Alles aus Schilf (Puno2)

IMG_1060_a

„Wieviel Tage kann ich bekommen?“, fragte ich den Mann hinter der Scheibe auf Spanisch. Er schrieb eine „90“ auf den Stempel in meinen vorläufigen Reisepass. Diesmal bekam ich also ein Visum für drei weitere Monate und nicht nur für zwei, wie bei meiner ersten Grenzüberquerung. Wahrscheinlich werde ich die 90 Tage nicht aufbrauchen. Aber wer weiß, was passiert. Ich weiß nur, dass beim Reisen alles ungewiss ist.

Ich war also wieder zurück in dem Land, in dem ich bereits zwei Monate verbracht und es nicht weiter als bis nach Cusco geschafft hatte. Das war also mein zweiter Anlauf Peru zu erkunden. Ich war wieder eine normale Reisende und ich war auf dem Weg nach Puno am Titicacasee. In Puno war ich bereits bei meinem ersten Perubesuch. Es war die Stadt, in der ich eine Obstpause einlegte und die mir sehr schmutzig und trüb erschien.

Damals war ich satt von den touristischen Tortenstücken und wollte mich einfach vom Obst treiben lassen. Diesmal war ich aber eine hungrige Touristin und hatte Appetit auf die große Torte, die ich beim letzten Mal nicht essen wollte. Ich hatte Appetit auf die Floating Islands (die schwimmenden Inseln) und auf die Insel Taquile.

Im Hostelschlaafsaal hab ich von einer Frau erfahren, dass ich die Tour nicht im Hostel buchen sollte. Sie meinte, es sei viel günstiger, wenn ich morgens zum Hafen gehe und dort ein Ticket kaufe. Das habe ich genauso gemacht und sie hatte recht. Die besten Hinweise bekam ich oft von anderen Reisenden. Ich stellte es mir wie eine Art geheime Verbindung vor, in der die Insidertips von einem zum anderen weitergereicht werden.

IMG_1000_aViele andere Leute und ich saßen in einem Boot und schaukelte gemütlich über den See. Bald hielten wir an einer, der vielen schwimmenden Schilfinseln der Uros. Das Volk der Uros lebte dort bereits seit vielen Jahrhunderten und hatte alles aus Schilf gebastelt: Die Häuser, die Boote und die Inseln selbst. Ursprünglich wollte es sich mit den schwimmenden Inseln vor den kriegerischen Inkas und Kollas schützen. Heute leben die Uros immer noch auf sehr traditionelle Weise vom Fischfang und auf untraditionelle Weise von den Touristen, die hier tagtäglich hingeschaukelt werden. Bei jedem Touristenbesuch wollen sie kleine Schilffiguren und andere Handarbeiten verkaufen.

IMG_1006_a
IMG_1046_a
IMG_1019_a
IMG_1051_a
IMG_1049_a
IMG_1035_aNach einem viel zu kurzen Besuch auf der Schilfinsel ging es weiter zur Insel Taquile. Diese Insel war nicht aus Schilf, sondern wie die meisten Inseln aus Sand, mit Bäumen und Häusern drauf. Eigentlich war sie vielmehr wie ein schwimmender Berg. Wir wanderten auf ihr herum und konnten uns die schöne Landschaft und auch wieder die vielen Handarbeiten der Einheimischen angucken und im besten Falle auch kaufen, also die Handarbeiten.

IMG_1144_a
IMG_1090_a

IMG_1088_a
IMG_1093_a
IMG_1103_a
IMG_1107_a
IMG_1160_aAuf der Tour war auch eine etwas ältere Frau dabei, die eine sehr geometrisch korrekt geschnittene Kurzhaarfrisur trug. Obwohl es nicht die gleiche Frisur war, die auch meine Grundschullehrerin damals hatte, erinnerte sie mich sehr an sie. Ich musste ständig diese silbergraue Kurzhaarfrisur angucken und hatte sofort die Assoziation ‚Lehrerin‘ im Kopf. Als wir die Insel Taquile erreichten, versuchte ich sie unverfänglich in ein Gespräch zu verwickeln. Das klappte sehr gut. Es stellte sich heraus, dass sie auch aus Deutschland kam. Irgendwann erzählte sie mir, dass sie Waldorfschullehrerin sei. „Bingo!“, dachte ich. Das mit der Waldorfschule hätte ich zwar nicht gedacht, fand es aber interessant. Sie erzählte mir, dass die Philosophie der Waldorfschule auf dem christlichen Glauben aufbaute, dass Engel, Wiedergeburt und der Glaube an die Kraft der Gedanken eine Rolle spielten. Natürlich ist die Philosophie viel komplexer, als ich es hier mit meinem Halbwissen wiedergeben kann. Ich war überrascht, dass mir ein kleines Stückchen Zauberwelt diesmal auf ganz sachlicher Ebene begegnete.

Auf dem Rückweg mit dem Boot zum Festland gerieten wir in ein heftiges Gewitter, dass sehr dramatische Szenen bot . Dunkle Wolken entluden sich über dem tobenden See. Nach der Tour bin ich mit der Lehrerin in Puno essen gegangen. Dabei erzählte sie mir, dass es als alleinreisende Frau in ihrem Alter auch manchmal etwas einsam sein kann. Ich war so froh, dass ich diese Reise jetzt machte.

IMG_1185_a

IMG_1166_a
IMG_1173_aNach dem schwimmenden Tortenstück war mein Appetit erstmal gestillt und ich legte noch einen Obsttag in Puno ein. An diesem Tag lernte ich Krista aus Australien im Hostel kennen. Sie erzählte mir von ihrem Freund in den Niederlanden und dass eine Fernbeziehung ganz schön anstrengend sein kann. Mit ihr und eine paar weiteren Leuten ging ich abends zwar kein Obst, sondern Pizza essen. Nach den ganzen günstigen, peruanischen Mengerichten, die fast alle mit Reis serviert wurden, dachte ich nur: „Oh man, wie sehr habe ich eine richtig gute Pizza vermisst.“

IMG_1187_a

Share

Drachen und Meerjungfrauen (Copacabana2)

IMG_2890_a

„Todo es possible, nada es seguro.“ („Alles ist möglich, nichts ist sicher.“) Das haben die Jungs in Cusco oft zu mir gesagt. Es schien auch das inoffizielle Motto von Peru und Bolivien zu sein.

Als ich den Bus von Cusco nach Copacabana buchte, habe ich extra dreimal nachgefragt, ob ich umsteigen muss. Die Leute am Schalter haben mir versichert, dass ich mit dem Bus, ohne Umsteigen, über die Grenze, direkt nach Copacabana komme. Die Fahrt sollte ungefähr 12 Stunden dauern. Zwölf-stündige oder längere Busfahrten sind in Südamerika an der Tagesordnung. Schienenverkehr gibt es hier kaum.

Eine halbe Stunde vor dem Grenzübergang nach Bolivien wurde ich plötzlich aus dem Schlaf gerissen. Alle, die nach Copacabana wollten, sollten hier aussteigen. Also musste ich raus und sah dem Bus hinterher, der ohne mich weiterfuhr. Ich war verwirrt, denn ich war noch nicht in Copacabana und musste trotzdem aussteigen. Die anderen Verwirrten und ich standen am Straßenrand und wurden von einem Kleinbus eingesammelt. Im Bus wollte eine Frau von jedem das Busticket haben. Das Busticket? Warum sollte ich ein Ticket aufheben, wenn der Bus mich, ohne Umsteigen, direkt an mein Ziel bringt. Doch die Frau bestand energisch darauf. Ich kramte in den Untiefen meiner Tasche. Irgendwann fand ich das Ticket zusammen mit einer Bananenschale und einem Apfelgriebsch (für alle, denen ein regional bedingter, anderer Ausdruck geläufiger ist: Damit ist das Kerngehäuse des Apfels gemeint) in einer Plastiktüte. Ich reichte ihr mit etwas Schadenfreude, das völlig mit Obstresten beschmierte und durchtränkte Ticket.

Der Kleinbus brachte uns bis vor die Grenze nach Bolivien. Hier stiegen alle aus und hier sagte uns die Frau, dass die Fahrt mit der Busgesellschaft beendet sei. Hinter der Grenze sollen wir uns einen anderen Kleinbus oder ein Taxi nehmen. Das ärgerte mich kurzzeitig, andererseits überraschte es mich kaum. Mittlerweile wusste ich ja, dass in Peru alles möglich war. Nach den Formalitäten an der Grenze, teilte ich mir dann mit den anderen Reisenden aus dem Bus einen weiteren Kleinbus, der uns OHNE Umsteigen ans Ziel brachte. Dort haben wir gemeinsam gefrühstückt und unsere Reiseerlebnisse ausgetauscht. Danach ging jeder seiner Wege. Die meisten wollten weiter auf die Sonneninsel, ich wollte ein Hostel finden. Da ich bereits das zweite Mal in Copacabana war, ließ ich das Touristenprogramm diesmal aus.

IMG_2865_aIch fand einen Schlafplatz, aß Titicacaforelle an den kleinen Ständen am See und hing auf einer Dachtrasse herum um ein paar Boote in mein Skizzenbuch zu kritzeln. Später traf ich Karen aus dem Bus in einem Restaurant wieder. Karen aus Philadelphia erzählte mir von ihrer wilden Hippie-Jugend, in der sie von einem Festival zum nächsten reiste und die in einem langjährigen Bürojob endete. Doch jetzt reiste Karen wieder. Ihre Reiselektüre lag neben ihr auf dem Tisch, ein dickes Buch. Ich las mir den Klappentext durch. Es ging um eine Phantasiegeschichte mit Drachen. Sie erzählte mir mehr über den Inhalt, als sich auf einmal der Mann am Eingang des Restaurants zu Wort meldete. Er fragte uns, ob wir glaubten, dass es Drachen wirklich gibt. Ich war etwas erstaunt über diese Frage.

IMG_2846_aDer Mann kam zu uns herüber. Es war ein älterer Herr, dem schon ein paar Zähne fehlten. Er arbeitete in dem Restaurant, erzählte uns aber in gutem Englisch, dass er früher lange Zeit als Geschichtsprofessor in New York tätig war.

Er berichtete von der Exitenz der Drachen, von der er felsenfest überzeugt zu sein schien. Aber nicht nur davon. Mit einem unglaublich komplexen Wissen redete er von vielen mysthischen Dingen. Er meinte, dass wir längst nicht alles über die Geschichte der Menschheit und der Erde wissen. Er erzählte von Atlantis, von den Pyramiden, von den Zusammenhängen der alten Kulturen und dass es nicht nur Drachen, sondern auch Meerjungfrauen im Titicacasee gebe. Er sagte, er hätte zwei geheimnisvolle Bücher, in denen alles drinstehe. Die wollte er uns beim nächsten Mal zeigen.

IMG_2838_aKaren fuhr am nächsten Tag auf die Sonneninsel. Also verabredeten wir uns für den übernächsten abend mit dem alten Mann im Restaurant. Er wollte dann seine Bücher mitbringen und uns noch mehr erzählen. Doch an dem verabredeten abend war Hochbetrieb im Restaurant. Der Mann hatte viel zu tun und die Bücher nicht dabei. Er hatte sie am abend vorher mitgebracht, an dem abend, an dem ich nicht im Restaurant und Karen auf der Insel war.

IMG_3148_aIch habe die Bücher letztendlich nie gesehen und ein weiteres Treffen mit dem alten Mann kam nicht zustande. Wer weiß, vielleicht gab es Drachen und Meerjungfrauen auf der Sonneninsel im Titicacasee, vielleicht auch nicht. Ich wusste nur, dass der Mann mir mit seinen Geschichten für kurze Zeit das Gefühl gab in einer zauberhaften Märchenwelt zu leben, fernab vom rationalen Deutschland. Mit diesem zauberhaften Gefühl fuhr ich weiter nach Puno, zurück über die Grenze nach Peru. „Todo es possible, nada es seguro.“

IMG_2905_a

Share

Gringas und Latinos (Cusco2)

IMG_0701_a

Anfangs wollte ich es nicht wirklich glauben, doch ihr Leben war wirklich sehr anders. Dani und Alex sind zusammen im Ghetto in Lima aufgewachsen und mussten seit ihrer frühen Kindheit arbeiten, wie sehr viele Kinder hier in Peru. Auch heute arbeitet Dani noch viel, nicht nur für seinen Lebensunterhalt, sondern auch um die Medikamente für seinen Vater und das Studim seiner Schwester zu finanzieren. Das ist viel Verantwortung, manchmal zu viel für ihn. In Peru gibt es kein kuscheliges Sozialsystem wie in Deutschland. Es gibt kein Arbeitslosengeld, keine Krankenversicherung und kein Bafög. Wer kein Geld hat, muss sehen wo er bleibt. Mir wurde dadurch noch bewusster, wie gut ich es mir eigentlich in Deutschland ging. Doch obwohl die meisten Leute, die ich in Cusco kennengelernt habe, nicht viel Geld hatten, klammerten sie sich nicht daran. Sie teilten gerne. Erwarteten allerdings die gleiche Großzügigkeit auch von anderen. Sie hatten eine andere Philosophie vom Leben, die stark mit der Pachmamakultur verbunden war. Sie glaubten an gute und schlechte Energien der Menschen. Sie glaubten, nur wenn man geben kann, bekommt man auch. Das Leben war für sie ein Kreis mit vielen Symbolen.

IMG_0990_aEs gab aber noch andere kulturelle Unterschiede. Mit Dani habe ich oft über den Machismus diskutiert, der dort noch sehr dominant ist. Frauen, die einen Freund haben, sollen zum Beispiel nicht alleine ausgehen, schon gar nicht tanzen, auch nicht mit anderen Freundinnen. Die Männer dort werden sehr schnell einfersüchtig und haben einen großen Besitzanspruch. Platonische Freunschaften zwischen Männern und Frauen waren für Dani nicht selbstverständlich. Das war sehr befremdlich für mich. Männer können viele Frauen haben ohne einen schlechten Ruf. Frauen können das natürlich nicht. War ja klar.

IMG_0946_aAuf der anderen Seite trugen die Lationos all ihre Gefühle auf der Zunge. Wenn sie erstmal loslegten mit ihren Schmeicheleien, konnten sie gar nicht mehr aufhören die Sterne vom Himmel zu holen. Dabei wurden sie oft von ihren eigenen Gefühlen überwältigt und begannen zu weinen oder zu lachen. So genau wusste man das manchmal nicht.

IMG_0806_aVielleicht war ihre Eifersucht auch nicht völlig unbegründet, denn alle Latinos wollten eine Gringa und viele Gringas wollten einen Latino. Es schien da eine seltsame Anziehung zu geben, die mir vorher nicht bewusst war. Als Gringas wurden dort übrigens alle Mädchen mit heller Haut und blonden Haaren bezeichnet. Wenn sie dann auch noch blaue Augen hatten, war die Kombination perfekt. Ursprünglich galt der Begriff Gringo (maskulin) oder Gringa (feminin) nur für Leute aus Nordamerika, doch für die Latinos machte die Herkunft keinen Unterschied mehr. Hauptsache blod und hellhäutig. Das war exotisch und interessant. Dabei war es für die Latinos natürlich nicht unwichtig, dass die reisenden Gringas oft mehr Geld hatten und im besten Fall die Eintrittskarte ins goldene Europa sein könnten. Sie wussten, dass die Gringas kamen und auch wieder gingen, aber die Latinos wollten sie trotzdem immer und immer wieder aufs Neue. Tillin erzählte mir von seinem früheren Leben vor seiner Ehe. Nach jedem Konzert versammelte sich eine Gringagruppe aus dem Publikum um ihn. Er konnte sich jeden abend eine aussuchen und mit nach Hause nehmen.

IMG_0687_aAuch wenn ich das Leben und die Leute dort interessant fand, waren die Sprachprobleme irgendwann sehr ermüdend und anstrengend für mich. Mein Spanisch reichte noch nicht aus um den Gesprächen folgen zu können und mich daran zu beteiligen. Ich verstand ab und zu das grobe Thema, aber noch längst nicht alles und schon gar keine Witze. Manchmal übersetzte Tillin für mich auf Englisch, aber auch nur manchmal. Ich vermisste Gespräche, ich vermisste es Witze machen zu können. Ich vermisste einen wichtigen Teil meiner Persönlichlkeit und ich vermisste meine Eigenständigkeit. Außerdem wurde mir langweilig, da ich keine wirkliche Arbeit oder Aufgabe in Cusco hatte.

IMG_0528_aCusco

IMG_0699_aNach 6 Wochen in der WG war es Zeit für mich weiterzureisen. Den genauen Zeitpunkt dafür bestimmte mein Visum, das nach 60 Tagen abgelaufen war. Ich musste zurück über die Grenze nach Bolivien, um ein neues zu bekommen. Dani wollte, dass ich wieder zurückkomme, dass ich blieb. Doch ich wusste, dass meine Reise in Cusco noch lange nicht zu Ende war. Ich musste und ich wollte zurück auf die andere Seite, zurück in das Leben einer Touristin, einer Reisenden, zurück in die weite Welt. Dankbar für die unglaublich interessanten Eindrücke und Einblicke verabschiedete ich mich schweren Herzens von Dani am Busbahnhof und fuhr zurück nach Copacabana in Bolivien auf die andere Seite.

IMG_0867_a

IMG_0790_a

 

Share

In einem verrückten Spielzimmer (Cusco1)

IMG_0716_a

Sie redeten laut, schnell und mit ihrem ganzen Körper. Sehr oft verwendeten sie die immer gleichen Slangausdrücke auf Spanisch, sprangen spontan auf, verstellten ihre Stimme und imitierten jemanden mit hektischen Gesten. Dann lachten alle in der WG …

Nach der mehrtägigen Machu Picchu-Wanderung verlor ich endgültig die Lust auf weitere touristische Unternehmungen in Cusco. Es war ein ähnliches Gefühl wie mit der Torte und dem Obst in Puno. Ich wollte eine zeitlang dort bleiben und mir nichts angucken.

IMG_0494_aIMG_0495_aVon Janina, mit der ich die Wanderung nach Machu Picchu zusammen gemacht hatte, verabschiedete ich mich mit einem Meerschweinchen-Abschiedsessen. Meerschweinchen ist eine Delikatesse in Peru, schmeckte aber gar nicht so außergewöhnlich wie ich gedacht hatte. Janina reiste am selben abend weiter und ich verabredete mich mit Cassandra aus Australien, die ich in Puno getroffen hatte. Wir gingen in eine Bar und sie erzählte mir von ihrer Zeit mit ihrem peruanischen Freund Alex in Cusco. Alex und sein bester Freund Dani kamen später auch dazu. Wir tanzten Salsa bis in den Morgengrauen. Es machte Spaß, denn die Jungs konnten wirklich gut tanzen. Auch am nächsten Tag traf ich mich wieder mit Cassandra und den beiden Peruanern. Wir wanderte abends in alten Inka-Ruinen herum. Das war aufregend und ein bisschen gruselig im Dunkeln. Ich war mir nicht ganz sicher, ob die beiden Jungs uns dort nicht doch vielleicht irgendeinem Inkagott opfern wollten. Doch das machten sie zum Glück nicht und wir trafen uns alle vier wieder am nächsten abend und auch an den folgenden Tagen und Abenden. Wir gingen zusammen Mittag- oder Abendessen, tanzten oder besuchten die Konzerte der lokalen Band  „Amaru Pumac Kuntur“, die fast jeden abend in einem Club in Cusco auftraten. Der Name der Band ist Quechua und bedeutet: „Schlange, Puma, Kondor“, welche die drei Stadien des Inkalebens symbolisieren. Die Band spielte traditionelle Pachamamamusik, wie ich es nennen würde oder eine Art Elektro-Folk-Andien-Musik, wie sie es nennen. Später erfuhr ich, dass sie sogar im Finale der Show „Peru Tiene Talento“ waren, die peruanische Version von „Das Supertalent“. Hier ein kleiner Eindruck von der Band und der Musik.

IMG_0674_aDSCF4109_aIMG_0772_aIMG_0680_aAmaru Pumac Kuntur

IMG_0679_aDani und Alex arbeiteten beide in einem Tatowierladen in einer belebten Straße. Alex Aufgabe war es, vor dem Laden zu stehen und mit seiner großen Klappe Kunden, vorzugsweise zahlungskräftige Touristen, hineinzulocken. Dani arbeitete im Laden als Tätowierer. Er wohnte zusammen mit Tilin und Jessica. Tilin spielte auf einer großen Trommel in der Band „Amaru Pumac Kuntur“ und war verheiratet mit Jessica aus Spanien. Dort in Spanien arbeitete Jessica viele Jahre als Polizistin. Hier in Cusco hatte sie einen kleinen Schmuckdesignarbeitsplatz in der Wohnung, an dem sie täglich Ringe und Ketten zusammenschweißte. Ihren Schmuck verkaufte sie auf Märkten oder auf der Straße. Ich war beeindruckt von ihrem großen Lebenswandel für einen Mann.

IMG_0737_aNach ein paar Tagen bot Dani mir an in die Künstler-WG einzuziehen. Auf einmal wohnte ich also zusammen mit einem Tätowierer, einem Musiker und einer Schmuckdesignerin in Cusco und war keine normale Touristin mehr. Es war sehr interessant dort zu wohnen. In der Wohnung sammelte Tilin alle möglichen Instrumente aus der ganzen Welt. Er baute auch selber Trommeln und Didgeridoos, die er ab und an verkaufte. Jessica schweißte ununterbrochen an ihrem Schmuck herum. Dani tätowierte oft Freunde und Bekannte in der Wohnung und am Nachmittag traf sich dort die Band zum Proben. Wir haben in der Wohnung Danis Geburtstag gefeiert, abwechselnd füreinander gekocht und manchmal spontan zusammen Musik gemacht. Die Wohnung war wie ein verrücktes Spielzimmer.

IMG_0686_aim Spielzimmer

IMG_0734_aIMG_0713_aIMG_0871_aIn Cusco hatte ich sowas wie ein zu Hause und einen Alltag gefunden. Morgens frühstückten Dani und ich auf dem Marktplatz Avokado-Sandwiches und Früchtemilchshakes. Danach ging er in den Tätowierladen und ich zur Sprachschule, wo ich Spanisch lernte. Cassandra war an der selben Schule. Mit ihr traf ich mich oft nach dem Unterricht. Abends holten wir die Jungs im Laden ab, gingen Essen und danach manchmal tanzen oder zum „Amaru Pumac Kuntur“-Konzert.

IMG_0698_aIMG_0505_aCassandra, Alex und Dani wurden meine kleine Cusco-Familie. Wir aßen und tanzten nicht nur gemeinsam, sondern machten auch Wanderungen in die Berge und spannende Ausflüge nach Pisac und Colca im Heiligen Tal. Dani wollte mich tatowieren, aber ich entschied mich erst einmal nur für ein Piercing im Ohr. Wir lachten und weinten miteinander und ich bekam einen Einblick in ihr Leben und in ihre Kultur.

DSCF4159_aChicha-Trinken in Pisac im heiligen Tag

IMG_0841_aAutsch!

Share

Hausbesuch bei den Inkas (Cusco/Machu Picchu)

IMG_0358_aSie saß auf dem Bett gegenüber und sprach mich sofort an. Mir fiel sofort ihr Bauch auf. Britta kam auch aus Deutschland und war schwanger. Bevor sie alleinerziehende Mutter wird, machte sie ihre letzte große Reise durch Südamerika, inklusive Baby im Bauch. Das alles erfuhr ich kurz nachdem ich in meinem Hostelzimmer in Cusco ankam.

IMG_0523_aCusco war viel schöner als Puno, allerdings auch mit viel mehr Touristen. Die versammelten sich hier alle wie Bienen in einem Honigtopf. Es gab dort zum Beispiel eine Gasse mit einer Steinmauer aus Inkazeiten, wo die Bienen…äh… die Besucher ständig den Weg verstopften. Alle wollten sich vor der Mauer und einem verkleideten Inka-Häuptling fotografieren lassen.

Mit Britta lief ich kurz nach meiner Ankunft durch die Stadt und ging etwas essen. In dem Hostelzimmer waren aber auch noch andere Mädchen. Mit ihnen verbrachte ich den abend in der Hostelbar. Dort spielte ich zusammen mit Silvia im Team Bierpong. Eigentlich ein blödes Hostelanimationsspiel, aber mit Silvias brasilianischem Temperament war es sehr amüsant. Beim Bierpong werden kleine Becher mit Bier gefüllt. Ziel des Spieles ist es mit Tischtennisbällen die Becher der gegnerischen Mannschaft zu treffen. Bei jedem Treffer muss man den Becher natürlich austrinken. Die Gewinner bekamen eine freie Übernachtung im Hostel. Wir haben leider nicht gewonnen, sind aber anschließend noch tanzen gegangen.

Mit Janina, die ich am nächsten Tag auf der Free Walking Tour kennengelernt hatte, lief ich in der Stadt herum und fragte bei Agenturen nach Angeboten für den Salkantay-Trek nach Machu Picchu. Wir fanden eine gute Agentur und buchten die Tour gemeinsam.

P1180518_aIMG_3420_aMorgens um 5 Uhr wurden wir mit einem Kleinbus abgeholt. In unserer Gruppe waren Leute aus Deutschland, Kanada, den USA und Australien, also aus den üblichen reisefreudigen Länder. Mit ihnen wanderte ich 5 Tage lang insgesamt 75 km in Höhen zwischen 2800 und 4600 Metern herum. Wir wanderten steile Berge hinauf und wieder herunter, vorbei an Schneegipfeln, durchquerten tropische Wälder und sogar ein Stückchen vom Djungel. Dabei hatten wir immer eine Backe voll Kokablätter im Mund und unsere Wanderstöcke dabei. Es war anstrengend, aber sehr schön. Die Lanschaft war beeindruckend, besonders der Salkantaygletscher mit seinem kristallblauen See.

IMG_0405_aIMG_3407_aIMG_0161_aP1180681_aIMG_3406_aUnterwegs erzählte mir der Guide ein paar Gruselgeschichten, die sich auf dem Salkantay-Trek und auf dem richtigen Inka-Trail ereignet haben sollen. Er erzählte von Geistern und von Zeichen in der Natur, die die Menschen so lasen wie andere jeden morgen die Zeitung. Ich war überrascht, dass ich immer wieder Menschen begegnete, die mir etwas von der zauberhaften Welt erzählten, die ich so spannend finde.

IMG_0406_aIMG_3379_aAm letzten Tag wanderten wir nicht viel, sondern rutschten, befestigt an Karabinerhaken, an Seilen entlang über schwindelerregende Schluchten. Vor meiner ersten Siplining-Rutschtour über die Schlucht, rutschte mir fast das Herz in die Hose. Doch es war garnicht schlimm, sondern super, fast wie Fliegen. Beim letzten Seil wurden wir nicht am Bauch sondern am Rücken befestigt. Wie Superman flog ich mit ausgestreckten Armen und Beinen über die Schlucht und über die Baumkronen hinweg. Also ieigentlich nur fast wie Superman, denn zu Schluss drehte ich mich etwas und kam mit den Füßen zuerst am anderen Ende an.

IMG_0193_aP1180771_aAm Tag fünf war es dann endlich soweit. Wir mussten, wie jeden Tag, vor dem Morgengrauen aufstehen und fuhren mit dem Bus zur berühmten Ruinenstadt der Inkas, nach Machu Picchu. Ich war sehr gespannt, was mich dort erwarten würde. Auf den ersten Blick sah die Stadt so aus, als wäre sie schon eine Ewigkeit dort. Doch sie wurde erst um 1450 gebaut. Das überraschte mich, denn um diese Zeit gab es in Europa schon die Renaissance. Der Guide führte uns herum und erzählte, dass nichts einfach nur so gebaut wurde, sondern alles eine Bedeutung hatte. Bestimmte Gebäude warfen zum Beispiel bestimmte Schatten bei einer bestimmten Sonneneinstrahlung. Alles war symbolisch, nichts zufällig. „Hier waren also mal die alten Inkas zu Hause“, dachte ich mir. Ich hätte gerne die Zeit zurückgedreht und mir das in der Originalzeit angeguckt. Die vielen Touristen, die sich auch hier wieder wie Bienen auf einem großen Honigkuchen tummelten, entzauberten den Ort allerdings wieder etwas.

IMG_0395_aIMG_0335_aZum Schuss wanderten wir alle gemeinsam auf den Berg Machu Picchu, der genauso hieß wie die Stadt. Wir waren eigentlich schon ziemlich am Ende unserer Kräfte, liefen aber die gefühlten 2000 Stufen hoch, um die Inkastadt noch einmal vom Gipfel aus zu sehen. Ich aktivierte meine letzten Superkräfte, die ich wohl beim Superman-Seilrutschen gewonnen hatte. Danach war ich erschöpft, aber auch super-glücklich, dass ich es geschafft hatte. Auch die Zahnfüllung, die in einem Cocabonbon kleben geblieben ist, konnte daran nichts ändern.

IMG_0453_bIMG_0304_a

Share

Die Obstpause (Puno1)

IMG_3214_a

Wenn man jeden Tag Torte ißt, hat man irgendwann keine Lust mehr auf Süßes. So ging es mir so langsam mit dem Reisen nach 2,5 Monaten. Ich war etwas erschöpft von den ganzen Eindrücken. Vielleicht lag es auch an der Stadt, in der ich mich gerade befand. Überall aufgerissene Straßen, an denen gebaut wurde. Zudem waren die Baustellen nach dem Regen voller Matsch. Es sah aus, als ob jemand eine matschige Schokotorte überall hingeschmiert hatte.

Die Stadt wirkte triste und dreckig. Das war mein erster Eindruck von Puno, das auf der peruanischen Seite des Titicacasees lag. In der Stadt gab es nicht viel zu sehen, außer einer Straße mit vielen Geschäften für Touristen und einen Plaza. Die Hauptattraktion waren die Floating Islands, die man von dort aus mit dem Boot besuchen konnte. Diese Inseln waren komplett aus Schilf gebaut, die Häuser und die Boote auch. Nur die Menschen, die darauf wohnten, waren nicht aus Schilf. Eigentlich ziemlich abgefahren, allerdings auch extrem überflutet von Touristen, wie ich hörte. Darauf hatte ich in dem Moment keinen Appetit. Aber ich probierte zum ersten Mal die Inka Cola hier. Die schmeckte wie Gummibärsaft.

IMG_3221_aIch wollte einfach nur ein bisschen herumhängen, nichts angucken, keine Tour machen und auch nicht immer die gleichen Fragen der anderen Reisenden beantworten oder stellen. Ich wollte einfach mal Obst essen, statt ständig Sahnetorte. Das funktionierte in dem Hostel, in dem ich untergekommen war, ganz gut. Es war ein kleines Familienunternehmen mit wenig Gästen.

IMG_3204_aAb und zu ging ich doch einfach ziellos durch die Straßen und konnte unerwarteterweise, ohne danach zu suchen, kleine Obststücke entdecken. Ich kam zum Beispiel an einem Platz vorbei, auf dem die Cholita-Frauen mit den Kindern und den älteren Herren zusammen Fussball spielten. Dann beobachtete ich auf dem Marktplatz beim Mittagessen ein lockiges, dunkelblondes Mädchen, dass sich auf Spanisch mit einer einheimischen Frau unterhielt. Die Frau wollte wiedermal ihre Haare anfassen und hat sie letztendlich zu sich nach Hause eingeladen. Ich unterhielt mich mit dem einheinischen Mädchen neben mir und wir schmunzelten gemeinsam über das Mädchen mit den Locken und die Frau.

Das lockige Mädchen hieß Cassandra und war aus Australien. Mit ihr verbrachte ich den Rest des Tages. Wir kamen am abend zufällig am Plaza und der Kirche vorbei, wo gerade ein Fest zu Ehren irgendeiner Jungfrau stattfand. Es gab ein Feuer vor der Kirche, um das sich die Menschen versammelt hatten. Ein CD-Player spielte laute Musik. Leute verteilten einfach so kleine Gebäckstücke, ein leckeres glühweinartiges Getränk und Pisco (Nationalschnaps in Peru und Chile). Dann begannen die Menschen vergnügt um das Feuer zu tanzen und nahmen mich und Cassandra an die Hand, damit wir auch mitmachten. Das war sehr lustig.

IMG_3164_a
IMG_3162_a_Cassandra erzählte mir, dass sie auf dem Weg nach Bolivien war, um ihr Visum zu erneuern. Danach wollte sie zurück nach Cusco in Peru, weil sie dort einen peruanischen Freund (=boyfriend) kennengelernt hatte. Später im Hostel lernte ich Luna aus Dänemark kennen. Sie war Anfang 20, arbeitete in einem Freiwilligenprojekt in Cusco. Mit ihr machte ich dann doch eine Tour zu einem Inkafriedhof. Luna erzählte mir ebenfalls, dass sie in Cusco einen peruanischen Freund hatte. Ich war etwas verblüfft über den Zufall und dachte: ‚Was ist denn da los in Cusco?‘ Das sollte ich bald herausfinden, denn auch mein nächstes Ziel auf meinem Reiseplan war Cusco.

IMG_3177_aInkafriedhof

IMG_3199_a

Share

Die Sonne und ich (Copacabana1)

IMG_3026_a

Eigentlich dachte ich, dass die Sonne schon immer da oben am Himmel war. Doch die alten Inkas glaubten, dass die Sonne auf der Sonneninsel geboren wurde. Man kann dort sogar noch die Fußabdrücke der Sonne sehen. Das erzählte mir jedenfalls ein Mann, den ich dort getroffen habe. Die Sonneninsel (Isla del Sol) liegt im Titicacasee. Gleich nebenan befindet sich, wie passend, die Mondinsel (Isla de Luna).

IMG_2844_aMein nächstes Ziel nach La Paz war aber ersteinmal Copacabana, allerdings nicht der weltbekannte Strand in Rio de Janero. Ich war in Copacabana in Bolivien am Titicacasee, nahe der Grenze zu Peru. Der Strand in Brasilien wurde allerdings nach dem kleinen, entspannten Ort am Titicacasee benannt. In Copacabana in Bolivien gibt es keine braungebrannten Strandschönheiten und seltsamerweise keine Hostels mit Mehrbettzimmern. Aber es gibt Straßenmusiker, viele kleine Läden mit Handwerkskunst für Touristen und einen schönen Hafen mit Boten und kleinen Ständen, an denen man leckere Titicacaseeforellen essen kann. Als ob das nicht schon genug wäre, gibt es in der Kirche dort auch noch Boliviens Nationalheilige, die Jungfrau von Copacabana, zu der jedes Jahr viele Menschen pilgern.

IMG_2836_a

IMG_2868_aAuf der Busfahrt dorthin lernte ich ein Pärchen aus der Schweiz kennen. Mit ihnen zusammen suchte ich vor Ort einen Schlafplatz. Wir landeten in einem einfachen Hotel. Dort konnte ich nach langer Zeit endlich wieder in einem Einzelzimmer schlafen. Mit dem Schweizer Pärchen verbrachte ich den nächsten Tag. Wir aßen Forelle, hingen auf einer Dachterrasse herum und kletterten auf den Berg Cerro Calvario, um von dort die Stadt und den Titicacasee zu sehen. Von dort oben sahen wir auch die Bote, die in regelmäßigen Abständen zur Isla del Sol und zur Isla del Luna fuhren. Das wollte ich auch machen.

IMG_2796_a

IMG_2820_a

IMG_2798_aDas Pärchen aus der Schweiz reiste am nächsten Tag weiter nach Peru. Ich hing noch einen Tag in Copacabana herum bis ich auch in einem der Bote saß, das mich zur Isla del Sol brachten. Es war ein schöner, sonniger Tag. Die Sonne, die ja dort geboren wurde, strahlte so sehr, als hätte sie an diesem Tag Geburtstag. Es gab einen Wanderweg, der um die ganze Insel führte. Man konnte sich eigentlich nicht verlaufen und man brauchte auch keine Angst vor Überfällen oder anderen merkwürdigen Begegnungen haben. Ich konnte also völlig unbesorgt drauf loswandern. Die meiste Zeit war ich alleine unterwegs, kaum andere Menschen hinter oder vor mir. Wenn mir andere Leute begegneten, wanderten sie in die entgegengesetzte Richtung. Das kam mir bekannt vor. Auf meiner bisherigen Reise begegneten mir fast nur Menschen, die genau in die entgegengesetzte Richtung reisten. Überraschenderweise war es ein sehr gutes Gefühl ganz alleine unterwegs zu sein. Die Landschaft war wunderschön und die Sonne schien. Ich hatte also die Insel und die Sonne ganz für mich, leider hatte ich keine Sonnencreme dabei.

IMG_2956_a
IMG_3040_aAm anderen Ende der Insel war ein Tempel and ein Mann, der auf mich zukam. Er war eine Art Guide und wollte mir die mysthischen Dinge dort zeigen und erklären. Obwohl er fast nur Spanisch und kaum Englisch sprach, konnte ich alles gut verstehen. Es war interessant. Er zeigte mir den Frosch, den man in den Felsen sehen konnte, einen Steinkreis, der den 13-monatigen Inkakalender zeigte, die Fussabdrücke der Sonne und den labyrinthartigen Tempel. Im schlauen Internet hab ich im nachhinein allerdings gelesen, dass nicht direkt die Sonne auf der Insel geboren wurde, sondern der Sonnengott Inti seine Kinder auf die Sonneninsel gesand hat. Das waren dann die ersten Inkas. Entweder ist mein Spanisch doch noch nicht so ganz gut oder der Mann hatte seine eigenen Ideen von der Sonne und der Insel.

IMG_2986_aDer Felsenfrosch:)

IMG_3042_aDie Sonnenfussabdrücke

Ich ging weiter bis zum nächsten Ort, um dort zu übernachten. Kurz nach dem Ortseingang kam mir Saulo entgegen. Saulo war auch auf der Suche nach einem Schlafplatz. Wir suchten gemeinsam weiter und fanden zwei Einzelzimmer bei Einheimischen. Abends gab es ein heftiges Gewitter, wie eigentlich jeden abend, den ich am Titicacasee verbrachte.

Am nächsten morgen wanderte ich zu dem Hafen, an dem ich angekommen war. Dort begenete ich wieder Saulo. Er war wie ich auf der Suche nach einem Restaurant. Also suchten wir wieder gemeinsam und aßen zusammen. Saulo sah eher unscheinbar aus, machte aber einen sehr korrekten Eindruck. Er war aus Brasilien und erzählte mir, dass er dort Polist ist und gerade seinen 2-wöchigen Urlaub in Bolivien und Peru verbrachte. Bevor er bei der Autobahnpolizei arbeitete, um gefährliche Drogenschmuggler und andere Gesetzesbrecher zu überführen, war er Anwalt. Das war ihm allerdings zu langweilig.

IMG_2858_aZurück in Copacabana schaute ich in den Spiegel und stellte fest, dass ich ein Krebs war. Also ich sah zumindest so aus wie einer. So schön die Sonne auf der schönen Sonneninsel auch schien, es war etwas zu viel für mein Bleichgesicht. Krebsrot verbrachte ich noch einen Tag in Copacabana bis ich weiter über die Grenze nach Peru fuhr.

Am Grenzübergang offenbarten mir die Polizisten, dass ich mich insgesamt 49 Tage in Bolivien aufhielt. Ich konnte es kaum glauben, dass ich schon über 6 Wochen durch Bolivien reiste. Die Polizisten konnten es leider glauben, denn es waren ganze 19 Tage zuviel. Ich hatte nur ein Visum für 30 Tage und total das Zeitgefühl verloren. Mein krebsrotes Gesicht lief vor Schreck kurzzeitig noch röter an. Das machte dann 20 Bolivianos für jeden Tag zuviel, por fovor. Ich bezahlte und ärgerte mich. Aber zumindest wurde ich dort nicht länger auf- oder festgehalten und konnte schließlich weiterreisen nach Puno in Peru, das dritte Land auf meiner Reise.

IMG_3158_a

 

 

Share

Maskottchen in der Abenteuerbrauerei (La Paz/Rurrenabaque)

IMG_2125_a

Ich stieg aus dem Bus und lief mit meinen beiden Rucksäcken in die falsche Richtung. Ich wusste, dass das Hostel irgendwo in der Nähe vom Busbahnhof lag. Dann fragte ich eine Frau am Straßenrand nach dem Weg. Sie schickte mich in die Richtung, aus der ich kam…zurück zum Busbahnhof. Und tatsächlich, dort gleich um die Ecke war das Hostel Adventure Brew.

IMG_2107_a
IMG_2154_aDas Hostel in La Paz war eigentlich nichts Besonderes. Es war kein Partyhostel und hatte zu der Zeit, als ich dort war, auch nicht sehr viele Gäste. Aber es gab dort eine Bar, in der man jeden abend ein Freibier aus der hosteleigenen Brauerei bekam. Am ersten abend nach meiner Ankunft ging ich also in die Bar im Erdgeschoss und fragte den Barkeeper nach meinem Freibier. Ich fühlte mich etwas unwohl, da ich wieder niemanden kannte. Aber das änderte sich schnell und erstaunlich leicht. Der Mann hinter der Bar hieß Ben, kam aus Australien und unterhielt sich sofort mit mir. Er war auch auf Reisen und arbeitete im Hostel um seine Reisekasse aufzubessern. Neben mir an der Bar stand ein Franzose, der aussah wie Jonny Depp in Fluch der Karibik. Mit ihm kam ich auch gleich ins Gespräch. Er hieß Remi und versuchte von Fernanda aus Kolumbien Spanisch zu lernen. Fernanda und Remi waren ebenfalls auf Reisen, Fernanda bereits seit zwei Jahren. Eigentlich arbeiten die beiden auch hinter der Bar, aber an dem abend hatten sie frei. Sie fragten mich, ob ich Hunger hätte. Tatsächlich hatte ich an dem Tag noch nicht viel gegessen. Da es schon spät war und die Küche im Hostel nicht mehr auf hatte, gingen wir auf die Straße und kauften Burger an einem Stand. Danach unterhielten wir uns eine ganze Weile weiter in der Hostelbar. Ben kam später auch dazu. Mit Ben, Fernanda, Remi und den anderen Leute von der Bar erlebte ich in den nächsten zwei Wochen meine Abenteuer in der Abenteuerbrauerei. Sie wurden meine Reisegesellschaft und ich wurde ihr Maskottchen.

IMG_2676aMit Ben habe ich am nächsten Tag einen Aussichtspunkt besichtigt, von dem man eine schöne Sicht über die Stadt hatte. Abends hing ich wieder an der Bar herum. Auch am nächsten und den darauffolgenden Abenden war ich in der Bar mit den Leuten von der Bar. Wir tanzten, wir sangen, wir brachten uns gegenseitig Englisch und Spanisch bei, wir fuhren zusammen in andere Clubs nach der Barschicht. Und es waren immer dieselben Leute von der Bar und ich. An einem abend war ich sogar Dj hinter der Bar, weil vor der Bar nicht viel los war. Ich überlegte, ob ich dort auch anfangen sollte zu arbeiten, aber ich wollte bald weiterreisen und genoss mein Maskottchendasein.

IMG_2666_aIMG_2670_aIMG_2678_aAm vierten Tag in Cusco bin ich mit Ben den sogenannten „death road“ mit dem Mountainbike heruntergefahren. Ich wusste nicht genau, was mich dort, auf der Todesstraße erwartete. Auf Serpentinen fuhren wir zuerst auf einer gepflasterten Straße mit einem Affentempo bergab, später auf einem steinigen und felsigen Weg, auf dem man öfter leicht ins Schleudern kam. Ich war so froh, dass die Bremsen gut funktionierten, auch wenn ich eine Weile brauchte, um herauszufinden, welche für hinten und welche für vorne war. Es ging kurvig und steinig abwärts. Am Rand war der Abhang, in den schon so einige Menschen verendet sind, wie unser Guideunterwegs erzählte. Nach jeder Etappe dachte ich nur: „Wow, ich lebe noch!“ Es war sehr aufregend, aber auch etwas beängstigend in einigen Kurven. Auf jeden Fall habe ich genug Adrenalin getankt, um die nächsten Tage erstmal nichts Aufregendes zu unternehmen und als Maskottchen mit den Leuten von der Bar rumzuhängen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERANach ein paar Tagen machte ich eine Tour zum Mark nach El Alto und zum Cholita-Wrestlin. Diese Show findet jeden Sonntag statt. Es war etwas absurd und der Kommentator war ein wenig anstrengend. Männer in Kostümen und Frauen mit Zöpfen und weiten Röcken schmissen sich gegenseitig in die Ecke des Rings und aus dem Ring. Es war ganz unterhaltsam, aber der Showeffekt war sehr offensichtlich, wie das beim Wrestling eben so ist. Danach ging es zu einem Witchdoktor in eine kleine Hütte. Er war eine Art Doktor mit speziellen, magischen Fähigkeiten. Diese Magie kann man in La Paz in einer speziellen Schule lernen, in einer Art Hogwarts von La Paz. Der Doktor, den wir besuchten, hatte seine Fähigkeiten aber von seinen Vorfahren überliefert bekommen, erzählte er uns. In seiner Hütte waren überall seltsame Dinge zu sehen mit denen er wohl irgendwelche Rituale durchführte: Kräuter, Schädel und andere kleine, bunte Dinger, die aussahen wie dekorierte Seifen. Wir saßen alle im Kreis und konnten Fragen über unsere Zukunft stellen. Der Zauberdoktor hatte einen Haufen Kokablätter vor sich auf dem Tisch ausgebreitet und las daraus die Antworten. Alle in der Gruppe wollten wissen, wie ihre Gesundheit, ihr Liebesleben und ihre Finanzen zukünftig aussehen. Als ich an der Reihe war, beschloss ich keine Fragen zu stellen. Ich war mir nicht sicher, ob der Zaubermann wirklich in die Zukunft gucken konnte, aber ich war mir sicher, dass seine Antwort mich in irgend einer Art beeinflussen würde. Jetzt weiß ich zwar immer noch nicht ob ich im Lotto gewinne oder wieviele Ehen ich mal haben werde, aber alles ist möglich.

IMG_2194_a
IMG_2201_a

IMG_2718_a

IMG_2252_a

IMG_2262_aDie kleine Zauberwelt, die ich schon in Cochabamba erlebt habe, begegnete mir auch in La Paz immer wieder. Neben den Hütten mit den Zauberdoktoren, gab es mitten in der Stadt einen Hexenmarkt. Dort wurden vertrocknete Lamas verkauft und andere seltsame Dinge, wie zum Beispiel Follow me-Powder gegen Liebeskummer. Auf der Stadtführung erfuhr ich unter anderem, dass die indigenen Leute früher bei einem Hausbau eine lebendige Person unter dem Haus begraben haben, für Pachamama natürlich. Das war mir etwas zuviel Zauberei. Ob das heute immer noch so gemacht wird, ist ungewiss. Aber man solle sich lieber nicht alleine und betrunken nachts in den Straßen von La Paz herumtreiben, riet uns der Guide. „Alles klar“, dachte ich, „Betrunken, alleine und nachts was generell keine gute Idee“.

IMG_2120_a

IMG_2119_aIch landete also nicht unter irgendeinem neu gebauten Haus in La Paz. Doch irgendwann packte mich in La Paz in der Abenteuerbrauerei wieder die Abenteuerlust und ich beschloss eine 3-tägige Pampas-Tour in den Madiddi National Park zu machen. Da die Busfahrt dorthin bis zu 24 Stunden dauern würde, beschloss ich dorthin zu fliegen. Allein der Flug nach Rurrenabaque in dem kleinen Flugzeug und die Ankunft an dem sehr provisorischen Flughafen war schon ein kleines Abenteuer.

In Rurrenabaque war es tropisch heiß. Von dort aus ging es dann mit dem Jeep und 7 weiteren Leuten in das Sumpfgebiet nach Santa Rosa. Dort fuhren wir drei Tage mit dem Boot auf dem Fluss Yacuma umher und schliefen in einer Holzhütte auf Stelzen. Wir haben viele Kaimane, Schildkröten, Affen, exotische Vögel und Bisamratten gesehen. Außerdem haben wir Piranhas gefischt und gegessen. Ich bin in dem Fluss mit Delphinen geschwommen und wir haben stundenlang nach einer Anakonda gesucht. Nach 5 Stunden Wandern durch tiefsten Schlamm, mussten wir allerdings aufgeben. Ein Mädel aus unserer Gruppe bekam Kreislaufprobleme und sackte zusammen. Der Trip war sehr erlebnisreich, aber nach drei Tagen packte mich wieder der Gruppenkoller und ich war froh wieder in La Paz zu sein bei den Leuten von der Bar.

IMG_2485aIn La Paz verbrachte ich noch einige Tage als Maskottchen bis ich beschloss weiter zum Titicacasee nach Copacabana zu fahren. Da ich bei meinem ersten Versuch La Paz zu verlassen meinen Bus verpasst habe, feierte ich an zwei Abenden meinen Abschied von den Barleuten.

IMG_2763_a

IMG_2142_a

Share

Zaubern in Cochabamba (Cochabamba2)

IMG_1879_a

Seit ich denken kann, suche ich in dieser Welt nach Märchen, nach etwas Magischem, ein bisschen Zauber. Ich will ja gar nicht viel: Nur hier und da einen kleinen Hinweis, ein bisschen Verwunderung, einen kurzen, seltsamen Moment. Während in Deutschland alles seinen rationalen Lauf nimmt, spielt die magische Welt der Pachamama in Bolivien eine grosse Rolle. Pachamama ist die Mutter Erde, die Mutter Welt, die von vielen indigenen Völkern in Südamerika verehrt wird und um die sich alles hier dreht. Bei der fiesta de la Virgen de Urkupiña wurde die Verehrung der Pachamama auf erstaunliche Weise mit dem hier ebenfalls praktizierten Katolizismus vermischt.

IMG_1838_aDas Fest dauerte vier Tage und findet jedes Jahr Mitte August zu Ehren der Jungfrau von Urkupiña statt. Es ist der Höhepunkt des religiösen und kulturellen Lebens in Cochabamba. Ich war sehr froh, dass Susanne und ich rechtzeitig aus Villa Tunari nach Cochabamba zurückgekehrt sind, um dieses Spektakel gemeinsam mit der Familie Zapata zu erleben.

IMG_1939_aIn bunten, aufwendig genähten Kostumen tanzten sie durch die Straßen. Manche glitzerten, manche hatten Kastanetten an den Beinen. Machmal waren sie auch prunkvoll als Teufel oder Bären verkleidet. Die Frauen wackelten gekonnt mit ihren Hüften und die Männer tanzten mit ebendsoviel Leidenschaft und Rhythmusgefühl. Die Gruppen kamen aus sämtlichen Städten und Dörfern Boliviens und bildeten eine bunte, zauberhafte Parade.

DSCN0699_a
IMG_1777_a

IMG_1863_a


DSCN0596_aIMG_1901_a
IMG_1896_a
IMG_1841_a
IMG_2024_aDa der Rest der Familie anderweitig beschäftigt war, freute sich Gastmutter Ninfa am Tag nach unserer Rückkehr darauf, Susanne und mir die Tanzparade zu zeigen. Im ersten Moment war ich etwas verdutz, einen ganzen Tag mit Ninfa zu verbringen. Ich war immer noch leicht verstimmt von dem Bügel- und Aufräumerlebnis. Doch an diesem Tag gefiel mir ihre forsche Art immer besser. Wenn ihr etwas nicht passte, dann diskutierte Ninfa sofort mit strengem Blick drauflos. Das funktionierte gut. Sie bekam jedenfalls immer was sie wollte.

IMG_1858_aSusanne und ich schauten uns um. Weit und breit schienen wir die einzigen Touristen auf diesem Fest zu sein. Das war ungewohn, aber gut. Nach kurzer Zeit kamen ein paar Mädchen aus einer Tanzgruppe auf uns zu und fragten ganz neugierig, ob sie unsere blonden Haare anfassen könnten. Auch das war ungewohnt, aber witzig. Die Mädchen schauten uns erstaunt mit ihren braunen Kulleraugen an und stellten viele Fragen bis sie sich wieder in die tanzente Parade einreihten.

IMG_1833_aAm nächsten Tag klingete um 3:30 Uhr morgens mein Wecker. Um vier Uhr stand ich mit der gesamten Familie Zapata startklar vor dem Haus. Nur Mama Ninfa kam später mit dem Taxi nach. Es war schon seltsam, denn nicht nur wir, sondern die ganze Stadt pilgerte in aller Hergotts Frühe im flotten Tempo 14 km nach Quillacollo. So war es Tradition. Leider gehörte es anscheinend nicht zur Tradition vorher zu frühstücken. Mein Magen knurrte und ich erblickte sehnsüchtig die Stände mit heissen Getränken und Snacks am Straßenrand. Doch Familie Zapata wollte vor der Mittagshitze am Ziel ankommen, ging unbeeindruckt weiter und ich hinterher.

DSCN0722_b

IMG_2035_aNach 14 hungrigen Kilometern kamen wir in Quillacollon an, wo sich alle Leute vor einer Kirche versammelten. Auch Ninfa hat sich inzwischen zu uns gesellt. An diesem Ort war es Brauch Kerzen auf dem Boden anzuzünden. Für jede angezündete Kerze hatte man einen Wunsch frei, für sich selber oder einen anderen Menschen. „Aha!“, dachte ich, „Hier geht der Zauber also schon los.“ Das gefiel mir sehr gut. Währenddessen gab es einen Gottesdienst und man konnte sich die Jungfrau von Urkupiña, die Schutzpatronin der Stadt, in der Kirche angucken. Danach ging es weiter mit dem Zauber: Familie Zapata wollte endlich etwas essen. Mein Magen fand das überaus zauberhaft. Auf einem großen Platz reihte sich ein langer Tisch an dem nächsten. Überall wurde ein seltsames Maisgetränk und eine Art fritierter Teig mit Puderzucker serviert. Es war zwar nicht sehr sättigend, schmeckte aber interessant.

IMG_2040_a

IMG_2041_aNach dem Essen schoben sich die Familie Zapata, Susanne und ich mit den Menschenmassen über einen riesigen Marktplatz. Bald erreichten wir die Stände, an denen man viele Dinge in Miniaturgröße kaufen konnte: Kleine Autos, kleine Häuser mit und ohne Vorgarten, kleine Geldscheine, kleine Doktortitel, kleine Heiratsurkunden und sogar einen kompletten kleinen Stoffkoffer mit Miniaturgeld in den verschiedenen Waehrungen inklusive kleinem Reisepass und kleinen Krititkarten für eine sichere Reise. Den musste ich natürlich haben, damit ich nicht nocheinmal ausgeraubt werde. „Ein bisschen Zauber kann da nicht schaden“, dachte ich. Der Brauch besagte nämlich, dass die kleinen Dinge, die man sich kauft, in Zukunft in Originalgröße in Erfüllung gehen. Aber das geschah nicht einfach nur so. Über qualmenden Schalen wurden die Miniaturdinge von den indigenen Frauen an den Ständen mit guten Wünschen in Quetchua belegt und Pachamama um Unterstützung gebeten. Zauber, Zauber, Fidibus.

IMG_2055_a

IMG_2048_a

IMG_2049_aDie Menschenmasse bewegte sich von dem Marktplatz weiter zu einem Hügel, auf dem eine Marienstatur stand. Dort ging es weiter mit den seltsamen Ritualen. An den Felsen des Hügels klopften die Menschen mit Hämmern herum. Auch Familie Zapata machte sich eifrig daran mitzuklopfen. Zuerst kaufte man eine Flasche Bier und goss etwas für Pachamama auf den Felsen. Danach bekam man gegen etwas Geld einen Hammer und musste soviele Felsstücke wie möglich abklopfen. Je mehr Feslbrocken, desto mehr Wohlstand wird man zukünftig haben. Das besagt zumindest der Brauch. In diesem energischen Kampf um den zukünftigen Reichtum bekamen sich Mutter Ninfa und Tochter Mariana sogar etwas in die Haare. Susanne und ich waren erstaunt mit welcher Ernsthaftigkeit die Leute den Felsen bearbeiteten. Es erschien uns zwar etwas absurd, aber wir probierten es natürlich auch. Danach wurden die Felsstücke in eine Tüte gepackt, zeremoniell mit Ölen, Blütenblättern und Luftschlangen überhäuft und Pachamama gewürdigt.

IMG_2085_a

DSCN0728_bAls für den Wohlstand gesorgt war, versammelten sich die Menschenmasse auf dem Hügel, um die Worte des Pristers zu hören. Während er sich durch die Masse bewegte, versuchten ihn viele Menschen zu berühren wie einen Schornsteinfeger, der Glück bringt. Im Vorbeigehen reinigte der Priester zwar keine Schornsteine, aber er verwandelte Wasser in Weihwasser. Während der Messe drängten sich die Menschen immer dichter aneinander. Die Sonne brannte und es gab keinen Schatten. Nach der Messe wurde noch beengter, denn alle Leute wollten zur selben Zeit in die selbe Richtung. Der ganze Zauber wurde regelrecht beiseitegeschoben, denn es wurde erbarmungslos gedrängelt, geschoben und geschubst. Es war schon fast etwas beängstigend. Ich war sehr froh als ich den Ausgang erreichte und dankbar für die zauberhaften Eindrücke und seltsamen Bräuche.

IMG_2059_aNach dem Fest blieb ich noch zwei Tage in Cochabamba. Danach reiste ich nach La Paz, um weitere Abenteuer im Reich der Pachamama zu erleben.

Share

Bügeln in Cochabamba (Cochabamba1/Villa Tunari)

IMG_1698_a

Kurz vor meiner Abreise in die große Welt habe ich meinen Freund Peter (Hallo Peter!) in Ulm für ein paar Tage besucht. Peter wohnt mit Susanne in einer Wohngemeinschaft. Susanne kannte ich nur flüchtig von meinem letzten Besuch. Mit ihr saß ich lange in der Küche und erzählte über alles Mögliche. Dabei erfuhr ich, dass Susanne bald in Bolivien in einem Krankenhaus für ihr Medizinstudium 6 Wochen Famulatur machen und anschließend noch ein paar Wochen durch Bolivien reisen wollte. Wir haben halb im Scherz vereinbart, dass wir uns ja in Bolivien treffen können.

IMG_1511_aWährend ich in Sucre war, habe ich auf Susannes facebook-Seite zufällig gesehen, dass sie sich auf den Weg nach Cochabamba in Bolivien macht. Cochabamba… das klang im ersten Moment wie eine Partystadt, in der die Leute jeden morgen mit der Blechtrommel geweckt werden. Ich schaute mir auf der Karte an, wo dieser Ort mit dem lustigen Namen lag. Er befand sich zwischen Sucre und La Paz, also direkt auf meiner Reiseroute. Wie Praktisch! Ich schrieb Susanne sofort eine Nachricht. Sie schrieb zurück, dass ich gerne vorbeikommen und dort in ihrer Gastfamilie wohnen könnte. Außerdem habe sie sowieso vor dem Famulaturbeginn noch zwei Wochen frei. Das klang alles noch viel praktischer und ich machte mich am Sonntag, den 10. August, mit dem Nachtbus auf in die Stadt mit dem lustigen Namen.

IMG_1501_a
IMG_1513_a
IMG_1505_a
Der Bus war komplett ausgebucht und ich war der einzige, anwesende blonde Mensch. Neben mir saß eine einheimische Mutti mit ihrem Kind auf dem Schoß. Beide versuchten während der Fahrt zu schlafen, wobei das Kind immer weiter zu mir rüberrutschte und letztendlich mehr auf mir als auf der Mutter schlief. Da die Kinder hier viel niedlicher sind als im Rest der Welt (die kleine Frida natürlich ausgenommen), machte es mir nicht viel aus. Auch ich versuchte zu schlafen. Das gelang mir allerdings nicht so richtig. Das Kind war dabei nicht das Problem, sondern eher die unbefestigten, holprigen Straßen, die mich immer wieder wachrüttelten. Außerdem hatte ich auch die ganzen Geschichten von gestohlenen Rucksäcken während nächtlicher Busfahrten im Hinterkopf. Die Fahrt dauerte 10 Stunden und es gab kein Klo im Bus. Allerdings hielt der Fahrer zwischendurch freundlicherweise für zwei Pinkelpausen. Bei der ersten Pause machten wir in einem kleinen Ort halt mit öffentlichen Klos. Bei der zweiten Pause war es schon stockfinster draußen und der Busfahrer rief nur: „El baño!“, was soviel hieß wie: Pinkelpause. Genau darauf hab ich schon eine Weile gewartet, schnappte meinen Rucksack und kletterte schnell aus dem Bus. Draußen guckte ich nach rechts und guckte nach links. Außer der Straße und der Böschung war weit und breit kein Klo zu sehen. Den Männern machte das natürlich nichts aus. Sie stellten sich in gewohnter Position an den Straßenrand. Dann kamen die Frauen aus dem Bus und hockten sich ganz selbstverständlich daneben. Da alle weite Röcke trugen, schien es für sie das Natürlichste auf der Welt zu sein. Da stand ich also und beobachtete das Pinkelverhalten der Einheimischen. Mir blieb nichts anderes übrig als mich einfach in den allgemeinen Strahl einzureihen, wenn auch etwas mehr abseits. Zum Glück hab ich meine lange Jacke angezogen, als ich aus dem Bus gestiegen bin.

IMG_1516_aMorgens um 4 Uhr kam ich in Cochabamba an. Susanne holte mich dort mit dem Taxi ab. Um diese Uhrzeit war es nämlich nicht ungefährlich irgendein Taxi am Busbahnhof zu nehmen, da die Taxifahrer auch gerne mal Touristen ausrauben. Unser Taxi fuhr uns jedoch unausgeraubt bis zu einer zweistöckigen Hauserhälfte. Dort führte mich Susanne kurz durch die große Wohnung bis sie mich an meinem Zimmer mit den vielen kitschigen Kuscheltieren ablieferte, wo ich sofort einschlief.

In dem Haus wohnte die gesamte Familie Zapata. Das untere Stockwerk wurde von Mariana, eine der drei Töchter, und ihrem Mann bewohnt. In der oberen Etage wohnte der Rest der Familie, also die Eltern Ninfa und Huvio mit den anderen beiden, ebenfalls erwachsenen, Töchtern Shirley und Stefany.

Mutter Ninfa fragte ich am nächsten Tag, ob ich meine Sachen dort waschen könnte. Sie hatte nichts dagegen und schmiss sofort die Waschmaschine an. Als ich mit Susanne aus der Stadt zurückkam, war Ninfa schon eifrig dabei meine Sachen zu bügeln. Ich kam ihr schnell zu Hilfe und versuchte ihr mit meinen nigelnagelneuen Spanischkenntnissen zu verstehen zu geben, dass das nicht nötig wäre. Sie hatte mich zwar verstanden, guckte mich aber trotzdem an wie ein Auto und sagte im strengen Ton: „Nosotros planchamos aqui!“ („Wir bügeln hier!“). ‚Aha‘, dachte ich, ‚hier wird also gebügelt.‘ Da sie immer noch hinter mir herumschlich, tat ich also so, als ob ich meine Sachen bügeln würde, bevor ich sie zusammenlegte. Da mir das Bügeltalent nicht in die Wiege gelegt wurde, war es ohnehin besser, dass ich das Bügeln nur vortäuschte um Gastmutter Ninfer zufrieden zu stellen.

Ab diesen Zeitpunkt war mir klar, wer in der Familie die gebügelten Hosen anhatte. Noch klarer wurde mir das, als ich an diesem abend mein Zimmer betrat. Alle meine Sachen waren zusammengelegt, das Bett war gemacht und sogar mein Kulturbeutel hing vorbildlich an der Gardinenschlaufe. Hinter mir tauchte Ninfa mit einem stolzen Grinsen auf und sagte sowas wie: „In diesem Haus herrscht Ordnung!“ und „Morgen räumst du dein Zimmer auf, bevor du gehst.“ Heute hatte sie das anscheinend für mich übernommen. Sie hat einfach ungefragt in meinen Sachen herumgewühlt und sie überall säuberlich im Zimmer verteilt. Sogar mein Handtuch, das ich zum Trocknen über den Stuhl gelegt habe, hat sie hübsch zusammengefaltet. Das ging mir etwas zu weit und mir platze fast mein ungebügelter Kragen.

Obwohl ich es eigentlich sehr spannend fand in einer Gastfamilie zu wohnen und mit ihnen Spanisch zu sprechen, war mir das etwas zu viel Familiengefühl für den Anfang. Ich war sehr froh, dass Susanne und ich geplant hatten für die nächsten drei Tage nach Villa Tunari zu fahren.

IMG_1564_a
IMG_1562_a

IMG_1522_aVilla Tunari war ein kleiner, ruhiger Ort im Regenwald Boliviens mit tropischen Temperaturen. Man konnte von dort aus verschiedene Parks mit exotischen Tieren und Pflanzen besichtigen und Wildwasserrafting machen. Für letzteres meldeten wir uns gleich nach unserer Ankunft bei der Touristeninformation an, die eigentlich ein wackeliger Stand aus Bambussträuchern am Straßenrand war. Allerdings kam es nie zum Rafting, denn der Regenwald begrüßte uns mit sinnflutartigen Regenfällen, die ganze zwei Tage lang andauerten. Wir saßen also im Hostel fest und schauten dem Regen zu und dem Fluß vor unserem Hostel, der immer mehr anstieg.

IMG_1542_a
IMG_1616_a
IMG_1628_aAls wir auf das Ende des Regens warteten und mit einem kleinen Straßenhund spielten, begegnete uns Biman aus Srilanka. Er hatte einen Beutel selbstgemachter Sandwiches dabei, die er uns verkaufen wollte. Wir lehnten dankend ab, kamen aber trotzdem mit ihm ins Gespräch. Er erzählte uns, dass er schon eine ganze Weile unterwegs ist. Vor ein paar Wochen hatte er seinen Rucksack verloren und hält sich seitdem mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Er erzählte, dass dieser Verlust für ihn eine Art spirituelles Erlebnis war. Dadurch wurde ihm klar, dass die Einstellung zum Leben wichtiger war als sein Besitz. Seitdem er seinen Rucksack verloren hatte begegnete er ständig Leuten, die ihm helfen wollten. Bolivianische Familien und andere Reisende boten ihm Essen und Schlafplätze an. Er erklärte sich das mit dem Gesetz der Anziehung. Wenn man positive Energie ausstrahlt, bekomme man positive Energie zurück. Wir unterhielten uns schließlich den ganzen Tag und den ganzen abend mit ihm über seine spirituelle Theorie, Gott und die Welt. Ich wusste nicht immer, was ich von den Sachen halten sollte, die er erzählte. Ich wußte nur, dass ich es sehr interessant fand, auch wenn es die ganze Zeit geregnet hat.

IMG_1659_a
IMG_1665_a

IMG_1651_a
IMG_1657_aDie Affen waren sehr zahm und hingen einfach nur entspannt herum. Wir haben sie gestreichelt und sie sind auf uns herumgeklettert. Am dritten Tag hat es endlich aufgehört zu regnen. Susanne und ich sind an dem Tag nicht nur in einem Affenpark herumspaziert, sondern mit einem extrem klapperigen Taxi ohne Fensterscheiben zu einem zweiten Park gefahren. Dort hat uns ein netter Herr viel über die regionalen Pflanzen und Tiere erzählt und uns eine Cobra in die Hand gedrückt.

IMG_1689_a
IMG_1726_a
IMG_1736_aAm abend ging es wieder zurück nach Cochabamba zu Familie Zapata. Die ganze Familie versammelte sich um den Abendbrotstisch und wollten alles ganz genau wissen. Nachdem ihr Wissensdurst gestillt war, verlagerte sich die vollzählige Familie plötzlich ins Wohnzimmer vor den Fernseher. Dort verfolgten alle gespannt eine Seifenoper, in der sich ein Familien- und Liebesdrama ans nächste reihte. Es gab keine Szene in der die schlechten Schauspieler nicht in dramatischen Streitgesprächen oder tränenreichen Situationen verwickelt waren. Obwohl in keine der Szenen gebügelt wurde, verfolge Ninfa gespannt das Geschehen.

Share