Drachen und Meerjungfrauen (Copacabana2)

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„Todo es possible, nada es seguro.“ („Alles ist möglich, nichts ist sicher.“) Das haben die Jungs in Cusco oft zu mir gesagt. Es schien auch das inoffizielle Motto von Peru und Bolivien zu sein.

Als ich den Bus von Cusco nach Copacabana buchte, habe ich extra dreimal nachgefragt, ob ich umsteigen muss. Die Leute am Schalter haben mir versichert, dass ich mit dem Bus, ohne Umsteigen, über die Grenze, direkt nach Copacabana komme. Die Fahrt sollte ungefähr 12 Stunden dauern. Zwölf-stündige oder längere Busfahrten sind in Südamerika an der Tagesordnung. Schienenverkehr gibt es hier kaum.

Eine halbe Stunde vor dem Grenzübergang nach Bolivien wurde ich plötzlich aus dem Schlaf gerissen. Alle, die nach Copacabana wollten, sollten hier aussteigen. Also musste ich raus und sah dem Bus hinterher, der ohne mich weiterfuhr. Ich war verwirrt, denn ich war noch nicht in Copacabana und musste trotzdem aussteigen. Die anderen Verwirrten und ich standen am Straßenrand und wurden von einem Kleinbus eingesammelt. Im Bus wollte eine Frau von jedem das Busticket haben. Das Busticket? Warum sollte ich ein Ticket aufheben, wenn der Bus mich, ohne Umsteigen, direkt an mein Ziel bringt. Doch die Frau bestand energisch darauf. Ich kramte in den Untiefen meiner Tasche. Irgendwann fand ich das Ticket zusammen mit einer Bananenschale und einem Apfelgriebsch (für alle, denen ein regional bedingter, anderer Ausdruck geläufiger ist: Damit ist das Kerngehäuse des Apfels gemeint) in einer Plastiktüte. Ich reichte ihr mit etwas Schadenfreude, das völlig mit Obstresten beschmierte und durchtränkte Ticket.

Der Kleinbus brachte uns bis vor die Grenze nach Bolivien. Hier stiegen alle aus und hier sagte uns die Frau, dass die Fahrt mit der Busgesellschaft beendet sei. Hinter der Grenze sollen wir uns einen anderen Kleinbus oder ein Taxi nehmen. Das ärgerte mich kurzzeitig, andererseits überraschte es mich kaum. Mittlerweile wusste ich ja, dass in Peru alles möglich war. Nach den Formalitäten an der Grenze, teilte ich mir dann mit den anderen Reisenden aus dem Bus einen weiteren Kleinbus, der uns OHNE Umsteigen ans Ziel brachte. Dort haben wir gemeinsam gefrühstückt und unsere Reiseerlebnisse ausgetauscht. Danach ging jeder seiner Wege. Die meisten wollten weiter auf die Sonneninsel, ich wollte ein Hostel finden. Da ich bereits das zweite Mal in Copacabana war, ließ ich das Touristenprogramm diesmal aus.

IMG_2865_aIch fand einen Schlafplatz, aß Titicacaforelle an den kleinen Ständen am See und hing auf einer Dachtrasse herum um ein paar Boote in mein Skizzenbuch zu kritzeln. Später traf ich Karen aus dem Bus in einem Restaurant wieder. Karen aus Philadelphia erzählte mir von ihrer wilden Hippie-Jugend, in der sie von einem Festival zum nächsten reiste und die in einem langjährigen Bürojob endete. Doch jetzt reiste Karen wieder. Ihre Reiselektüre lag neben ihr auf dem Tisch, ein dickes Buch. Ich las mir den Klappentext durch. Es ging um eine Phantasiegeschichte mit Drachen. Sie erzählte mir mehr über den Inhalt, als sich auf einmal der Mann am Eingang des Restaurants zu Wort meldete. Er fragte uns, ob wir glaubten, dass es Drachen wirklich gibt. Ich war etwas erstaunt über diese Frage.

IMG_2846_aDer Mann kam zu uns herüber. Es war ein älterer Herr, dem schon ein paar Zähne fehlten. Er arbeitete in dem Restaurant, erzählte uns aber in gutem Englisch, dass er früher lange Zeit als Geschichtsprofessor in New York tätig war.

Er berichtete von der Exitenz der Drachen, von der er felsenfest überzeugt zu sein schien. Aber nicht nur davon. Mit einem unglaublich komplexen Wissen redete er von vielen mysthischen Dingen. Er meinte, dass wir längst nicht alles über die Geschichte der Menschheit und der Erde wissen. Er erzählte von Atlantis, von den Pyramiden, von den Zusammenhängen der alten Kulturen und dass es nicht nur Drachen, sondern auch Meerjungfrauen im Titicacasee gebe. Er sagte, er hätte zwei geheimnisvolle Bücher, in denen alles drinstehe. Die wollte er uns beim nächsten Mal zeigen.

IMG_2838_aKaren fuhr am nächsten Tag auf die Sonneninsel. Also verabredeten wir uns für den übernächsten abend mit dem alten Mann im Restaurant. Er wollte dann seine Bücher mitbringen und uns noch mehr erzählen. Doch an dem verabredeten abend war Hochbetrieb im Restaurant. Der Mann hatte viel zu tun und die Bücher nicht dabei. Er hatte sie am abend vorher mitgebracht, an dem abend, an dem ich nicht im Restaurant und Karen auf der Insel war.

IMG_3148_aIch habe die Bücher letztendlich nie gesehen und ein weiteres Treffen mit dem alten Mann kam nicht zustande. Wer weiß, vielleicht gab es Drachen und Meerjungfrauen auf der Sonneninsel im Titicacasee, vielleicht auch nicht. Ich wusste nur, dass der Mann mir mit seinen Geschichten für kurze Zeit das Gefühl gab in einer zauberhaften Märchenwelt zu leben, fernab vom rationalen Deutschland. Mit diesem zauberhaften Gefühl fuhr ich weiter nach Puno, zurück über die Grenze nach Peru. „Todo es possible, nada es seguro.“

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