheinend auch alle ihre Kollegen bereits pünktlich ihre Pause machten und ich die Letzte war, ging auch ich.

Mit Marie und ihrem chilenischen Freund Jonathan kaufte ich am selben Tag Bustickets nach Stan Pedro de Atacama, eine Wüstenoase im Norden von Chile. Die beiden halfen mir außerdem mit ihren Spanischkenntnissen eine neue Touristenkarte, die eigentlich eher ein Touristenzettel ist, von der Polizeistation in Santiago zu besorgen. Die Karte wurde mir auch beim Raub gestohlen und ist sehr wichtig für die Ausreise. Nach einer weiteren durchtanzten Nacht mit den Leuten aus dem Hostel befand ich mich mit Marie am Mittwoch, den 16. Juli auf einer 24-stündigen Busfahrt nach San Pedro de Atacama. Auf dem Bild seht ihr die Verpflegung für die Fahrt: Ein Päckchen Orangenkonzentratsaft und ein Päckchen Waffeln.

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In der kunterbunten Stadt (Valparaiso)

IMG_0308bAls ich aufwachte, war es schon dunkel. Es war gerade mal 19 Uhr, aber schon stockfinster. Wie konnte das so schnell passieren? Als ich eingestiegen bin, war es doch noch sonnig und hell. Eigentlich wollte ich zu Fuß vom Busbahnhof zum Hostel laufen. Doch dann bekam ich plötzlich Panik in einer fremden Stadt abends mit meinem großen Rucksack alleine den Weg zum Hostel zu suchen. Das ging mir durch den Kopf als ich im Bus von Santiago nach Valparaiso saß. Ich merkte, dass der Raub seine Spuren hinterlassen hatte.

Der Bus hielt. Wir waren angekommen. Ich entdeckte zwei blonde Menschen im vorderen Teil des Busses. Blonde Menschen sind hier fast immer ebenfalls Reisende. Wie sich herausstellte, war es auch so. Ich fragte sie, wo sich ihr Hostel befindet und ob wir uns ein Taxi teilen wollen. Das hatte schonmal gut geklappt. Der Taxifahrer knöpfte uns zwar etwas zuviel Geld ab, aber ich stand unausgeraubt vor meinem Hostel. Nachdem ich erwartungsvoll auf den Klingelknopf drückte, erschien ein bärtiger Mann an der Tür. Ich sagte ihm, dass ich hier ein Bett gebucht habe. Er meinte daraufhin, dass kein Bett im Schlafsaal mehr frei ist. Und schwups, da war sie wieder, die kleine Panik, die sich von hinten an mich heranschlich. Doch dann nahm mir der bärtige Mann meinen Rucksack ab und brachte mich zu einem anderen Haus. Dort sagte der Besitzer, dass er da wohl was verwechselt hat mit meiner Reservierung. Kurz darauf bot er mir statt dem Schlafsaalbett ein Einzelzimmer zum selben Preis an, das ich dankend annahm. Zusätzlich bekam ich einen Stadtplan, auf dem er mir zeigte, was ich mir angucken kann und in welche Ecken ich besser nicht gehen sollte. Auch diese Informationen nahm ich gerne an, da bei dem Raub auch mein Lonely Planet-Reiseführer gestohlen wurde. Nach fast zwei Wochen in Mehrbettzimmern, war es sehr schön in einem eigenen Zimmer zu schlafen, das zudem auch noch ein flauschig warmes Federbett für die kalten Nächte hatte.

IMG_0037Ich war in Valparaiso, einer bunten, lebhaften Stadt an der Westküste Chiles. Auf einer Stadtführung lief ich durch verwirrende Gassen, entlang bunter Häuser, mit wunderschönen Graffiti und Bildern an den Häuserwänden. Es erschien mir wie ein Labyrinth voller phantasievoller und teilweise absurder Figuren und Muster. Die Stadt erstreckt sich bis hoch in die Berge. Viele bunte Treppenstufen oder alte Gondeln führen in die oberen Winkel der Stadt. Eigentlich sind Grafitti in Valparaiso verboten, erzählt das Mädchen, das die Leute durch die Stadt führt. Doch hier kann jeder sein Haus so gestalten und anmalen, wie es ihm gefällt. Das erinnert mich irgendwie an Pipi Langstrumpf und gefällt mir sehr gut.

IMG_0128Auf der Führung traf ich die beiden blonden Menschen wieder, mit denen ich mir ein Taxi geteilt habe. Kevin kommt aus den Staaten und Tara aus Australien. Sie reist und lebt schon seit 7 Jahren überall auf der Welt. Mit den blonden Menschen und einigen anderen Leuten, die an der Führung teilgenommen haben, traf ich mich später in einem Restaurant um wiedermal Bistec a lo pobre (Pommes mit Fleisch, Zwiebeln und Spiegeleiern) zu essen und dabei das Spiel Deutschland gegen Brasilien zu gucken. Alle waren ganz aus dem Häuschen als bereits in der ersten Halbzeit schon fünf Bälle in das brasilianische Tor flogen. In der Halbzeitpause wechselten wir in eine Bar und es hagelte ansxchließend noch mehr Tore. Ich war die einzige Deutsche in der Gruppe. Alle klopften mir begeistert auf die Schulter und wollten mit mir anstoßen. Klar, ich freute mich auch, ist ja schließlich mein Heimatland, das gerade so unfassbar haushoch gewonnen hatte. Letztendlich war es für mich aber hauptsächlich ein netter abend in einer Bar.

IMG_0220Ich blieb noch ein paar Tage in Valparaiso und in dem Einzelzimmer mit dem bequemen Bett. Stundenlang rannte ich durch die Stadt mit den bunten Häusern und machte Fotos mit meiner neuen Kamera. Dabei ging ich die ganze Zeit sehr zügig, damit ich keinen orientierungslosen Eindruck erweckte und nicht wieder wie das perfekte Raubopfer aussah Irgendwann kam ich an einem Friedhof vorbei. Friedhöfe in anderen Ländern finde ich sehr spannend. Da kann man sehen, wie die Leute in dem Land heißen, wie die Gräber geschmückt sind und die Trauerkultur in dem jeweiligen Land erahnen. Also ging ich hinein. Teilweise sehr pompös waren die Grabstellen dekoriert, mit kleinen Fotos und manchmal sogar Puppen und anderem Spielzeug. Auf einmal rief jemand meinen Namen. Es war Laurence aus Frankreich, die ich in Santiago im Hostel getroffen habe. Sie war mit zwei anderen Reisenden unterwegs und sagte, ich solle abends mit ins Restaurant kommen. Ich fand die Idee super und guckte mich weiter auf dem Friedhof um, während mich eine Katze begleitete. Als ich wieder gehen wollte, stellte ich fest, dass das Tor verschlossen war. Sofort schlich die Panik wieder in mir hoch. Ich malte mir schon aus, dass ich eine kalte Nacht auf einem gruseligen Friedhof in einer fremden Stadt, in einem fremden Land verbringen müsste. Auf der Straße vor dem Tor lief eine Frau vorbei. Ich rief „Hola, Hooolaaa!“ Doch sie hörte mich nicht oder wollte mich nicht hören, weil sie vielleicht dachte ich wäre ein Geist vom Friedhof. Einige Zeit später kam zum Glück der Friedhofmann. Er hatte mich gehört und schloss das Tor auf.

Der abend im Restaurant war sehr schön. Laurence saß mit einem Mädchen aus Ecuador und einem Jungen aus Frankreich bereits am Tisch, als ich hereinkam. Wir machten Witze darüber, dass ich statistisch gesehen nach dem Raub jetzt sicher wäre und mit Geldscheinen umherwedelnd durch die Straßen laufen könnte. Nach dem Essen fuhren Laurence und das Mädchen aus Ecuador weiter in Richtung Norden. Ich wäre gerne mit ihnen gefahren, aber ich musste wieder zurück nach Santiago, um einen richtigen Pass zu beantragen. Mein Work & Travel-Visum für Neuseeland gilt nämlich nicht mit meinem vorläufigen Pass. Irgendwie verflixt. Santiago will mich einfach nicht so richtig gehen lassen.

IMG_0152bDer Besitzer des Hostels, in dem ich schlief, hat mich an einem abend zum Essen mit den anderen Hostelmitarbeitern eingeladen und mich überredet noch einen Tag länger zu bleiben, als ich eigentlich geplant hatte. Ich wechselte für die letzte Nacht ins Mehrbettzimmer des anderen Hauses und erkundete weiter die Stadt. Am abend lernte ich die Austauschstudenten kennen, die dort schon für längere Zeit wohnten. Am nächsten morgen frühstückte ich mit zwei Mädels aus der Schweiz und fuhr mit ihnen im Trolebús zum Busbahnhof. Dort nahm ich den Bus zurück nach Santiago, sie fuhren, genau wie Laurence und das Mädchen aus Ecuador, weiter nach Norden in Richtung Atacamawüste.

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Zweiter Versuch (Santiago de Chile1)

IMG_0001bGive it a chance to at least see a good part of Santiago, you´re gonna have a good time.“ schrieb mir Ignacio auf facebook. Ignacio wohnt in Santiago de Chile und er hatte recht.

Santiago de Chile, die Sadt, die mich meiner Wertsachen und meiner Möglichkeit Weiterzureisen beraubt hat. Hier hing ich nun fest und auch mehr oder weniger einfach nur rum. Ich musste ca. 5 Tage auf meinen Pass und Geld warten und mich nach neuer Kamera, neuem Handy und neuem mp3-Player umsehen. Andererseits wurde mir durch das Warten auch Zeit geschenkt. Ich hatte nun eine Woche um mir zu überlegen, wo die Reise hingehen soll. In der Zeit sah ich andere Reisende kommen und gehen. Immer mal wieder musste ich sagen: Nein, ich kann nicht mit euch weiterreisen, ich muss auf meinen Pass warten (und genug Geld hatte ich auch nicht übrig). Irgendwann verging mir dann die Lust mit den Leuten im Hostel zu kommunizieren.

Doch ich hatte unerwarteterweise andere schöne Erlebnisse. Eins davon war meine zweite Besichtigung des San Cristobal Hills, der Ort, an dem es passierte. Bis nach ganz oben hatte ich es ja beim ersten mal nicht geschafft. Doch ich war fest entschlossen die Stadt noch einmal von dort oben zu sehen. Diesmal nahm ich allerdings die Seilbahn. Auf dem Berg traf ich Camila, die mich bat ein Foto von ihr zu machen. Da ich noch keine neue Kamera hatte und mich auf einem Aussichtspunkt befand, bat ich sie auch Fotos von mir zu machen und sie mir zu schicken. Wir hatten viel Spaß damit uns gegenseitig zu fotografieren. Camila ist eigentlich aus Kolumbien und lebt jetzt mit ihrem Freund in Los Angeles. Sie ist schon viel gereist, bot mir auch gleich ihre Couchsurfing-Couch bei sich zu Hause an und gab mir eine Couchadresse in Neuseeland. Vielleicht werde ich das später einmal nutzen. Abends gingen wir zusammen zur Metrostation. Sie fuhr weiter zum Flughafen, ich ging zurück ins Hostel.

Der Tag als Deutschland gegen Frankreich spielte, war ein Freitag und auch der Tag an dem ich meinen Pass abholen konnte. Mit diesem nigelnagelneuen Pass wollte ich auf dem Rückweg endlich das Geld meiner Eltern bei einer Bank mit Western Union-Transfer einlösen, da meine Kreditkarte noch gesperrt war. Doch ich fand keine Bank, sondern Deutschlandfahnen und lustige Hüte in schwarz rot gelb an einer Häuserecke. Ich sah Menschen hineingehen und folgte ihnen einfach. Am Eingang erfuhr ich, dass es eine Art deutsch-chilenischer Sportclub war, zeigte meinen nigelnagelneuen Pass vor und wurde auch ohne Clubmitgliedschaft reingelassen. Dort fand ich mich nicht nur zwischen der feinen Gesellschaft aus Chile wieder, sondern vor allem zwischen vielen chilenischen Schülern, die Jacken mit der Aufschrift: „Deutsche Schule Santiago“ trugen. In einem großen Raum wurde auf einer Leinwand das Spiel übertragen. Zwei Mädchen erzählten mir, dass der Sportclub zur deutschen Schule in Santiago gehört. Dort lernen die Schüler deutsch als erste Fremdsprache, können das Abitur machen und einen Schüleraustausch in Deutschland. Viele ihrer Vorfahren sind aus Deutschland nach Chile eingewandert. Besonders im Süden des Landes gibt es viele deutsche Kolonien. Das alles erfuhr ich, während ich mich mit den chilenischen Mädchen ganz bequem auf deutsch unterhalten konnte. Nach zwei Wochen nur Englisch und gebrechlichem Spanisch war das mal ganz angenehm. Die Mädchen haben mich nach dem Spiel sogar noch ein Stück in ihren Auto mitgenommen, natürlich in einem VW. Später erzählte mir allerdings ein Chilene, dass die feine deutsch-chilenische Gesellschaft Chilenen ohne Mitgliedschaft und deutschen Pass dort nicht reingelassen, um WM-Spiele zu sehen.

Ich blieb auch noch das Wochenende in Santiago, da Ignacio mir helfen wollte eine neue Kamera zu kaufen und mich auf eine Geburtstagsparty eingeladen hat. Ignacio kenne ich eigentlich nicht persönlich. Wir haben einen gemeinsamen Freund aus Irland, der uns über facebook bekannt gemacht hat. Er hat mich in ein riesiges, verwirrendes Einkaufszentrum mitgenommen und alle meine Fragen zu Kamera und Handy für die Verkäufer auf Spanisch übersetzt. Das war sehr hilfreich. Allerdings ist die Sache mit dem Handy schwierig, da nur die teuren Handys für Auslandsgespräche geeignet sind. Jedenfalls hab ich jetzt wieder eine neue Kamera und ein billiges, einfaches Handy, dass ich irgendwie noch für Gespräche nach Deutschland entsperren lassen muss.

Nach der Einkaufsmission ging es auf eine Geburtstagsfeier seines Freundes. Zur Begrüßung gibt man sich hier ein Küsschen auf die Wange, auch wenn man sich nicht kennt. Da sehr viele Gäste kamen, gab es Küsschen ohne Ende. Am Anfang war das etwas gewöhnungsbedürftig, da ich mir nicht sicher war welche Wange ich spontan hinhalten sollte. Mittlerweile finde ich das Wangenküsschen aber im Vergleich zur deutschen Förmlichkeit eine sehr herzliche Begrüßung. Auf der Party war ich das einzige blonde Mädchen und kam als einzige von sehr weit her. Zum Glück konnten ziemlich viele Gäste Englisch. Sie haben mich gefragt, warum ich in Chile bin, wohin ich reise, warum ich alleine reise und ob es in Santiago auch ein bißchen so ist wie in Deutschland. Ich musste einige Gläser Piscola (Pisco mit Cola) trinken, um ihnen zu zeigen, dass ich ihr Lieblingsgetränk mag und mich bei ihnen wohlfühle. Das war ihnen sehr wichtig und hat auch bestens funktioniert. Das zweitliebste Getränk auf der Party war übrigens Jägermeister. Salute!

Nach einem faulen Sonntag, habe ich mich dann am Montag (07.07.2014) nach fast zwei Wochen aus Santiago wegbewegt und bin für 5 Tage nach Valparaiso gefahren, eine kunterbunte Stadt an der Westküste. Dazu mehr im nächsten Beitrag mit vielen kunterbunten Fotos. Leider bin ich etwas im Rückstand.

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Schwein gehabt!

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Der Beitrag heißt eigentlich nur so, weil das Foto mit den Schweineköpfen in einer Markthalle in Santiago fast das einzige Foto ist, das ich aus Santiago noch habe. Die anderen Fotos sind auf der Kamera, die mir samt Reisepass, Handy, MP3-Player, Kreditkarte und Bargeld am dritten Tag meiner Reise geklaut wurden. Das mit dem Schwein haben ist also so eine Sache für sich.

Mittlerweile haben sich die Dinge hier so langsam geklärt und ich hab den Kopf frei für meinen ersten Blogeintrag. Doch bevor ich von dem Raubüberfall berichte, möchte ich einen kurzen Überblick über die Highlights meiner ersten Woche in Santiago de Chile geben: Ich habe kurz nach meiner Ankunft ein chilenisches Mädchen getroffen, das mir nach einem nur fünfminütigem Gespräch ihre Nummer gab und mir anbot mich in der Stadt herumzuführen. Ich bin mit 3 Polizisten und einem Iren in einem Polizeiauto quer durch Santigo gefahren. Ich habe ein wunderschön illustriertes chilenisches Kinderbuch in einem kleinen Buchladen gefunden. Ich habe mit dem Hostelhausmeister lustige Gespräche geführt, trotz meiner sparsamen Spanischkenntnisse und dank meiner gesprächigen Händen und Füßen. Ich habe chilenische Männer beim Public Viewing nach der Niederlage gegen Brasilien weinen sehen. Ich habe Piscola getrunken (ein Mix aus Pisco und Cola) und Bistec a lo pobre (Steak, Pommes, gebratene Zwiebeln und Spiegeleier) gegessen, das ich mindestens 2 Tage verdauen musste.

Ich habe viele nette Reisende aus den verschiedensten Winkeln der Welt getroffen, unter anderem einen 2 Meter großen Iren, mit einem individuellen Haarschnitt, eine Konzertflötistin und ihr CrossFit-begeisterter Freund aus St. Louis, ein junges amerikanisches Pärchen, das verrückt nach Fussball war, eine brasilianische Lehrerin, die mir die schäbigen Winkel Santiago gezeigt hat, eine Dokumentarfilmstudentin aus Kolumbien, die sogar mal was von der Militärstation in der Nähe von meinem Heimatort Jatznick gehört hat und eine Gruppe Engländer, die sich nach dem Raubüberfall rührend um mich gekümmert hat.

Und dann war da dieser sonnige Nachmittag, an dem die Stadt ausnahmsweise mal nicht von einer großen Smogwolke bedeckt war und man sogar die Anden in der Ferne sehen konnte. Ein perfekter Tag um den San Cristobal Hill zu besichtigen. Nach dem superfettigen Bistec a lo pobre beschloss ich nicht die Seilbahn zu nehmen, sondern zu Fuss nach oben zu wandern. Auf der Hälfte des Weges, als gerade keine anderen Leute in der Nähe waren, kamen zwei Jugendliche aus den Büschen und haben meinen Stoffbeutel geschnappt und mir meine Gürteltasche runtergerissen. Ich war wie gelähmt und ließ sie einfach machen. An den Tagen vorher haben mir mehrere Reisende von Überfällen erzählt, bei denen Leute erstochen wurden, die sich gewehrt haben. Das schwirrte mir die ganze Zeit im Kopf herum während ich meine komplette Reisegrundlage davonlaufen sah. Danach rannte ich auch sofort davon, aber wieder bergab. Zum Glück traf ich auf eine Gruppe Engläner und einen Iren, die ich am Tag vorher kennengelernt habe. Sie alle haben mir sehr geholfen. Komischerweise endete der Tag mit einem schönen abend in einer Bar.

Doch gleich am nächsten Tag nahm das Chaos seinen Lauf: Die deutsche Botschaft hatte am Wochenende geschlossen. Da der Überfall am Freitag passierte, musste ich bis Montag warten. Ich hatte zum Glück eine zweite Kreditkarte dabei, leider aber nicht den richtigen Pin. Den falschen Pin habe ich dann so oft eingegeben, bis die Karte für eine Woche gesperrt wurde. Die Botschaft kann den Pass auch nach drei Tagen nicht ausstellen, weil sie keine Antwort aus Hannover erhält. Mein letztes Bargeld wird langsam knapp und ich hänge in Santiago fest. Meine Eltern schicken mir Geld zu einer Bank, dass ich aber nur abholen kann, wenn ich meinen Pass endlich habe. Ich gucke in einem Laden nach Kameras und erfahre vom Verkäufer, dass sie nur ohne Akku und Kabel verkauft werden. Außerdem ist nicht klar, ob ich mit dem vorläufigen Reisepass auch in Neuseeland einreisen kann.

Heute habe ich endlich die Antwort von der Botschaft erhalten, dass ich morgen meinen Pass abholen kann. Es klärt sich alles so langsam und meine Basisstation in Jatznick ist mir dabei eine große Hilfe. Und naja…mir ist letztendlich nichts passiert und alle anderen Sachen kann ich ersetzen. Ich habe eigentlich doch irgendwie Schwein gehabt und werde weiterreisen.

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Unterwegssein

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Ich packe meinen Rucksack und nehme mit: Einen Pullover, ein paar T-Shirts, ein kleines Notizbuch, ein spezielles schnelltrocknendes Handtuch und so weiter. Viele nützliche Dinge für mein Unterwegssein.

Unterwegssein ist ein komisches Wort. Es besteht aus „unter“ und „weg“ und hinten baumelt noch dieses „sein“ dran. Ich bin also unter dem Weg, obwohl ich mich auf den Weg mache, manchmal neben der Spur bin und oft alles vorweg nehmen will. Doch egal welches Wort man auch davorsetzt, es geht vielleicht gerade um dieses hinten baumelnde „sein“: auf, unter, neben, hinter dem Weg „sein“, sich umschauen und staunen wie ein kleines Kind.

Ich gucke mir meinen Rucksack an, der aus allen Nähten platz und viel zu schwer ist auf dem Rücken. So macht das keinen Spaß. Also packe ich ein paar unpraktische Dinge wieder aus. Hmm… ich kann mich nicht entscheiden. Nagut, dann doch das Shirt mit den Streifen raus und diese sehr unbequeme Angst vor dem Ungewissen brauch ich auch nicht. Sie hat sich allerdings in dem vorderen Reißverschlussfach am Rucksack verklemmt und lässt sich einfach nicht entfernen. Zum Glück habe ich aber auch eine Portion Neugierde und Vorfreude dabei, die es sich in einer kleinen Dose hinten im Rucksack gemütlich gemacht haben.

Jetzt kann es losgehen. Ich mach mich auf, unter, neben, über den Weg.

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