Ganz weit oben und unten (Potosi)

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Als ich aufwachte, fühlte ich mich wie verkatert oder als ob ich einen Bleihelm aufhätte, auf den jemand ständig draufhauen würde. Mein Kopf tat weh, ich fühlte mich schlapp und mir war etwas schwindelig. Sebas, Marie und das australische Pärchen waren schon längst aufgestanden. Ich setzte mich im Schlafanzug zu ihnen an den Frühstückstisch. Sie meinten, ich solle mal ein paar Kokablätter kauen und Kokatee trinken, damit das besser würde mit der Höhenkrankheit. Doch auch nach dem Frühstück mit Kokatee und -blättern merkte ich noch immer die ca 4000 Meter hohe Stadt Potosi mit ihrer dünnen Luft in meinem Kopf.

IMG_1223aMit meinem gefühlten Bleihelm sammelte ich meine schmutzige Wäsche zusammen und brachte sie zur Rezeption. Danach setzte ich mich wieder ins Foyé auf die Couch und beobachtete die beiden älteren bolivianischen Herren, die das Hostel leiteten. Das Telefon klingelte. Der eine Herr schrie vom zweiten in den dritten Stock zu dem anderen Herren, dass das Telefon klingelt. Der andere Herr schrie irgendetwas zurück. Irgendwann schlurfte einer der beiden Herren grummelig murmelnd zum Telefon. Kürz darauf tauchte der andere Herr in der zweiten Etage auf, schrie wieder etwas zu dem Herrn im Erdgeschoss und warf Bettwäsche herunter, die der Herr im Erdgeschoss auffing. Dieses Spiel konnte man stundenlang beobachten. Die ganze Zeit brüllte es in einem nuscheligen Spanisch vom Erdgeschoss in die zweite Etage oder von der ersten Etage in die Rezeption oder von der Küche zurück in die zweite Etage. Kommunikation auf ein und der selben Etage oder sogar im selben Raum gab es hier nicht.

IMG_1204aSebas, Marie und das australische Pärchen wollten etwas essen gehen und danach in die Stadt. Ich hatte kaum Hunger, ging aber mit. Nach dem Essen ging ich wieder ins Hostel und legte mich ins Bett. Nach dem Gang zum und vom Restaurant fühlte ich mich wie eine alte Frau mit Atemschwäche. Die  anderen kamen auch bald wieder zurück aus der Stadt und schmiedeten Pläne für den Abend und die Weiterreise. Dabei merkte ich nicht nur den Bleihelm klopfen, sondern auch den Gruppenkoller, der so langsam immer lauter klopfte. Es war anfangs angenehm, dass Sebas und Marie gut Spanisch konnten und mir alles übersetzen konnten. Es war auch angenehm, dass ich kaum noch selber Entscheidungen treffen musste, weil das vier andere Leute übernahmen. Ich musste auch nicht mehr so viel Angst vor Überfällen haben und hatte immer Gesellschaft. Aber ich wollte selber mit den Leuten auf der Straße Spanisch reden, auch wenn ich es nicht konnte und ich wollte selber mit den Leuten auf dem Markt verhandeln und ich wollte selber entscheiden, wann wo und was ich esse und unternehme, auch wenn meine Sicherheit dadurch etwas gefährdet war. Also beschloss ich noch ein paar Tage länger als die anderen in Potosi zu bleiben.

IMG_1197aAls ich am nächsten Tag aufwachte, war der Bleihelm auf meinem Kopf schon fast verschwunden. Am Vormittag besichtigte ich noch eine Kirche mit den anderen und verabschiedete mich dann von ihnen. Ich glaube, sie konnten nicht so richtig verstehen, warum ich freiwillig alleine weiterreisen wollte. Aber das war mir egal. Ich hab mich schon an die erstaunten Blicke gewöhnt, wenn mich Leute fragten, ob ich denn ganz alleine reisen würde und dann auch noch als blonde Frau, die kaum Spanisch sprach. Vielleicht hatten sie recht, aber ich war wieder frei, konnte wieder alles alleine entscheiden ohne Kompromisse, musste aber auch wieder alles alleine regeln. Ich gab den einen der beiden brüllenden Herren zu Verstehen, dass ich meinen Aufenthalt verlängern möchte, ich tauschte chilenische Pesos in Bolivianische Bolivianos. Ich kaufte ein bisschen Verpflegung und einen Groschenroman auf Spanisch, den ich im Hostel gegen einen Südamerika-Reiseführer eintauschte (Mein Lonely Planet wurde auch beim Überfall geklaut). Ich rannte durch die Stadt, verlief mich ein paar Mal, fand dann aber ein nettes Restaurant. Das alles war oft nicht so einfach, da in Bolivien anscheinend noch weniger Leute Englisch sprechen, als in Chile. Aber es klappte irgendwie, auch wenn ich mir wünschte besser Spanisch sprechen zu können.

Die Lösung meines Sprach-Problems zog gleich am nächsten Tag in mein Zimmer ein: Suzanne, Sara und Barbara, jeweils aus den Niederlanden, den USA und Deutschland. Sie nahmen alle Spanischunterricht in Sucre und erzählten mir, dass Sucre eine wirklich schöne Stadt ist, in der man prima Spanisch lernen konnte.

IMG_1242aBarbara begleitete mich spontan auf die geführte Tour in die Silbermine Potosis. Potosi war wegen ihres Silbervorkommens einst eine sehr wohlhabende Stadt. Noch heute arbeitet der Großteil der Einwohner dort unter gefährlichen Arbeits- und Sicherheitsbedingungen. Ich war mir anfangs nicht sicher, ob ich diese Tour machen sollte. Den Bergleuten bei ihrer Arbeit zuzugucken wie Tieren im Zoo, erschien mir etwas befremdlich. Doch dann sagte man mir, dass am Wochenende kaum Arbeiter in der Mine sind und zum Glück entschied ich mich dafür. Es war eine sehr intensive Erfahrung. Wir bekamen spezielle Kleidung und Stiefel. Und nachdem ich meinen gefühlten Bleihelm gerade erst losgeworden bin, bekam ich wieder einen Helm, mit einer Lampe vorne dran. Wir fuhren mit dem Bus zur Mine. Die Tour wurde von Ex-Minenarbeitern geleitet. Sie hatten kleine Plastikbeutel mit Kokablättern dabei, die sie sich pausenlos in den Mund steckten bis sie eine dicke Backe hatten. Der Guide erzählte uns, dass das alle Arbeiter machen, bevor sie in die Mine gehen. Das hält wach und unterdrückt den Hunger. In der Mine, wo sie 8-10 Stunden arbeiten, können sie nichts essen. Manche arbeiten auch ganze zwei Tage durch.

IMG_1253aEs war dunkel, es war feucht, es war eng und die Luft war sehr stickig. Wir mussten oft gebückt die enge Wege entlanggehen und krochen sogar manchmal auf allen Vieren durch schmale Seitengänge. Unterwegs begeneten uns dann doch zwei Arbeiter, die ein etwas gequältes Lächeln aufsetzten, um sich mit ein paar Mädchen aus der Reisegruppe fotografieren zu lassen. Tiefer und tiefer gelangten wir in die Mine, wo die Luft immer staubiger und heißer wurde. Diese heiße, stickige und staubige Luft brachte mich an meine Grenzen. Ich fühlte mich kurzzeitig etwas schwindelig und ich war mir nicht sicher, ob mir nicht doch jeden Moment schwarz vor den Augen wird und ich einfach umkippe.

IMG_1247aAls wir in der sogenannten dritten Ebene, ziemlich weit unter der Erde, angekommen waren, erzählt der Guide von der Minenarbeit und den Arbeitern. Viele Kinder beginnen bereits im Alter von 10 bis 13 Jahren in der Mine zu arbeiten, oft weil der Vater früh verstorben ist und die Familie Geld braucht. Fast alle diese Kinder arbeiten ihr ganzes Leben dort und dieses Leben ist sehr kurz. Die meisten von ihnen werden nicht älter als 30 oder 40 Jahre. Die häufigste Todesursache sind Lungenerkrankungen, da die Arbeiter tagtäglich die staubige Luft und Quecksilberdämpfe einatmen. Doch das ist nicht die einzige Gefahr. Viele Arbeiter sterben auch in der Mine bei Explosionen oder durch andere Arbeitsunfälle. Um das zu verhindern, opfern sie einem selbstgebauten Teufel, den sie Tio (Onkel) nennen, Zigaretten, Kokablätter und hochprozentigen Alkohol. Dabei bitten sie darum, dass er sie in Ruhe lässt und sie nicht in der Mine sterben lässt.

IMG_1257aIhr Leben ist kurz und ohne Perspektive. Das wissen die Arbeiter. Wenn sie nicht arbeiten leben sie für den Moment und versuchen ihn mit vielen Frauen, viel Alkohol und vielen Parties zu genießen. Auf der anderen Seite sind sie trotzdem sehr stolz auf ihre harte Arbeit, für die sie allerdings nur wenig Geld bekommen. Als ich das alles erfahren habe, fühlte ich mich komisch. Vor meiner Reise habe ich mich so oft über meinen alten Job geärgert, der aber überhaupt nicht zu vergleichen ist mit der harten und gefählichen Bergarbeit. Auch die Kinderarbeit erschreckte mich. In Sucre habe  ich später erfahren, dass die Kinder keine Alternative haben und sogar auf die Straße gegangen sind, als der bolivianische Präsident die Kinderarbeit verbieten wollte. In Sucre habe ich auch einen sehr guten Dokumentarfilm über die Minenarbeit in Potosi gesehen. Er heißt „The Devils miner“. Hier der Trailer.

IMG_1262aMit den anderen drei Mädels aus meinem Zimmer bin ich am nächsten Morgen weiter nach Sucre gefahren, um dort mehr Puzzleteile zu sammeln für mein Bild von Bolivien und um Spanisch zu lernen.

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