Im Bus und auf Bäumen (Buenos Aires)

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Die Zeit. Manchmal kriecht sie wie eine pensinoerte Raupe, zieht sich wie ein alter Kaugummi oder fährt an uns vorbei wie ein rastloser Reisebus. Nach über einem Jahr Blogpause, in der ich Neuseeland, Australien, Indonesien und Thailand besucht habe, werde ich jetzt weitererzählen. Also dreh ich die Zeit einfach zurück zum Anfang des Jahres 2015 und befinde mich wieder in Südamerika.

IMG_3654_aaIch saß 4 Tage auf einem Semi cama Sitz (der sich um ganze 120° in eine halbliegende Position verstellen ließ), hörte Musik, schaute aus dem Fenster, las ab und an mal was und verschwand die meiste Zeit in meinen Gedanken. Die bewegten sich zurück und vorwärts, bremsten ab und an, hielten auch mal auf einer Raststation, waren mal langsamer und mal schneller als der Bus.

Nach der intensiven Zeit in dem Surferort Huanchaco (Peru), nahm ich von dort aus den Bus nach Buenos Aires. Viele haben mich für verrückt erklärt, denn die Fahrt dauerte vier Tage. Ganze vier Tage mit zwei Grenzüberfahrten, einem Buswechsel und ein paar Pinkel- und Esspausen. Doch ich hatte Lust auf Busfahren, nicht nur weil es viel günstiger war als Fliegen und ich in keiner großen Eile war, sondern weil ich vier Tage lang mit niemanden reden und nichts weiter machen musste als zu sitzen und aus dem Fenster zu gucken. Genau darauf hatte ich Lust. Vier Tage lang konnte ich mich von dem Rest der Welt abkoppeln, mich in meine Gedankenblase kuscheln und bewegte dabei auch noch weiter.

IMG_3611_aaIMG_3613_aaIMG_3609_aaIn Buenos Aires hatte mich mit Ben aus Sydney verabredet, den ich in La Paz (Bolivien) kennengelernt hatte. Nachdem ich am Anfang aus Versehen in dem seltsamen Hostel mit dem Namen „Sol“ (=Sonne) gelandet bin, trafen wir uns schließlich im Hostel „El Sol“ (=die Sonne) im schicken Stadtteil Recoleta wieder. Im „Sol“ gab es auf der Terrasse einen Mann, der die ganzen Tag regungslos vor sich hinstarrte, im „El Sol“ gab gesellige Reisende, die mich sofort in ihren bierseligen Kreis aufnahmen. Was für einen Unterschied so ein kleiner Artikel machen kann. Neben den Bierfreunden übernachtete in diesem Hostel auch gerade die Vorband der Foo Fighters, die in den nächsten Tagen alle zusammen in Buenos Aires einen Auftritt hatten. Das war ganz spannend. Die Vorband gab an einem abend auf der Dachterrasse ein Live Konzert und wurde von einem Fernsehteam interviewt, bei dem wir das Pulikum spielten und lautstark aupplaudierten.

IMG_3616_aaMit Ben verstand ich mich in Buenos Aires wieder vom ersten Moment an, eigentlich noch viel besser als vor drei Monaten in La Paz. Wir kletterten am ersten abend aufs Hosteldach, tauschten unsere Reiseabenteuer aus und verbrachten für die nächsten zwei Wochen jeden Tag miteinander. Manchmal hingen wir mit den anderen Leuten aus dem Hostel herum, zum Beispiel mit Antony aus Kanada, der tagsüber die meiste Zeit auf seinem Bett lag und „Trailerpark“ guckte. Oft gingen wir auch einfach stundenlang durch die heiße Stadt und verliefen uns in den Straßen. Wir machten verrückte Fotos und Sachen und waren wie herumstrolchende Kinder ohne ein Zuhause. Wir kletterten über Zäune, auf Bäume, schliefen in Parks oder spuckten von Brücken. Wir trieben uns auf Friedhöfen herum, auf Marktplätzen, tanzten Tango und tanzten durch die Clubs von Palermo. Wir machten die Stadt zu unserem Abenteuerspielplatz. Aber wir waren nicht nur Strolche, wir waren auch eifrige Erwachsene und verbrachten viel Zeit in der Biliothek. Dort arbeitete ich an meiner Bewerbung für Grafikdesignjobs in Neuseeland und Ben an seiner Bewerbung für einen Job als Produktdesigner in Buenos Aires. Ben half mir beim Formulieren meines englischen Anschreibens und ich half ihm beim grafischen Überarbeiten seines Portfolios. Wir teilten und tauschten unser Wissen, um dann abends wieder durch die Stadt zu strolchen. Ich zeigte Ben wie man als Darkwin Duck mit einem Tuch als Umhang nachts über eine Straßenkreuzung rennt und schnitt ihm die Haare. Ben reparierte meinen kaputten Reißverschluss und stellte mir ein Mixtape zusammen, nur das es kein Tape war, sondern ein Ordner mit mp3-Songs.

IMG_4586_aaIMG_3691_aaIMG_3680_aaIMG_3704_aa961693_aa11328775_10153411201138086_121644557_aa10965938_10155218544185002_201806175_aaIMG_4575_aaIMG_20150129_234311_aaEin besonderer Höhepunkt unserer Streif- und Strolchzüge war der Besuch des  Themenparks „Tierra Santa“. Eine mit Weihnachtskrippenfiguren überladene, bunte Welt aus Kunststoff, die  die Geschichte der Bibel in vielen einzelnen Szenen darstellte. In dramatischen Shows mit Neonlichteffekten und Kunstnebel wurde die Welt erschaffen und Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben. Am Eingang begrüßten uns als römische Soldaten verkleidete Leute und der Papst von einem riesigen Plakat aus. Es war faszinierend, absurd und unglaublich kitschig zugleich. Jede volle Stunde wurde eine riesige Jesusfigur aus einem Felsen herausgefahren. Zu dem spektakulären Aufstieg ertönte ein feierlicher Halleluja-Chor. Eltern versammelten sich ehrfürchtig mit ihren Kindern auf einer Tribühne, um dieses ehrwürdige Ereignis fotografisch einzufangen. Ich war auf seltsame Art und Weise beeindruckt von dem Spektakel und zur selben Zeit sehr amüsiert. Wir entschieden ein bisschen herumzustrolchen und eine lustige Fotoserie von uns in den verschiedenen Szenarien zu machen. Dabei kletterten wir auf den Figuren herum und versuchten uns vor den Sicherheitsleuten im Park zu verstecken, um dort zu übernachten. Doch diese römischen Soldaten waren einfach überall und begleiteten uns kurz vor der Schließung des Parks sogar persönlich zum Ausgang.

IMG_7475_aaIMG_7493_aaIMG_7544_aaIMG_7537_aaIMG_7504_aaIMG_7536_aaIMG_7592_aaIMG_7502_aaNach 2,5 Wochen Herumspielen in Buenos Aires, beschloss ich für zwei Wochen in den Süden Argentiniens (Patagonien) weiterzureisen. Der Aufbruch und Abschied von Ben und Buenos Aires fiel mir nicht leicht, doch er war durch einen unerwarteten Zufall nur auf Zeit. Ich musste wieder zurückkommen nach Buenos Aires, um meinen neuen Reisepass von der deutschen Botschaft dort abzuholen. Bei dem Raubüberfall am Anfang meiner Reise wurde mir unter anderem mein Reisepass gestohlen. Den habe ich in der deutschen Botschaft in Santiago de Chile neu beantragt und der war durch ein Missverständnis nun auf dem Weg zur deutschen Botschaft in Buenos Aires. Am Anfang ärgerte ich mich darüber, am Ende war ich sehr dankbar für diese Fügung.

IMG_3893_aaIMG_3921_aaIMG_3664_aaEs gibt so viele unterschiedliche Menschen mit so vielen unterschiedlichen Geschichten in dieser Welt. Manche bleiben nur eine Randnotiz, hinterlassen einen kurzen Witz oder eine absurde Anekdote, andere werden in kürzester Zeit zum Protagonisten für einen Satz, eine Seite oder ein ganzes Kapitel. Manche tauchen unter den komischsten Umständen zufällig oder geplant wieder zwischen den Zeilen auf. Manche stellen deine ganze Geschichte auf den Kopf, schütteln sie ordentlich durch und hinterlassen seitenlange Abenteuer, die eine Wandlung mit sich bringen oder auch nur den Moment des Geschehens in den Buchrücken eingravieren. Sie schreiben mit dir Geschichten, zu denen du immer wieder zurückblättern möchtest. Ben war so ein Protagonist. Wir malten unsere Abenteuer in ein quietschbuntes Bilderbuch. Ich war hin und hergerissen. Ich wollte noch nicht weiterblättern, doch meine Reisegeschichte war hier noch nicht beendet. Es gab noch so viel zu entdecken, zu sehen und zu lernen, über mich und die Welt. Also nahm ich den Stift in die Hand und reiste zu meinem nächsten Kapitel: Patagonien.

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