Gringas und Latinos (Cusco2)

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Anfangs wollte ich es nicht wirklich glauben, doch ihr Leben war wirklich sehr anders. Dani und Alex sind zusammen im Ghetto in Lima aufgewachsen und mussten seit ihrer frühen Kindheit arbeiten, wie sehr viele Kinder hier in Peru. Auch heute arbeitet Dani noch viel, nicht nur für seinen Lebensunterhalt, sondern auch um die Medikamente für seinen Vater und das Studim seiner Schwester zu finanzieren. Das ist viel Verantwortung, manchmal zu viel für ihn. In Peru gibt es kein kuscheliges Sozialsystem wie in Deutschland. Es gibt kein Arbeitslosengeld, keine Krankenversicherung und kein Bafög. Wer kein Geld hat, muss sehen wo er bleibt. Mir wurde dadurch noch bewusster, wie gut ich es mir eigentlich in Deutschland ging. Doch obwohl die meisten Leute, die ich in Cusco kennengelernt habe, nicht viel Geld hatten, klammerten sie sich nicht daran. Sie teilten gerne. Erwarteten allerdings die gleiche Großzügigkeit auch von anderen. Sie hatten eine andere Philosophie vom Leben, die stark mit der Pachmamakultur verbunden war. Sie glaubten an gute und schlechte Energien der Menschen. Sie glaubten, nur wenn man geben kann, bekommt man auch. Das Leben war für sie ein Kreis mit vielen Symbolen.

IMG_0990_aEs gab aber noch andere kulturelle Unterschiede. Mit Dani habe ich oft über den Machismus diskutiert, der dort noch sehr dominant ist. Frauen, die einen Freund haben, sollen zum Beispiel nicht alleine ausgehen, schon gar nicht tanzen, auch nicht mit anderen Freundinnen. Die Männer dort werden sehr schnell einfersüchtig und haben einen großen Besitzanspruch. Platonische Freunschaften zwischen Männern und Frauen waren für Dani nicht selbstverständlich. Das war sehr befremdlich für mich. Männer können viele Frauen haben ohne einen schlechten Ruf. Frauen können das natürlich nicht. War ja klar.

IMG_0946_aAuf der anderen Seite trugen die Lationos all ihre Gefühle auf der Zunge. Wenn sie erstmal loslegten mit ihren Schmeicheleien, konnten sie gar nicht mehr aufhören die Sterne vom Himmel zu holen. Dabei wurden sie oft von ihren eigenen Gefühlen überwältigt und begannen zu weinen oder zu lachen. So genau wusste man das manchmal nicht.

IMG_0806_aVielleicht war ihre Eifersucht auch nicht völlig unbegründet, denn alle Latinos wollten eine Gringa und viele Gringas wollten einen Latino. Es schien da eine seltsame Anziehung zu geben, die mir vorher nicht bewusst war. Als Gringas wurden dort übrigens alle Mädchen mit heller Haut und blonden Haaren bezeichnet. Wenn sie dann auch noch blaue Augen hatten, war die Kombination perfekt. Ursprünglich galt der Begriff Gringo (maskulin) oder Gringa (feminin) nur für Leute aus Nordamerika, doch für die Latinos machte die Herkunft keinen Unterschied mehr. Hauptsache blod und hellhäutig. Das war exotisch und interessant. Dabei war es für die Latinos natürlich nicht unwichtig, dass die reisenden Gringas oft mehr Geld hatten und im besten Fall die Eintrittskarte ins goldene Europa sein könnten. Sie wussten, dass die Gringas kamen und auch wieder gingen, aber die Latinos wollten sie trotzdem immer und immer wieder aufs Neue. Tillin erzählte mir von seinem früheren Leben vor seiner Ehe. Nach jedem Konzert versammelte sich eine Gringagruppe aus dem Publikum um ihn. Er konnte sich jeden abend eine aussuchen und mit nach Hause nehmen.

IMG_0687_aAuch wenn ich das Leben und die Leute dort interessant fand, waren die Sprachprobleme irgendwann sehr ermüdend und anstrengend für mich. Mein Spanisch reichte noch nicht aus um den Gesprächen folgen zu können und mich daran zu beteiligen. Ich verstand ab und zu das grobe Thema, aber noch längst nicht alles und schon gar keine Witze. Manchmal übersetzte Tillin für mich auf Englisch, aber auch nur manchmal. Ich vermisste Gespräche, ich vermisste es Witze machen zu können. Ich vermisste einen wichtigen Teil meiner Persönlichlkeit und ich vermisste meine Eigenständigkeit. Außerdem wurde mir langweilig, da ich keine wirkliche Arbeit oder Aufgabe in Cusco hatte.

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IMG_0699_aNach 6 Wochen in der WG war es Zeit für mich weiterzureisen. Den genauen Zeitpunkt dafür bestimmte mein Visum, das nach 60 Tagen abgelaufen war. Ich musste zurück über die Grenze nach Bolivien, um ein neues zu bekommen. Dani wollte, dass ich wieder zurückkomme, dass ich blieb. Doch ich wusste, dass meine Reise in Cusco noch lange nicht zu Ende war. Ich musste und ich wollte zurück auf die andere Seite, zurück in das Leben einer Touristin, einer Reisenden, zurück in die weite Welt. Dankbar für die unglaublich interessanten Eindrücke und Einblicke verabschiedete ich mich schweren Herzens von Dani am Busbahnhof und fuhr zurück nach Copacabana in Bolivien auf die andere Seite.

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