Die perfekte Welle (Huanchaco)

IMG_3309_aSteiniger Meeresrand, halbmondförmige Fischerboote aus Schilf, große Wellen, kleine Wellen, hupendes und rufendes Gewimmel auf den Straßen, die nette Süßigkeitenfrau an der Straßenecke und Kind mit Großfamilienkegel am Strand. Dazwischen sind die muskulösen Oberkörper mit Sonnencremestreifen unter den Augen, den Ölanzügen halb geöffnet und dem Brett unterm Arm. Est beobachten sie geduldig, dann paddeln sie schnell und dann tanzen sie ganz lässig mit den Wellen, so als wäre es kinderleicht, als wäre es nur ein Spiel.

IMG_3523_aIMG_3519_aIMG_3528_aIMG_3314aIMG_3310_aDas sind kurze Eindrücke aus Huanchaco, ein kleiner Fischer-und Surferort in der Nähe der Stadt Trujillo an der Westküste Perus. Nach Huaraz in den Anden war Huanchaco am Meer kurz vor Weihnachten mein nächstes Ziel. Dort habe ich nicht nur Weihnachten und Silvester verbracht, sondern auch Surfen gelernt und bin vielen interessanten Menschen in „La Gringa“ begegnet, einem der verrücktesten und schönsten Hostels auf meiner Reise.

IMG_3414_a„La Gringa“ bedeutet „Die Gringa“, also die blonde, im besten Falle nordamerikanische Frau. `Was für ein einfallsloser Name für ein Hostel`, dachte ich, als ich mitten in der Nacht dort an die Tür klopfte. Das Wort „Gringa“ hörte man in Südamerika an jeder Straßenecke. Doch am nächsten Morgen merkte ich, warum der Name „La Gringa“ alles andere als gewöhnlich war. Ich lernte die Besitzerin Julie kennen, die hinter der bunten Hostelbar stand, auf ein kleines quitschendes Gummischweinchen drückte und ihre Gäste mit einem fröhlichen, leicht derben „Get in here!“ (=“Komm rein“) begrüßte. Julie war eine blonde, adrette Frau um die 50, sehr quirlig und etwas verrückt. Sie besaß die besondere Gabe mit ihrem Übermaß an Energie das ganze Hostel zu füllen. Julie war „La Gringa“. Sie war sogar ganz klischeehaft aus den USA, lebte aber lange Zeit in Buenos Aires mit ihrem argentinischen Mann und ihren Kindern und sprach fließend Spanisch. Doch die Ehe funktionierte irgendwann nicht mehr, also ging sie nach Peru und eröffnete hier ihr „La Ginga“ Hostel. Hier war sie eine liebevolle Hippie-Mutter und die Hostelgäste waren ihre Kinder.

IMG_3423_aJulies bunte Quirligkeit zeigte sich in jeder Ecke des Hostels, das wie eine surreale Oase im hupendem und rufendem Gewimmel war. Überall gab es bemalte Wände, Bilder, Muschelketten, Kakteen und Palmenpflanzen, quietschende Gummischeine, kleine Maria- und Jesusfiguren und ganz viel anderen Klim-Bim. An den wenigen noch unbemalten Wänden konnte sich jeder der, wollte, künstlerisch ans Werk machen. Es war ein sehr kleines Hostel, in dem 20-25 Gäste Platz hatten. Dort weckte uns Martin aus rgentinien jeden Morgen mit einem Lied auf seiner Gitarre. Es war sehr schön, auch wenn es immer das gleiche Lied war.

IMG_3412_a11855861_n_aAm Eingang traf man meistens auf den lockigen Joel. Er war der Surflehrer der kleinen Surfschule des Hostels, außerdem Sohn des örtlichen Polizeichefs und der „Prinz von Huanchaco“, wie wir Hostelkinder ihn gerne nannten. Auch mich hat er in den Surf-Wahn getrieben. In meiner ersten Surfstunde bei ihm konnte ich bereits einige Sekunden auf dem Brett stehen. Dieser kurze Moment hat mich so sehr begeistert, dass ich es immer und immer wieder probieren wollte. Ich war wie besessen davon irgendwie auf das Brett zu steigen um kurz danach wieder ins Wasser zu plumpsen. Joel erzählte mir auch viel über die Philosophie des Surfens: Das Beobachten des wechselhaften Meeres, der Wellen, von Ebbe und Flut. Das Anfreunden mit dem unberechenbaren Wasser. Das Überwinden aller Zweifel, das Vertrauen in die eigene Intuition und in die eigenen Kräfte, um zum richtigen Zeitpunkt die richtige Welle zu reiten. Das Kämpfen mit den Wellen beim Zurückpaddeln und vor allem das geduldige Warten auf die perfekte Welle. Letzteres fiel mir wirklich nicht leicht, da Geduld nicht so mein Ding ist. Mein Ziel war es aber, Huanchaco nicht eher zu verlassen, bis ich alleine, ohne Unterstützung von Joel, auf dem Brett stehen und eine Weile lang eine Welle reiten kann. Nach einem Monat in Huanchaco habe ich es tatsächlich geschafft. In dieser Zeit hat sich zwischen Joel und mir nicht nur eine Freundschaft, sondern auch ein kleiner Flirt entwickelt.

IMG_3373_a_kleinIMG_3516_aIMG_3371aIMG_3517_aIn „La Gringa“ habe ich aber noch viele andere interessante Leute kennengelernt. Da gab es zum Beispiel Katha aus Island, die schon an vielen Orten auf der Welt gewohnt hat, viele Sprachen sprechen konnte und zum Frühstück am liebsten ein bis zwei Bier trank.

IMG_3391_aDann gab es dort Anni aus Finnland, die den lieben langen Tag mit einem freundlichen, aber abwesenden Lächeln am Strand oder vor dem Hostel saß, viel rauchte, aber wenig redete. Sie hatte viele Tatoos und Pircings, wirkte interessant, aber distanziert. Sie war in ihren Gedanken oft woanders, aber trotzdem immer mit dabei.

IMG_3548_aAlice aus Frankreich war eine sehr liebevolle Person, die mit ihrer unschudligen Natürlichkeit alle zum Lachen brachte, manchmal auch etwas ungewollt. Mit ihrer speziellen Art und ihrer Organisationsfreude war sie mehr „typisch deutsch“, als ich es jemals sein werde.

IMG_3410_aMit dem englischen Pärchen Flick und Alex habe ich mich immer köstlich amüsiert oder sie sich eher über mich. Ich zog sie besonders gerne mit ihrem sehr vornehmen Englisch auf, das so klang als ob man sich mit der Queen persönlich unterhalten würde (als ob ich das jemals getan hätte!)

10884732_1015501aDie intensivste Begegnung hatte ich allerdings mit Carla, ebenfalls aus England. Sie war bereits 42, 2 Mal verheiratet und wieder geschieden, organisierte Theaterstücke, erzählte sehr interessante Geschichten aus ihrem unkonventionellem Leben, hatte ein sehr ansteckendes Lachen und eine lebhafte, faszinierende und (er)leuchtende Persönlichkeit.

IMG_3411_aIMG_3535_aMit Carla hatte ich auf den Dachern über Huanchaco tiefe Gespräche über Gott und das Leben bis in den Morgengrauen, mit ihr tanzte ich nachts mit Kopfhörern im Ohr am Strand, saß mit ihr mit Sachen im Wasser und lachte und trank mit ihr ihren ersten Rum nach drei Jahren ohne Alkohol.

11781594_n_aMit den Leuten aß ich, trank ich, lachte ich, surfte und tanzte ich. Wir waren wie eine kleine verrückte Familie, die wusste, das uns am nächsten Morgen unsere Hostelmama mit offenen liebevollen Armen empfing oder einfach nur rief „Get in here!“ („Komm rein!“).

11822303_n_aDieses Weihnachten war das erste, das ich nicht in Jatznick mit meiner Familie und der Verwandtschaft verbrachte. Stattdessen, war ich in Peru am Strand, mit hitzigen Temperaturen, in einem verrückten Hostel und saß mit den anderen Hostelkindern an einem festlich gedeckten Tisch. Das Weihnachtsfest in „La Gringa“ war ein Ereignis der besonderen Art. Alle Kinder bereiteten Gerichte aus ihren jeweiligen Ländern zu, die wir zu einem bunten, multikulturellen Weihnachtsfestmal zusammenstellten. Gekrönt wurde es von einem riesigen Truthahn, denn Julie zubereitete. Für Julie war Weihnachten das Geburtstagsfest von Baby Jesus, von dem sie ein großer Fan war. Sie backte sogar eine große Geburtstagstorte für das Baby. Die gab es dann für die Hostelkinder als Nachtisch. Vor dem Weihnachtsessen ging ich mit Carla, Julie und ein paar anderem aus dem Hostel in die Kirche und nach dem Essen gab es kleine Geschenke, die jeder vorher besorgt hat und die wir per Losverfahren verteilten. Kirche, Essen und Geschenke, fast wien zu Hause und doch ganz anders.

10888241aHuanchaco war nicht einfach nur ein gewöhnlicher Surf-und Fischerort, für mich war er mit „La Gringa“, der verrückten Julie und den spannenden Hostelkindern ein bisschen magisch. Doch das erkannte ich erst später so richtig. Ganz in der Nähe gab es uralte Pyramiden, zu denen wir einen Ausflug machten. Die Geschichte dazu war interessant. Dort gab es vor langer Zeit eine mächtige Herrscherin, die in einer abgefahrenen Zeremonie geopfert wurde. Dieses Ereignis war ein großes Fest mit vielen Tänzen und Ritualen. Bei einem dieser Tänze tranken Männer eine aphrodisierende Flüssigkeit und machten tänzerische Bewegungen in einer bestimmten Abfolge wobei sie versuchten sich gegenseitig die Kopfbedeckung vom Kopf zu hauen. So ganz genau kann ich mich nicht mehr erinnern. Jedenfalls wurde dem Verlierer dann der erigierte Penis abgeschnitten. Verrückt! Verrückt, aber faszinierend war für mich auch, dass die alten Kulturen Perus den Tod zelebrierten. Während das Thema „Tod“ in unserer westlichen Zivilisation ein Tabuthema ist, war die Opferung, also der Tod, der Herrscherin der absolute Höhepunkt ihres Lebens.

IMG_3550_aIMG_3460_aKurz vor Silvester nahmen die schweigsame Anni aus Finnland und ich an diesem besonderen Ort mit den Pyramiden an einer speziellen Zeremonie teil. Dazu hatten sich viele einheimische, insbesondere Frauen, und zwei Schamanen versammelt. Die Zeremonie diente der Reinigung und der Ehrung der kulturellen Ahnen. Wir verbrachten eine ganze Nacht lang unterm Sternenhimmel am Lagerfeuer und sangen Lieder. Am nächsten Morgen gingen wir zu einer unterirdischen Quelle und ließen uns dort von den Schamanen taufen. Anni war danach wie ausgewechselt. Auf einmal wollte sie mit jedem reden und jeden umarmen. Anscheinend hatte dieses Ereignis eine große Veränderung in ihr bewirkt. Ich fand das alles auch sehr spannend, aber ich war danach etwas enttäuscht, weil mir in der Nacht nicht ein einziger Urahne aus dem Volk der Inkas, ein Einhorn und noch nicht mal ein winziger Zwerg begegnet ist.

IMG_3538_aIMG_3554_aIMG_3556_aAm Tag danach war der Silvesterabend, an dem wir eine Kostümparty im Hostel veranstalteten. Die Kostüme bastelten wir selber. Auf einmal konnte ich alle Phantasiewesen sehen, die ich in der Zeremonie vermisst habe. Carla war ein Paradiesvogel, Anni eine Katze, Flick, Alex und Simon Superhelden und ich verkleidete mich als Hexe. Am abend tanzten wir am Strand mit den anderen Einheimischen und guckten uns das Feuerwerk an, das pompös ins Wasser rieselte. Nach dem etwas flauen Gefühl meiner zu hohen Erwartungen von der Zeremonie, stellte ich für mich fest, dass ich meine Zauberwelt überall finden kann, in den kleinsten Dingen. In den verkleideten Menschen um mich herum, in den platzenden Lichtern am Himmel und in dem tosenden Meer, zu dem ich ein sehr zwiespältiges Verhältnis hatte.

10913643_101550_a10881386_101550aKurz vor meiner Abreise aus Huanchaco hatte ich noch eine interessante Begegnung mit einer Frau, die ich auf der Zeremonie kennengelernt hatte. Die traf ich zufällig am Strand wieder, an einem Platz, an dem jemand mit kleinen Steinen eine Art Kreis in Form des Chakana, des Kreuzes der Inkas, gebaut hat. Ich ging öfter dort hin, wenn ich mal meine Ruhe haben wollte. Die Frau kam eigentlich aus Australien und lebte schon eine Weile in Huanchaco. Sie war Yogalehrerin und sagte, dass sie den Kreis gemacht habe. Wir kamen ins Gespräch und ließen das vergangene Jahr Revue passieren. Außerdem erzählte sie mir, dass es speziell in Peru Menschen oder Kreaturen gibt, die unter der Erde leben. Manchmal kommen sie auch an die Oberfläche, aber sie sehen aus wie ganz normale Menschen…Oh, vielleicht kam sie ja auch von unter der Erde auf die Erde, auf jeden Fall war sie vom anderen Ende der Erde. Am Ende hat sie mir ein Paar alte Flip Flops geschenkt, weil ich meine im Meer verloren habe. Danke liebe Zauerwelt, Danke Meer und Danke Huanchaco.

IMG_3502_aIMG_3498_a

Share

Warning: count(): Parameter must be an array or an object that implements Countable in /homepages/4/d523884047/htdocs/wp-includes/class-wp-comment-query.php on line 405

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *