In einem verrückten Spielzimmer (Cusco1)

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Sie redeten laut, schnell und mit ihrem ganzen Körper. Sehr oft verwendeten sie die immer gleichen Slangausdrücke auf Spanisch, sprangen spontan auf, verstellten ihre Stimme und imitierten jemanden mit hektischen Gesten. Dann lachten alle in der WG …

Nach der mehrtägigen Machu Picchu-Wanderung verlor ich endgültig die Lust auf weitere touristische Unternehmungen in Cusco. Es war ein ähnliches Gefühl wie mit der Torte und dem Obst in Puno. Ich wollte eine zeitlang dort bleiben und mir nichts angucken.

IMG_0494_aIMG_0495_aVon Janina, mit der ich die Wanderung nach Machu Picchu zusammen gemacht hatte, verabschiedete ich mich mit einem Meerschweinchen-Abschiedsessen. Meerschweinchen ist eine Delikatesse in Peru, schmeckte aber gar nicht so außergewöhnlich wie ich gedacht hatte. Janina reiste am selben abend weiter und ich verabredete mich mit Cassandra aus Australien, die ich in Puno getroffen hatte. Wir gingen in eine Bar und sie erzählte mir von ihrer Zeit mit ihrem peruanischen Freund Alex in Cusco. Alex und sein bester Freund Dani kamen später auch dazu. Wir tanzten Salsa bis in den Morgengrauen. Es machte Spaß, denn die Jungs konnten wirklich gut tanzen. Auch am nächsten Tag traf ich mich wieder mit Cassandra und den beiden Peruanern. Wir wanderte abends in alten Inka-Ruinen herum. Das war aufregend und ein bisschen gruselig im Dunkeln. Ich war mir nicht ganz sicher, ob die beiden Jungs uns dort nicht doch vielleicht irgendeinem Inkagott opfern wollten. Doch das machten sie zum Glück nicht und wir trafen uns alle vier wieder am nächsten abend und auch an den folgenden Tagen und Abenden. Wir gingen zusammen Mittag- oder Abendessen, tanzten oder besuchten die Konzerte der lokalen Band  „Amaru Pumac Kuntur“, die fast jeden abend in einem Club in Cusco auftraten. Der Name der Band ist Quechua und bedeutet: „Schlange, Puma, Kondor“, welche die drei Stadien des Inkalebens symbolisieren. Die Band spielte traditionelle Pachamamamusik, wie ich es nennen würde oder eine Art Elektro-Folk-Andien-Musik, wie sie es nennen. Später erfuhr ich, dass sie sogar im Finale der Show „Peru Tiene Talento“ waren, die peruanische Version von „Das Supertalent“. Hier ein kleiner Eindruck von der Band und der Musik.

IMG_0674_aDSCF4109_aIMG_0772_aIMG_0680_aAmaru Pumac Kuntur

IMG_0679_aDani und Alex arbeiteten beide in einem Tatowierladen in einer belebten Straße. Alex Aufgabe war es, vor dem Laden zu stehen und mit seiner großen Klappe Kunden, vorzugsweise zahlungskräftige Touristen, hineinzulocken. Dani arbeitete im Laden als Tätowierer. Er wohnte zusammen mit Tilin und Jessica. Tilin spielte auf einer großen Trommel in der Band „Amaru Pumac Kuntur“ und war verheiratet mit Jessica aus Spanien. Dort in Spanien arbeitete Jessica viele Jahre als Polizistin. Hier in Cusco hatte sie einen kleinen Schmuckdesignarbeitsplatz in der Wohnung, an dem sie täglich Ringe und Ketten zusammenschweißte. Ihren Schmuck verkaufte sie auf Märkten oder auf der Straße. Ich war beeindruckt von ihrem großen Lebenswandel für einen Mann.

IMG_0737_aNach ein paar Tagen bot Dani mir an in die Künstler-WG einzuziehen. Auf einmal wohnte ich also zusammen mit einem Tätowierer, einem Musiker und einer Schmuckdesignerin in Cusco und war keine normale Touristin mehr. Es war sehr interessant dort zu wohnen. In der Wohnung sammelte Tilin alle möglichen Instrumente aus der ganzen Welt. Er baute auch selber Trommeln und Didgeridoos, die er ab und an verkaufte. Jessica schweißte ununterbrochen an ihrem Schmuck herum. Dani tätowierte oft Freunde und Bekannte in der Wohnung und am Nachmittag traf sich dort die Band zum Proben. Wir haben in der Wohnung Danis Geburtstag gefeiert, abwechselnd füreinander gekocht und manchmal spontan zusammen Musik gemacht. Die Wohnung war wie ein verrücktes Spielzimmer.

IMG_0686_aim Spielzimmer

IMG_0734_aIMG_0713_aIMG_0871_aIn Cusco hatte ich sowas wie ein zu Hause und einen Alltag gefunden. Morgens frühstückten Dani und ich auf dem Marktplatz Avokado-Sandwiches und Früchtemilchshakes. Danach ging er in den Tätowierladen und ich zur Sprachschule, wo ich Spanisch lernte. Cassandra war an der selben Schule. Mit ihr traf ich mich oft nach dem Unterricht. Abends holten wir die Jungs im Laden ab, gingen Essen und danach manchmal tanzen oder zum „Amaru Pumac Kuntur“-Konzert.

IMG_0698_aIMG_0505_aCassandra, Alex und Dani wurden meine kleine Cusco-Familie. Wir aßen und tanzten nicht nur gemeinsam, sondern machten auch Wanderungen in die Berge und spannende Ausflüge nach Pisac und Colca im Heiligen Tal. Dani wollte mich tatowieren, aber ich entschied mich erst einmal nur für ein Piercing im Ohr. Wir lachten und weinten miteinander und ich bekam einen Einblick in ihr Leben und in ihre Kultur.

DSCF4159_aChicha-Trinken in Pisac im heiligen Tag

IMG_0841_aAutsch!

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