Alles aus Schilf (Puno2)

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„Wieviel Tage kann ich bekommen?“, fragte ich den Mann hinter der Scheibe auf Spanisch. Er schrieb eine „90“ auf den Stempel in meinen vorläufigen Reisepass. Diesmal bekam ich also ein Visum für drei weitere Monate und nicht nur für zwei, wie bei meiner ersten Grenzüberquerung. Wahrscheinlich werde ich die 90 Tage nicht aufbrauchen. Aber wer weiß, was passiert. Ich weiß nur, dass beim Reisen alles ungewiss ist.

Ich war also wieder zurück in dem Land, in dem ich bereits zwei Monate verbracht und es nicht weiter als bis nach Cusco geschafft hatte. Das war also mein zweiter Anlauf Peru zu erkunden. Ich war wieder eine normale Reisende und ich war auf dem Weg nach Puno am Titicacasee. In Puno war ich bereits bei meinem ersten Perubesuch. Es war die Stadt, in der ich eine Obstpause einlegte und die mir sehr schmutzig und trüb erschien.

Damals war ich satt von den touristischen Tortenstücken und wollte mich einfach vom Obst treiben lassen. Diesmal war ich aber eine hungrige Touristin und hatte Appetit auf die große Torte, die ich beim letzten Mal nicht essen wollte. Ich hatte Appetit auf die Floating Islands (die schwimmenden Inseln) und auf die Insel Taquile.

Im Hostelschlaafsaal hab ich von einer Frau erfahren, dass ich die Tour nicht im Hostel buchen sollte. Sie meinte, es sei viel günstiger, wenn ich morgens zum Hafen gehe und dort ein Ticket kaufe. Das habe ich genauso gemacht und sie hatte recht. Die besten Hinweise bekam ich oft von anderen Reisenden. Ich stellte es mir wie eine Art geheime Verbindung vor, in der die Insidertips von einem zum anderen weitergereicht werden.

IMG_1000_aViele andere Leute und ich saßen in einem Boot und schaukelte gemütlich über den See. Bald hielten wir an einer, der vielen schwimmenden Schilfinseln der Uros. Das Volk der Uros lebte dort bereits seit vielen Jahrhunderten und hatte alles aus Schilf gebastelt: Die Häuser, die Boote und die Inseln selbst. Ursprünglich wollte es sich mit den schwimmenden Inseln vor den kriegerischen Inkas und Kollas schützen. Heute leben die Uros immer noch auf sehr traditionelle Weise vom Fischfang und auf untraditionelle Weise von den Touristen, die hier tagtäglich hingeschaukelt werden. Bei jedem Touristenbesuch wollen sie kleine Schilffiguren und andere Handarbeiten verkaufen.

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IMG_1035_aNach einem viel zu kurzen Besuch auf der Schilfinsel ging es weiter zur Insel Taquile. Diese Insel war nicht aus Schilf, sondern wie die meisten Inseln aus Sand, mit Bäumen und Häusern drauf. Eigentlich war sie vielmehr wie ein schwimmender Berg. Wir wanderten auf ihr herum und konnten uns die schöne Landschaft und auch wieder die vielen Handarbeiten der Einheimischen angucken und im besten Falle auch kaufen, also die Handarbeiten.

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IMG_1160_aAuf der Tour war auch eine etwas ältere Frau dabei, die eine sehr geometrisch korrekt geschnittene Kurzhaarfrisur trug. Obwohl es nicht die gleiche Frisur war, die auch meine Grundschullehrerin damals hatte, erinnerte sie mich sehr an sie. Ich musste ständig diese silbergraue Kurzhaarfrisur angucken und hatte sofort die Assoziation ‚Lehrerin‘ im Kopf. Als wir die Insel Taquile erreichten, versuchte ich sie unverfänglich in ein Gespräch zu verwickeln. Das klappte sehr gut. Es stellte sich heraus, dass sie auch aus Deutschland kam. Irgendwann erzählte sie mir, dass sie Waldorfschullehrerin sei. „Bingo!“, dachte ich. Das mit der Waldorfschule hätte ich zwar nicht gedacht, fand es aber interessant. Sie erzählte mir, dass die Philosophie der Waldorfschule auf dem christlichen Glauben aufbaute, dass Engel, Wiedergeburt und der Glaube an die Kraft der Gedanken eine Rolle spielten. Natürlich ist die Philosophie viel komplexer, als ich es hier mit meinem Halbwissen wiedergeben kann. Ich war überrascht, dass mir ein kleines Stückchen Zauberwelt diesmal auf ganz sachlicher Ebene begegnete.

Auf dem Rückweg mit dem Boot zum Festland gerieten wir in ein heftiges Gewitter, dass sehr dramatische Szenen bot . Dunkle Wolken entluden sich über dem tobenden See. Nach der Tour bin ich mit der Lehrerin in Puno essen gegangen. Dabei erzählte sie mir, dass es als alleinreisende Frau in ihrem Alter auch manchmal etwas einsam sein kann. Ich war so froh, dass ich diese Reise jetzt machte.

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IMG_1173_aNach dem schwimmenden Tortenstück war mein Appetit erstmal gestillt und ich legte noch einen Obsttag in Puno ein. An diesem Tag lernte ich Krista aus Australien im Hostel kennen. Sie erzählte mir von ihrem Freund in den Niederlanden und dass eine Fernbeziehung ganz schön anstrengend sein kann. Mit ihr und eine paar weiteren Leuten ging ich abends zwar kein Obst, sondern Pizza essen. Nach den ganzen günstigen, peruanischen Mengerichten, die fast alle mit Reis serviert wurden, dachte ich nur: „Oh man, wie sehr habe ich eine richtig gute Pizza vermisst.“

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