Ich will Abenteuer (Bariloche)

IMG_4136_aaJeder neue Aufbruch ist wie eine komplett neue Reise mit einem Gefühlssalat aus Neugier, Freude, Aufregung und etwas Angst. Obwohl ich schon seit sieben Monaten Leute kennenlernte und wieder verabschiedete, mich an Orte gewöhnte und wieder weiterreiste, war der Salat noch da. Die Portion ist kleiner geworden, hat sich relativiert, aber sie war immer noch die Vorspeise vor dem erneuten Aufbruch. Nachdem ich in Buenos Aires jeden Tag mit Ben und den Hostelleuten verbrachte, wollte ich nun wieder Abenteuer auf eigene Faust erleben. Also begab ich mich erneut auf den Weg ins Ungewisse, wieder mit dem Bus. Aber diesmal nicht vier Tage, sondern nur winzige zwanzig Stunden.

Ich war in Bariloche, der größten Stadt in den Südanden Argentiniens mit einer alpenähnlichen Postkartenkulisse. Hier wollte ich Abenteuer erleben. Damit begann ich gleich am nächsten Tag. Mit einem geliehenem Fahrrad fuhr ich 30 km den Circuito Chico entlang. Dieser Weg führte bergauf und -ab bewegte durch eine lebendige Postkarte mit idyllisch abgebildeten Bergen, Wäldern und Seen. Die Idylle wurde nur kurz von einem Hund gestört, der mich verfolgte und mich beißen wollte und von einem Abhang, an dem mein Fahrrad beinahe herunterrutschte, als ich eine Pause machte. Nach der Radtour kletterte ich auf den Berg Cerro Campanario. Von dort oben gab es eine Panorama-Aussicht auf die gesamte Postkartenmotividylle. Meine erste Erkenntnis nach diesen Abenteuerversuchen: Das war ja alles schon ganz nett, aber so richtig abenteuerlich war es noch nicht.

IMG_3998_aaIMG_3944_aaIMG_4032_aaIMG_4025_aaAlso war mein nächtes Abenteuer eine Wanderung in den Anden, die ich ganz alleine machen wollte. Ich fragte den wandererfahrenen Mann an der Rezeption im Hostel aus und suchte mir eine Route für einen 2-tägigen Trek aus, der eigentlich ein 3-Tages Trek war. So einfach wollte ich es mir nicht machen, ich wollte ja eine Herausforderung, ein Abenteuer. Doch ich konnte nicht einfach so loswandern. Ich brauchte etwas Vorbereitungszeit, um Informationen über die genaue Route und die Wetterverhältnisse zu bekommen, Proviant und Wasser zu kaufen und um meinen Trek im örtlichen Wanderbüro zu registrieren. Bei der Registrierung hatte ich kurz ein mulmiges Gefühl als sie mir eine Telefonnummer für den Notfall gaben. Doch das Gefühl wurde schnell wieder von der aufdringlichen Abenteuerlust weggedrängelt.

Am nächsten Morgen ging es los. An diesem Morgen schien mein Abenteuer fast zu scheitern, bevor es überhaupt begonnen hatte. Ich konnte die richtige Bushaltestelle nicht finden. Nachdem ich so gut wie alle wartenden Leute an den Haltestellen gefragt hatte, landete ich zum Glück im richtigen Bus. Am Cerro Catedral stieg ich aus und nahm den Lift, um auf den Berg zu kommen. Alles klappte, wie geplant, doch dort oben wurde es wieder unübersichtlich. Ich konnte den Anfang der Route nicht finden. Beim Herumfragen sagte man mir, ich solle einfach die Absperrung mit dem Gefahrenschild beiseite schieben. Das war also der Anfang meines Abenteuers: Eine Absperrung mit einem Schild, dass ich nicht genau verstand, auf dem aber irgendetwas mit „Achtung!“ stand.

IMG_4261_aaZwei Frauen, die ebenfalls die Route suchten, folgten mir. Wir gingen ein Stück gemeinsam bis zum Fuß des nächsten Berges. Eine von den beiden Frauen erzählte mir, dass sie ebenfalls den Jakobsweg gelaufen ist und wünschte mir einen „Buen Camino!“ als sich unsere Wege trennten. Danach ging es bergauf und ich fühlte mich tatsächlich wieder wie auf dem Jakobsweg. Ich folgte den Zeichen. Diesmal waren es keine gelben Pfeilen, sondern rote Punkte. Ab und zu kam ich vom Weg ab, doch irgendwann fand ich den roten Punkt wieder und merkte, dass ich viel zu schwierige Umwege gelaufen war. Meine zweite Erkenntnis war: Wenn man die richtigen Zeichen findet, war der Weg viel einfacher.

IMG_4159_aaNach kurzer Zeit begegnete ich einer argentinischen Großfamilie, die aus mehreren wandernden Erwachsenen und Teenagern bestand. Die waren alle ziemlich flink unterwegs. Ich ging ein Stück mit ihnen bis zu einer Weggabelung, an der wir gemeinsam eine Pause machten. Dort trennten sich auch unsere Wege. Die flinke Wanderfamilie wollte zum Refugium Frey, das sich ganz in der Nähe befand, ich wollte aber zum Refugium Jakob, das noch einen Tagesmarsch entfernt lag. Als ich ihnen meinen Plan mittteilte, begannen die Erwachsenen auf mich einzureden, dass ich doch lieber mit ihnen zum Refugium Frey wandern solle und am nächsten Tag zum Refugium Jakob, dass es noch so weit zu laufen wäre, dass ich ja ganz alleine unterwegs wäre und was, wenn was passieren würde, außerdem solle es Regen geben und der nächste Wegabschnitt zum Refugium Jakob ginge steil bergab und sei gefährlich, vor allem ganz alleine… Ich hörte mir das alles an und war kurz verunsichert. Doch ich wollte mein Abenteuer nicht so einfach aufgeben. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt zum Refugium Jakob zu laufen und das wollte ich auch immer noch machen. Also verabschiedete ich mich freundlich, ließ die flinke Wanderfamilie mit besorgten Gesichtern zurück und wanderte weiter in mein Abenteuer hinein.

IMG_4105_aaIMG_4088_aaIch musste feststellen, dass es wirklich steil bergab ging, sehr steil, sehr sehr steil. Bei jedem Schritt brachte ich Steine zum Rollen und bei jedem zweiten Schritt landete ich auf den Hosenboden. Es gab keinen markierten Weg mehr, keine roten Punkte und der Berg schien endlos zu sein. Ich dachte kurz daran umzukehren, doch der Weg zurück sah auch nicht einfacher aus. Also ging ich weiter bergab, ganz langsam. Schritt für Schritt, manchmal rutschte ich ein Stück auf dem Po, manchmal ging ich wie ein Krebs auf allen vieren. Ich war weit und breit die einzige Wanderin und deshalb war es egal, dass ich aussah wie ein Plumpsack. Andererseits war auch keiner in der Nähe der Hilfe holen könnte, wenn der Plumpsack ausrutschen oder stürzen würde. Die Notfallnummer nützte mir nichts, denn mit dem Handy hatte ich dort keinen Empfang. Die Wanderfamilie hatte nicht ganz unrecht. Es war etwas gefährlich. Aber ich wollte ja Abenteuer erleben, also musste ich irgendwie ohne Sturz diesen Berg herunterkommen.

IMG_4074_aaIMG_4100_aaIMG_4099_aaMeine Beine wurden unterwegs lahm, meine Hose riss auf, ich bekam ein paar Schrammen, aber ich kam irgendwann unten an. Ich war erleichtert und erschöpft. Danach ging der Weg relativ eben weiter. Als die roten Punkte mich über einen weiteren felsigen Berg führten, fing es tatsächlich an zu regnen, so wie die Wanderfamilie es vorausgesagt hatte. Es gab zwar keine rollenden Steine mehr, dafür aber rutschige Felsen, die durch den Regen noch rutschiger wurden. Wieder verwandelte ich mich in einen langsamen Plumpsack, der sich durch den Regen kämpfte und versuchte nicht auszurutschen. Immer noch war ich die einzige Wanderin weit und breit. Doch ich schaftte es auch diesmal. Als ich unten ankam, war ich wieder erleichtert und erschöpft. Allerdings fing langsam an zu dämmern. Ich musste mich beeilen vor Einbruch der Dunkelheit das Refugium zu erreichten. Der Wald, durch den die Zeichen führten, wollte einfach nicht enden. Ich kratzte meine letzten Kräfte zusammmen und begann sogar ein bisschen zu laufen, um schneller zu sein als die Dunkelheit. Völlig abgehetzt erreichte ich das Refugium Jakob. Ich war die Letzte, die dort eintrudelte. Jede Zelle meines Körpers war komplett ausgezerrrt, aber auch unglaublich stolz, dass sie es geschafft hatte. Meine dritte Erkenntnis unterwegs: Wenn ich mich von den Ratschlägen anderer aufhalten lassen würde, wäre ich nie so weit gekommen.

4148Das Refugium war eine Holzhütte mit ein paar Holztischen, Holzbänken, einer kleinen Kochstelle und einem Schlafsaal. Dort kochte ich mir Pasta mit Tomatensauce und setzte mich zu zwei Pärchen an den Tisch. Die meinten, dass das gefährlich sei so ganz alleine und wollten, dass ich am nächsten Tag mit ihnen zusammen wanderte. Der Weg am nächsten Tag war zwar lang, aber nicht sehr anstrengend und führte durch eine wunderschöne Landschaft. Ich wanderte mit den beiden Pärchen, wäre aber eigentlich lieber alleine unterwegs gewesen.

IMG_4242_aaIMG_4265_aaMeine letzte Erkenntnis unterwegs: Ich hätte mich an meine vorherige Erkenntnis halten sollen. Hätte ich auch diesmal nicht auf die gutgemeinten Ratschläge der anderen gehört, hätte ich den Weg in meinem eigenen Tempo genießen können. Hätte, hätte Fahrradkette. Zumindest bin ich auf diese Weise wieder zu einer neuen Erkenntnis gekommen.

 

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