Die perfekte Welle (Huanchaco)

IMG_3309_aSteiniger Meeresrand, halbmondförmige Fischerboote aus Schilf, große Wellen, kleine Wellen, hupendes und rufendes Gewimmel auf den Straßen, die nette Süßigkeitenfrau an der Straßenecke und Kind mit Großfamilienkegel am Strand. Dazwischen sind die muskulösen Oberkörper mit Sonnencremestreifen unter den Augen, den Ölanzügen halb geöffnet und dem Brett unterm Arm. Est beobachten sie geduldig, dann paddeln sie schnell und dann tanzen sie ganz lässig mit den Wellen, so als wäre es kinderleicht, als wäre es nur ein Spiel.

IMG_3523_aIMG_3519_aIMG_3528_aIMG_3314aIMG_3310_aDas sind kurze Eindrücke aus Huanchaco, ein kleiner Fischer-und Surferort in der Nähe der Stadt Trujillo an der Westküste Perus. Nach Huaraz in den Anden war Huanchaco am Meer kurz vor Weihnachten mein nächstes Ziel. Dort habe ich nicht nur Weihnachten und Silvester verbracht, sondern auch Surfen gelernt und bin vielen interessanten Menschen in „La Gringa“ begegnet, einem der verrücktesten und schönsten Hostels auf meiner Reise.

IMG_3414_a„La Gringa“ bedeutet „Die Gringa“, also die blonde, im besten Falle nordamerikanische Frau. `Was für ein einfallsloser Name für ein Hostel`, dachte ich, als ich mitten in der Nacht dort an die Tür klopfte. Das Wort „Gringa“ hörte man in Südamerika an jeder Straßenecke. Doch am nächsten Morgen merkte ich, warum der Name „La Gringa“ alles andere als gewöhnlich war. Ich lernte die Besitzerin Julie kennen, die hinter der bunten Hostelbar stand, auf ein kleines quitschendes Gummischweinchen drückte und ihre Gäste mit einem fröhlichen, leicht derben „Get in here!“ (=“Komm rein“) begrüßte. Julie war eine blonde, adrette Frau um die 50, sehr quirlig und etwas verrückt. Sie besaß die besondere Gabe mit ihrem Übermaß an Energie das ganze Hostel zu füllen. Julie war „La Gringa“. Sie war sogar ganz klischeehaft aus den USA, lebte aber lange Zeit in Buenos Aires mit ihrem argentinischen Mann und ihren Kindern und sprach fließend Spanisch. Doch die Ehe funktionierte irgendwann nicht mehr, also ging sie nach Peru und eröffnete hier ihr „La Ginga“ Hostel. Hier war sie eine liebevolle Hippie-Mutter und die Hostelgäste waren ihre Kinder.

IMG_3423_aJulies bunte Quirligkeit zeigte sich in jeder Ecke des Hostels, das wie eine surreale Oase im hupendem und rufendem Gewimmel war. Überall gab es bemalte Wände, Bilder, Muschelketten, Kakteen und Palmenpflanzen, quietschende Gummischeine, kleine Maria- und Jesusfiguren und ganz viel anderen Klim-Bim. An den wenigen noch unbemalten Wänden konnte sich jeder der, wollte, künstlerisch ans Werk machen. Es war ein sehr kleines Hostel, in dem 20-25 Gäste Platz hatten. Dort weckte uns Martin aus rgentinien jeden Morgen mit einem Lied auf seiner Gitarre. Es war sehr schön, auch wenn es immer das gleiche Lied war.

IMG_3412_a11855861_n_aAm Eingang traf man meistens auf den lockigen Joel. Er war der Surflehrer der kleinen Surfschule des Hostels, außerdem Sohn des örtlichen Polizeichefs und der „Prinz von Huanchaco“, wie wir Hostelkinder ihn gerne nannten. Auch mich hat er in den Surf-Wahn getrieben. In meiner ersten Surfstunde bei ihm konnte ich bereits einige Sekunden auf dem Brett stehen. Dieser kurze Moment hat mich so sehr begeistert, dass ich es immer und immer wieder probieren wollte. Ich war wie besessen davon irgendwie auf das Brett zu steigen um kurz danach wieder ins Wasser zu plumpsen. Joel erzählte mir auch viel über die Philosophie des Surfens: Das Beobachten des wechselhaften Meeres, der Wellen, von Ebbe und Flut. Das Anfreunden mit dem unberechenbaren Wasser. Das Überwinden aller Zweifel, das Vertrauen in die eigene Intuition und in die eigenen Kräfte, um zum richtigen Zeitpunkt die richtige Welle zu reiten. Das Kämpfen mit den Wellen beim Zurückpaddeln und vor allem das geduldige Warten auf die perfekte Welle. Letzteres fiel mir wirklich nicht leicht, da Geduld nicht so mein Ding ist. Mein Ziel war es aber, Huanchaco nicht eher zu verlassen, bis ich alleine, ohne Unterstützung von Joel, auf dem Brett stehen und eine Weile lang eine Welle reiten kann. Nach einem Monat in Huanchaco habe ich es tatsächlich geschafft. In dieser Zeit hat sich zwischen Joel und mir nicht nur eine Freundschaft, sondern auch ein kleiner Flirt entwickelt.

IMG_3373_a_kleinIMG_3516_aIMG_3371aIMG_3517_aIn „La Gringa“ habe ich aber noch viele andere interessante Leute kennengelernt. Da gab es zum Beispiel Katha aus Island, die schon an vielen Orten auf der Welt gewohnt hat, viele Sprachen sprechen konnte und zum Frühstück am liebsten ein bis zwei Bier trank.

IMG_3391_aDann gab es dort Anni aus Finnland, die den lieben langen Tag mit einem freundlichen, aber abwesenden Lächeln am Strand oder vor dem Hostel saß, viel rauchte, aber wenig redete. Sie hatte viele Tatoos und Pircings, wirkte interessant, aber distanziert. Sie war in ihren Gedanken oft woanders, aber trotzdem immer mit dabei.

IMG_3548_aAlice aus Frankreich war eine sehr liebevolle Person, die mit ihrer unschudligen Natürlichkeit alle zum Lachen brachte, manchmal auch etwas ungewollt. Mit ihrer speziellen Art und ihrer Organisationsfreude war sie mehr „typisch deutsch“, als ich es jemals sein werde.

IMG_3410_aMit dem englischen Pärchen Flick und Alex habe ich mich immer köstlich amüsiert oder sie sich eher über mich. Ich zog sie besonders gerne mit ihrem sehr vornehmen Englisch auf, das so klang als ob man sich mit der Queen persönlich unterhalten würde (als ob ich das jemals getan hätte!)

10884732_1015501aDie intensivste Begegnung hatte ich allerdings mit Carla, ebenfalls aus England. Sie war bereits 42, 2 Mal verheiratet und wieder geschieden, organisierte Theaterstücke, erzählte sehr interessante Geschichten aus ihrem unkonventionellem Leben, hatte ein sehr ansteckendes Lachen und eine lebhafte, faszinierende und (er)leuchtende Persönlichkeit.

IMG_3411_aIMG_3535_aMit Carla hatte ich auf den Dachern über Huanchaco tiefe Gespräche über Gott und das Leben bis in den Morgengrauen, mit ihr tanzte ich nachts mit Kopfhörern im Ohr am Strand, saß mit ihr mit Sachen im Wasser und lachte und trank mit ihr ihren ersten Rum nach drei Jahren ohne Alkohol.

11781594_n_aMit den Leuten aß ich, trank ich, lachte ich, surfte und tanzte ich. Wir waren wie eine kleine verrückte Familie, die wusste, das uns am nächsten Morgen unsere Hostelmama mit offenen liebevollen Armen empfing oder einfach nur rief „Get in here!“ („Komm rein!“).

11822303_n_aDieses Weihnachten war das erste, das ich nicht in Jatznick mit meiner Familie und der Verwandtschaft verbrachte. Stattdessen, war ich in Peru am Strand, mit hitzigen Temperaturen, in einem verrückten Hostel und saß mit den anderen Hostelkindern an einem festlich gedeckten Tisch. Das Weihnachtsfest in „La Gringa“ war ein Ereignis der besonderen Art. Alle Kinder bereiteten Gerichte aus ihren jeweiligen Ländern zu, die wir zu einem bunten, multikulturellen Weihnachtsfestmal zusammenstellten. Gekrönt wurde es von einem riesigen Truthahn, denn Julie zubereitete. Für Julie war Weihnachten das Geburtstagsfest von Baby Jesus, von dem sie ein großer Fan war. Sie backte sogar eine große Geburtstagstorte für das Baby. Die gab es dann für die Hostelkinder als Nachtisch. Vor dem Weihnachtsessen ging ich mit Carla, Julie und ein paar anderem aus dem Hostel in die Kirche und nach dem Essen gab es kleine Geschenke, die jeder vorher besorgt hat und die wir per Losverfahren verteilten. Kirche, Essen und Geschenke, fast wien zu Hause und doch ganz anders.

10888241aHuanchaco war nicht einfach nur ein gewöhnlicher Surf-und Fischerort, für mich war er mit „La Gringa“, der verrückten Julie und den spannenden Hostelkindern ein bisschen magisch. Doch das erkannte ich erst später so richtig. Ganz in der Nähe gab es uralte Pyramiden, zu denen wir einen Ausflug machten. Die Geschichte dazu war interessant. Dort gab es vor langer Zeit eine mächtige Herrscherin, die in einer abgefahrenen Zeremonie geopfert wurde. Dieses Ereignis war ein großes Fest mit vielen Tänzen und Ritualen. Bei einem dieser Tänze tranken Männer eine aphrodisierende Flüssigkeit und machten tänzerische Bewegungen in einer bestimmten Abfolge wobei sie versuchten sich gegenseitig die Kopfbedeckung vom Kopf zu hauen. So ganz genau kann ich mich nicht mehr erinnern. Jedenfalls wurde dem Verlierer dann der erigierte Penis abgeschnitten. Verrückt! Verrückt, aber faszinierend war für mich auch, dass die alten Kulturen Perus den Tod zelebrierten. Während das Thema „Tod“ in unserer westlichen Zivilisation ein Tabuthema ist, war die Opferung, also der Tod, der Herrscherin der absolute Höhepunkt ihres Lebens.

IMG_3550_aIMG_3460_aKurz vor Silvester nahmen die schweigsame Anni aus Finnland und ich an diesem besonderen Ort mit den Pyramiden an einer speziellen Zeremonie teil. Dazu hatten sich viele einheimische, insbesondere Frauen, und zwei Schamanen versammelt. Die Zeremonie diente der Reinigung und der Ehrung der kulturellen Ahnen. Wir verbrachten eine ganze Nacht lang unterm Sternenhimmel am Lagerfeuer und sangen Lieder. Am nächsten Morgen gingen wir zu einer unterirdischen Quelle und ließen uns dort von den Schamanen taufen. Anni war danach wie ausgewechselt. Auf einmal wollte sie mit jedem reden und jeden umarmen. Anscheinend hatte dieses Ereignis eine große Veränderung in ihr bewirkt. Ich fand das alles auch sehr spannend, aber ich war danach etwas enttäuscht, weil mir in der Nacht nicht ein einziger Urahne aus dem Volk der Inkas, ein Einhorn und noch nicht mal ein winziger Zwerg begegnet ist.

IMG_3538_aIMG_3554_aIMG_3556_aAm Tag danach war der Silvesterabend, an dem wir eine Kostümparty im Hostel veranstalteten. Die Kostüme bastelten wir selber. Auf einmal konnte ich alle Phantasiewesen sehen, die ich in der Zeremonie vermisst habe. Carla war ein Paradiesvogel, Anni eine Katze, Flick, Alex und Simon Superhelden und ich verkleidete mich als Hexe. Am abend tanzten wir am Strand mit den anderen Einheimischen und guckten uns das Feuerwerk an, das pompös ins Wasser rieselte. Nach dem etwas flauen Gefühl meiner zu hohen Erwartungen von der Zeremonie, stellte ich für mich fest, dass ich meine Zauberwelt überall finden kann, in den kleinsten Dingen. In den verkleideten Menschen um mich herum, in den platzenden Lichtern am Himmel und in dem tosenden Meer, zu dem ich ein sehr zwiespältiges Verhältnis hatte.

10913643_101550_a10881386_101550aKurz vor meiner Abreise aus Huanchaco hatte ich noch eine interessante Begegnung mit einer Frau, die ich auf der Zeremonie kennengelernt hatte. Die traf ich zufällig am Strand wieder, an einem Platz, an dem jemand mit kleinen Steinen eine Art Kreis in Form des Chakana, des Kreuzes der Inkas, gebaut hat. Ich ging öfter dort hin, wenn ich mal meine Ruhe haben wollte. Die Frau kam eigentlich aus Australien und lebte schon eine Weile in Huanchaco. Sie war Yogalehrerin und sagte, dass sie den Kreis gemacht habe. Wir kamen ins Gespräch und ließen das vergangene Jahr Revue passieren. Außerdem erzählte sie mir, dass es speziell in Peru Menschen oder Kreaturen gibt, die unter der Erde leben. Manchmal kommen sie auch an die Oberfläche, aber sie sehen aus wie ganz normale Menschen…Oh, vielleicht kam sie ja auch von unter der Erde auf die Erde, auf jeden Fall war sie vom anderen Ende der Erde. Am Ende hat sie mir ein Paar alte Flip Flops geschenkt, weil ich meine im Meer verloren habe. Danke liebe Zauerwelt, Danke Meer und Danke Huanchaco.

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Weihnachtsregen (Huaraz/ Cordillera Blanca)

IMG_3270_aBurritos, Bewerbungen und Bauarbeiten bestimmen momentan meinen Alltag im kalten Auckland. Nach acht Monaten in Südamerika habe ich den Kontinent gewechselt und bin mit meinem neuen Reisepass und einem Working Holiday Visum für ein Jahr nach Neuseeland geflogen. In Auckland versuche ich seit vier Monaten meine aufgebrauchte Reisekasse aufzufüllen. 25 bis 35 Stunden pro Woche arbeite ich dafür in einem mexikanischen Restaurant, bewerbe mich nebenbei um Grafikdesignjobs, bin ab und an mit kleinen Freelance-Aufträgen als Grafikdesignerin beschäftigt und habe ein Zimmer in einem Hostel für Langzeitreisende, das im Moment renoviert wird. Mein letzter Blog-Eintrag ist schon eine ganze Weile her, denn auch hier verfliegt die Zeit einfach so. Aber das nur am Rande. Obwohl ich gerade nicht wirklich auf Reisen bin, kann ich trotzdem reisen und zwar in Gedanken. Dort geht es zurück nach Peru, um von den letzten Erlebnissen in Südamerika zu berichten.

IMG_2801_aNachdem ich in dem Vorort von Lima eine Woche Englisch unterrichtet und auf der Couch der peruanischen Lehrerin Kelly übernachtet habe, bin ich Mitte Dezember weitergereist in die Innenstadt von Lima. In dem Stadtteil Miraflores habe ich drei Tage verbracht. Die große, hektische City von Lima hat mich nur sehr wenig interessiert. Dort wollte ich nicht länger bleiben und bin weitergereist nach Huaraz, Ausgangspunkt für viele Trekkingtouren in die Hochgebirgsregion Cordillera Blanca.

In Huaraz und im gesamten Andengebiet war gerade Regenzeit, die von November bis Mai andauert. Die restlichen Monate des Jahres waren überwiegend trocken. Das war dann die Trockenzeit. Für meine Reisepläne war die Regenzeit die ungünsigere der beiden Jahreszeiten. Es regnete wirklich jeden Tag. Da ich aber keine Lust hatte vier Monate Däumchen zu drehen bis ich dort endlich auf dem Trockenen sitzen konnte, versuchte ich mich mit dem Regen irgendwie anzufreunden.

IMG_2809_aAlso verbrachte ich einen trüben Regentag nach dem anderen im Hostelzimmer und war sogar froh, dass der Regen meine Entschuldigung war, nichts besonderes zu machen und meinen Blog zu schreiben. Ich ging nur mal raus in die nasse graue Stadt, um in einem der unzähligen Chifa Restaurants Arroz chaufa (gebratenen Reis mit Gemüse und Fleisch) zu essen. Chifa ist die peruanische Version von chinesischer Küche und schmeckt vollkommen anders als die deutsch-chinesische Veriante, aber lecker. Außerdem konnte ich auf meinen kulinarischen Streifzügen die aufwendige Weihnachtsdekoration auf dem Hauptplatz bewundern. Dort tummelten sich neben den Palmen lustige Schnee- und Weihnachtsmänner, die zum Teil noch in Plastiktüten verpackt waren. Eine ganze Weihnachtswelt wurde geschaffen, mit Krippe, Schäfern, Schäfchen, Küken, Kamelchen, alles in unterschiedlichen Stilen liebevoll zusammengewürfelt. Diese surreale Szenerie brachte mich zwar zum Schmunzeln, aber ohne Schnee und winterlichen Temperaturen, nicht wirklich in Weihnachtsstimmung.

IMG_3286_aIMG_3276_aIMG_3291_aDoch ich war ja nicht nur zum Essen und Schmunzeln in Huaraz, sondern vor allem um das Hochgebirge zu erkunden. Also buchte ich eine Wandertour zur Lagune 69. Diese Lagune bekam ihren Namen, weil es die 69. Lagune in der Region war. Manchmal sind die Dinge ziemlich einfach. Im Bus dorthin saß ich neben Aesun aus Frankreich. Sie war in meinem Alter, sah aber viel jünger aus. Aesun erzählte mir, dass sie einige Jahre in Korea als Pâtissier gearbeitet hat. In Korea hat es ihr überhaupt nicht gefallen. Es fiel ihr schwer dort echte Freundschaften mit Einheimischen zu schließen. Die Leute dort interessierten sich zwar für sie, aber oft nur, weil sie aus Europa kam und nicht weil sie einfach Aesun war. Das war jedenfalls ihr Eindruck. Manchmal sind die Dinge auch kompliziert. Außerdem war sie von den püppchenhaften Mädchen und der koreanischen Kultur sehr genervt. Aesun war alles andere als ein Püppchen. Sie war eine hübsche, taffe Frau mit einer Vorliebe für Klettern und Wandern.

In dem Bus, in dem wir saßen, waren wir ironischerweise von einer großen, koreanischen Reisegruppe  umgeben. Ich konnte mir die Püppchengesichter mit ihrem Wangenrouge und den lippenstiftroten Lippen aus Aesuns Erzählungen direkt um mich herum angucken. Aesun konnte mir auch genau sagen, welches der Gesichter einen Chirurgen besucht hatte. Gesichtschirurgie in Kores war sehr beliebt und günstig, erzählte sie mir.

Der Bus hielt und die 6-stündige Wandertour begann. Sie führte vorbei an Wasserfällen, vielen Kühen und Bergen mit Schneemützen auf. Am Ende wartete eine leuchtend türkisblaue Lagune mit Wasserfall mittem im Gebirge. Während ich und Aesun dort Kekse und Brote verspeisten, beobachteten wir das koreanische Fotoschauspiel vor unserer Nase. Die Lagunenkulisse war für die koreanische Reisegruppe der perfekte Hintergrund für unzählige Fotos mit Püppchenposen, Peace-Fingern, dem immer gleichen Püppchenlachen und allen möglichen Kombinationen von Einzelportraits bis Gruppenaufnahmen. Die Krönung war allerdings die koreanische Flagge, die jemand irgendwann aus seinem Rucksack holte. Mit der Flagge begann das gesamte Fotoschauspiel dann noch einmal von vorne und wurde auch nicht vom einsetzenden Regen aufgehalten, der mal wieder aus Kübeln geschüttet wurde.

IMG_2606_aIMG_2608_aIMG_2603_aIMG_2680_aIMG_2687_aIMG_2755_aIMG_2792_aNach der Lagunenwanderung beschloss ich trotz Dauerregen den 4-tägigen Santa-Cruz-Trek zu machen. Es war garnicht so einfach eine gute Agentur zu finden, die nicht wegen Regenzeit geschlossen war oder die in den nächsten Tagen genug Teilnehmer für den Treck zusammen hatte. Nach einigem Herumlaufen und Herumfragen klappte es und ich landete als einziges Mädchen in einer Gruppe mit fünf Jungs und einem Guide, eine lustige Truppe. Wegen dem Regen liefen wir den 4-Tages-Trek  allerdings in nur drei Tagen. Übernachtet haben wir in Zelten. Glücklicherweise konnte ich meinen Mädchenbonus ausspielen und bekam ein Zelt für mich ganz allein, während sich die anderen eins zu zweit oder dritt teilen mussten. Unglücklicherweise konnte ich mein Zelt die erste Nacht garnicht genießen, denn die verbrachte ich hauptsächlich wegen Übelkeit und Magenproblemen draußen bei meinem Freund, dem Regen und bei meinen anderen Freunden, den Kühen. Wir befanden uns in Höhen über 4700 km und dort ist mir die Höhenkrankheit auf den Magen geschlagen. Glücklicherweise ging es mir am nächsten Tag etwas besser und ich konnte weiterwandern. Manchmal fühlte ich mich wie in einer absurden Märchenwelt, als die Bäume so seltsam verschnörkelt waren oder als wir durch ein unendlich weites Tal wanderten oder als wir den Artesonraju sehen konnten, der Berg aus dem Logo von „Paramount Pictures“. Auf einem Bergpass lag sogar Schnee und in mir regte sich zum ersten Mal ein leises Weihnachtsgefühl. Ich zettelte eine Schneeballschlacht mit den Jungs an, bevor es wieder steil bergab ging. Wir mussten von Stein zu Stein hüpfen, über die ein Bergbach floss oder an schrägen, rutschigen Gebirsebenen wieder bergauf klettern. Der Weg war anstrengend, doch die Märchenwelt drum herum war schön und manchmal etwas surreal, jedoch anders surreal als die Weihnachtsdekoration in Huaraz.

IMG_2819_aIMG_2821_aIMG_2870_aIMG_2942_aIMG_2964_aIMG_2983_aIMG_3011_aIMG_3146_aIMG_3039_aIMG_3078_aIMG_3111_aIMG_3160_aIMG_3246_aIMG_3243_aNach den 3 durchwanderten Tagen, hatte ich zwar immer noch kein richtiges Weihnachtsgefühl, jedoch genug von Wandern, Regen und Landschaft. Nach einem weiteren faulen und verregneten Tag im Hostel, an dem ich alle meine surrealen Gliedmaßen spürte, machte ich mich auf zur Westküste Perus nach Trujillo und Huanchaco. Dort gab es zwar auch viel Wasser, aber zum Glück nicht von oben, sondern vor allem im Meer.

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Auf der Couch und an der Tafel (Lurin/Lima)

IMG_2524_aIch malte einen Schneeman an die Tafel. „That is a snowman.“ erklärte ich den Kindern, die mich mit großen Augen anguckten. Während draußen die Sommerhitze brannte, erzählte ich ihnen, dass es in Deutschland gerade Winter ist und manchmal so kalt, dass es schneit. Ein Junge aus der vorderen Reihe schaute mich misstrauisch an, zeigte auf den Schneemann und fragte mich: „Is that the Grinch?“

_DSC8000_aIm Randgebiet von Lima hatte ich einen Couchsurfingplatz bei Kelly, ihrem Mann und ihren zwei Katzen gefunden. Kelly studierte Lehramt und arbeitete in einer Schule, die abends Englischunterricht für Erwachsene und Kinder anbot. Sie arbeitete mit ihrer Kollegin Viviana ehrenamtlich in dem Projekt und war ständig auf der Suche nach englischsprachigen Gastlehrern. Also bekam ich zur Couch auch gleich noch einen Job als Englischlehrerin obendrauf. Ich war sehr gespannt, was mich dort erwarten würde.

Der Weg zur Couch begann schon sehr spannend. In dem Bus von Paracas nach Lima hielt ich dem Fahrer einen Zettel mit der Adresse unter die Nase und fragte, ob er mich dort rauslassen kann. „Si, si, no problemo!“ war die Antwort. Kurz nachdem wir Lima erreichten, ging ich noch drei oder viermal zum Busfahrer mit meinem Zettel. Ich war mir nicht sicher, ob er die Adresse überhaupt kennt, doch er nickte jedesmal und sagte: „Si, si.“ Irgendwann gab er mir schließlich bescheid und sagte, dass ich für das letzte Stückchen ein Taxi nehmen muss. Das kam mir seltsam vor, aber mir blieb nichts anderes übrig.

Als ich dem Taxifahrer den Zettel zeigte, stellte sich heraus, dass der Busfahrer wirklich keine Ahnung hatte. Die Schule war ungefähr 20 bis 30 Kilometer entfernt. Leider konnte ich Kelly auch nicht anrufen, da das Akku von meinem Handy leer war. Es wurde langsam dunkel und ich wurde etwas unruhig. Der Taxifahrer war zum Glück sehr hilfsbereit. Wir handelten einen guten Preis aus für die viel zu lange Taxifahrt und ich konnte sein Handy benutzen. Kelly sagte mir am Telefon, dass sie mich erst am nächsten Tag erwartet hatte und niemand mehr in der Schule war, wo ich schlafen sollte. Es wurde also noch etwas spannender. Doch sie bot mir schließlich eine Couch in ihrer Wohnung an, wo mich der freundliche Taxifahrer unentgeldlich hinfuhr. Puh, ich war angekommen.

IMG_2466_aIMG_2303_aKelly war eine  quirlige Person, die sehr gerne und sehr herzlich lachte. Ihr Ehemann Miguel war sehr entspannt und ruhig. Die beiden weißen Katzen in der Wohnung waren auch sehr entspannt und mochten meine Füße. Sie versuchten zumindest ständig hineinzubeißen. Kelly und Miguel führten eine eher unkonventionelle Ehe, die mir ein neues Bild von Beziehungen in Peru zeigte. Miguel kochte, putzte, arbeitete 10 Stunden am Tag als Elektriker und drückte danach noch ein paar Stunden die Schulbank für sein Abendstudium. Kelly blieb tagsüber oft zu Hause, machte ihre Hausaufgaben für ihr Studium und unterrichtete abends zwei Stunden in der Englischschule. Sie sagte Miguel ganz genau, was sie von ihm erwartete und er zögerte keinen Augenblick alle ihre Wünsche zu erfüllen.

IMG_2581_aMit Kelly verstand ich mich blendend. Wir lachten viel zusammen und quatschten oft bis spät in die Nacht hinein. Sie zeigte mir wie man Pisco Sour machte und Arroz con Pollo. Wir gingen gemeinsam tanzen, in die Stadt und feierten ihren Geburtstag mit ihrer Familie. Das alles machten wir, während Miguel arbeitete, putzte oder kochte.

IMG_2525_aIMG_2526_aPisco Sour

IMG_2535_aWenn Kelly ihre Hausaufgaben machte, fuhr ich oft an den Strand oder schaute mir alte Ruinen an. Sie erklärte mir, wann ich in welchen Bus einsteigen musste. Das war gar nicht so einfach. Oft gab es keine Haltestellen, Schilder und auch keine richtigen Namen für die Haltestellen. Alle Leute wussten einfach so, wann sie ein- und aussteigen mussten, ohne dass irgendjemand irgendetwas angesagt. Ich fragte mich anfangs durch und alle waren sehr freundlich zu der einzigen blonden Touristin im Bus. Nach ein paar Tagen hatte ich den Dreh raus.

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IMG_2558_aIMG_2555_aIMG_2539_aDoch ich lernte in dem Vorort von Lima nicht nur wie ich mit dem Bus an den Strand kam, sondern auch wie man Englisch unterrichtet. Kelly hatte ein Buch, mit dem sie unterrichtete und in dem eigentlich alles drinstand, was ich zu tun hatte. Sie half mir bei der Vorbereitung und Einteilung der Stunden und dann konnte es losgehen. Ich stand jeden abend vor sieben bis zehn Schülern zwischen 14 und 30 Jahren und spielte Lehrerin. Diese neue Erfahrung machte mir viel Spaß und die Schüler fanden es sehr aufregend und waren sehr dankbar von jemandem unterrichtet zu werden, die von so weit herkam.

IMG_2353_aaVor dem Unterricht lief ich oft mit Viviana durch die Straßen und klebte Werbeflyer für die Schule an Wände und Littfasssäulen. Währenddessen überlegte ich mir, wie man die Werbung für die Schule noch optimieren könnte und hatte viele Ideen. Letztendlich musste ich allerdings feststellen, dass Werbung in Peru anders funktionierte als in Deutschland. Es war nicht wichtig wie der Flyer gestaltet war. Die Aktion des Flyeraufklebens war viel wichtiger. In Peru, wo sich das Leben auf der Straße abspielte, sahen uns viele Leute dabei zu. In dem Vorort von Lima, wo ich weit und beit das einzige blonde Mädchen war, fiel ich auf wie ein bunter Hund. Ich selbst war eine wandelnde, blonde Werbetafel für die Schule, die mit internationalen Lehrern warb. Und es funktionierte. Am abend riefen viele interessierte Leute an.

IMG_2584_aIMG_2586_aNach einer Woche auf der Couch und an der Tafel verabschiedete ich mich von Kelly und Viviana und konnte am Wochenende sogar noch die Englischklasse mit den kleinen Kindern unterrichten. Kelly, Viviana und die Schüler wollten mich garnicht mehr gehen lassen und waren sehr dankbar für meine Unterstützung. Ich war auch sehr dankbar für meine erste Erfahrung als Lehrerin und für soviel Dankbarkeit, Interesse und Aufmerksamkeit.

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Im Steinreich der Gliptoliten (Huacachina/Ica/ Paracas)

IMG_1973_aEin Stein ist nicht enfach nur ein Stein. Er kann rund sein oder eckig, mit Flecken oder anderen Mustern. Ein Stein könnte bestimmt viele Geschichten erzählen, wenn er sprechen könnte. Manchmal erzählen sie auch Geschichten ohne zu sprechen. Nachdem ich einen Tag länger in Nazca geblieben bin, um mir Incafriedhöfe und energetische Lichtflecken anzugucken, hab ich nicht nur viele Steine gesehen, sondern auch Peter, einen Freund aus Hannover, wiedergetroffen.

Peter habe ich vor ungefähr 3 Jahren bei meiner WG-Besichtigungstour in Hannover kennengelernt. Ich suchte ein Zimmer und er hatte ein freies Zimmer in seiner WG. Eingezogen bin ich dort trotzdem nicht. Peter ist schon viel gereist, oft alleine. Nachdem seine befristete Arbeitsstelle als Sozialarbeiter beendet war, reiste auch er durch Peru und Bolivien.

IMG_1938_aMit Peter traf ich mich in Huacachina, einer Oase umgeben von den höchsten Sanddünen Perus. Klingt eigentlich wie in einem Reiseprospekt. Doch für mich war es eher eine künstliche und eher lieblose Touristenblase mit teuren Hostels und Restaurants. Dort blieben wir nicht lange und fuhren am nächsten Tag weiter nach Paracas mit Zwischenstop in Ica.

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IMG_1862_aIMG_1894_aIMG_1845_a_kleinIn Ica schaute ich mir seltsame Steine in einem Museum an. Karen aus Florida, die ich in Copacabana getroffen habe, hat mir davon erzählt. Peter wartete auf dem Plaza. Im Museum saß ein älterer Mann, der mir innerhalb von drei Stunden die Geschichte der Steine erzählte, die dort ausgestellt waren. Es gab dort Steine in verschiedenen Größen, in deren Oberfläche Figuren geritzt wurden: Menschenähnliche Wesen, Tiere und oft ganze Szenarien. Der Mann erzählte mir, dass die Steine aus einem seltsamen Material bestehen, das nicht von dieser Erde stammt. Er sagte auch, dass sie sehr, aher alt sind, älter als die Existenz der Menschen. Auf einigen Steinen waren Dinosaurier zusammen mit den seltsamen Wesen abgebildet. Der Mann war felsenfest überzeugt davon, dass es sich bei den Wesen um eine außerirdische Rasse handelte, die er Gliptoliten nannte und die bereits zu Zeiten der Dinosaurier oder auch früher auf der Erde wohnten. Diese Wesen designten genetisch den modernen Menschen. Angeblich wurden die Steine in der Nähe von Ica von einem Bauern entdeckt. Einige Leute glauben, es handelt sich um Fälschungen. Auch die Mafia habe dabei ihre Finger im Spiel und versuche die Geschichte zu manipulieren. In dem Museum befinden sich ca. 15.000 von diesen bebilderten Steinen. Um auf allen diesen Steinen die komplexen Bilder einzuritzen würde es wohl mehrere Menschenleben dauern. Es war eine absurde Geschichte und eine sehr lange dazu. Wurden wir vor langer Zeit von Außerirdischen zusammengebastelt, die zusammen mit den Dinosauriern hier auf der Erde hausten?

IMG_1986_aIMG_1996_aIMG_1959_aNach der unendlichen Steingeschichte fuhr ich mit Peter, der genervt war vom langen Warten, weiter nach Paracas. Da die Bushatlestops in Peru alles andere als offensichtlich waren, verpassten wir unseren Stop und tramten mit einem Anwalt und seiner Sekreterin ein Stückchen zurück. In Paracas wohnten wir einige Tage in einem gemütlichen Hostel mit Pool direkt am Strand. Den lieben lange Tag machten wir nichts anderes als in der Hängematte zu hängen, Fisch oder Cerviche zu essen und abends an der Hostelbar herumzulungern. Außerdem spielten wir wie fanatisch Tischfussball, in dem wir beide nicht gut waren. Doch wir spielten jeden Tag und wurden tatsächlich besser. Ich war zwar immer noch keine gute, aber eine sehr leidenschaftliche Tischfussballspielerin, die sich immer sehr leidenschaftlich ärgerte wenn sie verlor. Oft spielten wir ein Doppel gegen einen Belgier und einem in Mexico lebenden Koreaner. Das entwickelte sich zu einem abendlichen Ritual. Der Belgier und der Koreaner waren ganz versessen darauf zu gewinnen, nur um danach sagen zu können, sie haben die Deutschen im Fussball besiegt. Manchmal gelang es ihnen sogar, manchmal auch nicht.

IMG_2097_aIMG_2080_a10408901_a1972322_aIMG_1997_aDie Sehenswürdigkeiten in Paracas reichten von unzähligen furchtbar kitschigen Souveniers in den kleinen Läden über ner Kanufahrt auf dem Meer bis hin zu einer Bootstour zu den Islas Ballestas mit Pinguinen, Seerobben und Vögeln. Nach ein paar faulen Tagen machten Peter und ich uns auf nach Lima. Peter flog von dort aus zurück nach Hannover und ich hatte in Lima einen Couchsurfingplatz gefunden. Ich war schon sehr gespannt auf meine erste Couchsurfingerfahrung. Wer weiß, vielleicht werde ich dort einen Gliptoliten kennenlernen.

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In der Riesenzeichenwüste (Nazca)

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Ein Kolibri, ein Affe, ein Astronaut und viele andere Figuren und Formen wurden einfach in riesigen Dimensionen in die trockenste Wüste der Welt geritzt oder besser gesagt gescharrt. Kerzengerade Linien laufen durch das Gebiet, kreuzen sich und bilden Dreiecke und Trapeze. Man munkelt, dass sie einem Wasser- und Fruchtbarkeitskult gewidmet wurden oder etwas mit rituellen Zeremonien zu tun hatten oder mit den Sternenkonstellationen und Sonnenwendepunkten oder dass es Landebahnen für Außerirdische waren. Es gibt mittlerweile so viele Theorien darüber. Warum die Linien auch immer dort sind, wo sie sind. In der Wüste bei Nazca sieht es aus wie auf einem großen, gelblich-braunen Blatt Papier, auf dem munter drauf losgekritzelt wurde. Ein spannender Ort mit einer ganz besonderen Athmosphäre.

IMG_1759_aIMG_1748_aIMG_1758_aIMG_1753_aZu erkennen sind diese seltsamen Riesenzeichnungen nur aus großer Entfernung, zum Beispiel vom Flugzeug aus oder von einem der Aussichtstürme. Da mir der Flug zu teuer war, hab ich mich für die Sicht von den vergleichsweise unspektakulären Aussichtstürmen entschieden. Ich konnte einen Baum und eine Art Fugur mit zwei großen Händen von dort oben erkennen.

IMG_1786_aIMG_1804_aIMG_1806_aAuf der Tour mit den Aussichtstürmen besichtigten wir auch das Maria Reiche Museum. Maria Reiche war mir vorher nicht bekannt. Sie wurde in Dresden geboren und verbrachte in Peru viele Jahre ihres Lebens damit die Nazca-Linien zu untersuchen. Sie hat sie vermessen, kartographiert, fotografiert und sich für den Erhalt und den Schutz der Linien eingesetzt. In Peru ist sie eine Legende, eine Heldin. An ihrem Geburtstag ist sogar ein nationaler Feiertag. Das heutige Museum war früher die Hütte, in der sie 25 Jahre ohne Wasser und Strom lebte und unermüdlich die Linien erforschte. Sie war unverheiratet und hatte keine Kinder, aber sie hatte das leidenschaftliche Ziel die Linien zu erforschen, um in ihnen zu lesen wie in einem Geschichtsbuch. Wow!

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IMG_1767_aIMG_1769_aAuf der Tour lernte ich noch eine andere sehr interessante Frau kennen. Sie hieß Amelie, war eigentlich Französin, wuchs aber in Deutschland auf. Es war eine sehr adrette, temperamentvolle Frau, der man ihr Alter überhaupt nicht ansah. Sie reiste einen Monat durch Peru, lebt in Düsseldorf und organisiert dort selber Touren für Reisegruppen. Auch ihre eigene Perutour hatte sie perfekt vorbereitet mit vielen Hintergrundinfos, die sie alle sehr sorgfältig in einem Ordner abgeheftet hatte. Sie war zwar viel älter als ich und reiste mit einem völlig anderen Budget und Standart, aber ich mochte sie auf Anhieb. Nach der Tour lud sie mich in ihr Hotel ein. Es war ein luxuriöses Gebäude mit Consierge und Pool. Wir wollten dort zu Abend essen, entschieden uns dann aber doch für ein Restaurant in der Nähe. Amelie bestand darauf mich einzuladen, weil ich ja ein langzeitreisender Rucksacktourist war. Wir dinierten wie zwei Königinnen und bestellten zudem einen großen Krug Pisco Sour. Sie erzählte mir von ihrem Leben. Amelie hat in 4 verschiedenen Ländern gelebt, hat viele unterschiedliche Unternehmen gegründet und hatte ein krankes Kind adoptiert, das sie während ihrer Hilfsarbeit in den Philippinen pflegte. Sie selber konnte keine Kinder bekommen. Das kranke Kind ist heute ein erwachsener gesunder Mann und ihr ganzer Stolz. Amelie erinnerte mich etwas an Maria Reiche. Auch sie lebt ihr Leben sehr unkonventionell und mit viel Leidenschaft. Wir redeten auch über meine Buchidee und sie lud mich zu sich nach Düsseldorf ein. Wer weiß was die Zukunft noch bringt.

IMG_1760_aAls ich mit meinem großen Rucksack an der Rezeption im Hostel stand, sagte Raul, er könne mich mit seinem Auto zum Busbahnhof bringen. Raul war ein Tourguide, der die Ausflüge, die im Hostel gebucht werden konnten, durchführte. Sein Angebot nahm ich gerne an, da mein Rucksack auf seltsame Weise bei jeder Abreise etwas schwerer wurde. Er erzählte mir auf der Fahrt von einem Incafriedhof, den ich unbedingt noch sehen müsse. Eigentlich lasse ich mir nicht gerne etwas aufschwatzen, aber ich hatte keinen Zeitdruck und fand es interessant. Also fuhren wir zum Incafriedhof und ich konnte ihn alles fragen, was ich wissen wollte. Das machte ich dann auch. Ich fragte ihn über die mysteriöse Nazcakultur aus und über die Linien und er erzählte, wie er sich das alles vorstellte. Es stellte sich heraus, dass er ein sehr komplexes Wissen hatte und mehr über die Zauberwelt wusste, als er mir am Anfang verraten wollte. Dann wollte er mir Orbs in einem alten Aquädukt zeigen. Kein Obst, sondern Orbs. Orbs sind energetische Lichtkugeln, die man sehen und auch fotografieren kann. Klingt absurd und komisch, aber ich konnte sie sehen und fotografieren. Oder hab ich es mir nur eingebildet? Waren es nur Staubspuren auf der Kamera? Wer weiß. Die Begegnung mit Raul war jedenfalls sehr absurd, aber sehr interessant.

IMG_1834_aZum Schluss möchte ich noch meine eigene Theorie aus meiner Zauberwelt über die Nazca-Linien zu den vielen anderen Theorien dazugesellen. Eigentlich war das nämlich so: Früher lebten Riesen auf der Erde. Und auch Riesenkinder müssen zur Schule gehen. Ihr Lieblingsfach in der Schule war der Kunstunterricht. In einer Stunde sollte jedes Riesenkind sein Lieblingstier zeichnen. Also zeichnete ein Kind einen Wal, ein anderes Kind einen Affen und wieder ein anderes einen Kolibri. Und sie waren sogar richtig gut darin. Die ganz kleinen Kinder, die noch nicht so richtig zeichnen konnten, malten einfach Linien kreuz und quer in den Sand und so enstand eine riesengroße Riesenzeichenwüste. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie immer noch, aber in einer Riesenzauberwelt unter der Erde und malen dort herum. Ist ja klar.

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Drei Mumien, ein Frosch und ein Kondor (Arequipa)

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Da der Titel dieses Blogeintrags auch der eines Märchens sein könnte, werde ich märchenhaft beginnen zu erzählen: Es war einmal eine „weiße Stadt“. Dort gab es einen schönen Plaza, der mit Bäumen umrandet war. In der Mitte des Plazas befand sich ein Springbrunnen. Es gab viele Bogengänge drumherum, eine prächtige Kathedrale, einen lebhaften Marktplatz und insgesamt mindestens drei Mumien. Im Stadtzentrum von Arequipa gab es viele Häuser aus weißem Sillar-Gestein.

IMG_1189_aIMG_1211_aIMG_1225_aIMG_1242_aIn Arequipa waren die Obsttage zu Ende. Hier gewöhnte ich mich langsam wieder an das Tortenleben einer Reisenden. Gleich am ersten Tag machte ich die Free Walking Tour. Auf dem Marktplatz berichtete die Führerin, dass man an den Ständen mit den Fruchtsäften auch einen Jugo de Rana, einen Froschsaft, trinken kann. Ich wunderte mich zusammen mit einer Schwedin darüber, wie der wohl zubereitet wird. Sie vermutete dass einfach ein gefrorener Frosch in den Saft getaucht wird. Ich war sehr neugierig und wollte den Froschsaft bei der nächsten Gelegenheit probieren. Nach der Tour aß ich mit ihr und zwei anderen Mädchen auf dem dem Marktplatz die lokale Spezialität „Rocoto Relleno“, gefüllte Paprika mit Kartoffelgratin.

IMG_1288_aIMG_1284_aNach der Tour besichtigte ich mit eines der Mädchen die drei Mumien in Arequipa. Die berühmteste von ihnen hieß Juanita. Sie wurde 1995 von dem amerikanischen Archäologen Johan Reinhard in 5000 Metern Höhe auf einem Vulkan gefunden. Juanita war ein 14-jähriges Incamädchen, das den Incagöttern geopfert wurde. Dabei wurde sie von Priestern begleitet, ihr wurde Chicha (ein alkoholisches Maisgetränk) verabreicht und schließlich bekam sie einen Schlag auf dem Kopf, an dem sie starb. Diese Opferung war eine der höchsten Ehren. Es wurden vorzugsweise Kinder geopfert, weil sie rein und unschuldig waren. Juanita wusste bereits seit ihrer Geburt, dass sie geopfert werden wird. Sie wurde ihr ganzes Leben auf den Tod vorbereitet. Das Ziel ihres Lebens war die ehrenvolle Opferung, der Tod. Das war schon seltsam. Eigentlich endet ja jedes Leben mit dem Tod, aber keiner denkt gerne darüber nach. Doch die Incas schienen keine Angst davor zu haben. Sie feierten den Tod. Außerdem waren sie überzeugt davon, dass der Tod nicht das Ende war, denn Juanita wurde mit vielen Grabbeigaben gefunden. In einem anderen Museum gab es noch zwei andere Mumienkinder zu besichtigen. Es war makaber, aber intressant.

Beim Pfannkuchen-Frühstück im Hostel lernte ich Julien aus Deutschland kennen. Nach dem Frühstück gingen wir mit einem deutsch-australischen Reisepärchen auf den Marktplatz. Dort entdeckte ich zum ersten Mal lustiges Brot mit Puppengesichtern. Es sah aus als ob kleine Figuren aus alten Kinderbüchern in dem Brotteig gefangen waren. Vielleicht waren es aber auch einfach nur Brote mit Gesichtern. Dann landeten wir am Saftstand. Während sich die anderen Milchshakes und Fruchtsäfte bestellten, wollte ich den Froschsaft probieren. Die Saftfrau lächelte und verschwand kurz. Sie kam zurück mit einem kleinen Frosch, den sie mir zeigte. Danach hörte ich nur wie er geräuschvoll im Mixer verschwand zusammen mit einem süßen Sirup und Früchten. Der Saft schmeckte nicht schlecht, aber der Gedanke an den kleinen Frosch war seltsam. Trotzdem trank ich das Glas aus, verzichtete aber auf den Nachschlag. Mit Julien ging ich danach weiter durch die Stadt. Dabei entdeckten wir einen Antiquitätenladen, in dem wir herumstöberten.

IMG_1315_aFroschsaft

IMG_1324_aaIm Antiquitätenladen

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IMG_1353_aNach ein paar Tagen in Arequipa beschloss ich eine 2-tägihge Wandertour in dem Colca-Canyon zu machen, der doppelt so tief ist wie der Gran Canyon in den USA. Wie bei allen Touren musste ich wieder vor Morgengrauen aufstehen und wurde von einem Kleinbus abgeholt, in dem die anderen Wanderfreunde saßen. Wir hielten an einem Aussichtspunkt neben vielen anderen Kleinbussen. Mit den vielen Touristen aus den anderen Kleinbussen schaute ich mit hoffnungsvollem Blick suchend in die Schlucht. Ich wollte einen Kondor sehen. Nach einer Weile flog tatsächlich einer vorbei. Wie ein Superstar präsentierte er sich dem Blitzlichtgewitter des Publikums, das allerdings ohne Blitzlicht fotografierte. Er flog sogar noch einmal zurück für eine Extravorstellung. Nach dieser Flugshow setzten sich die vielen Touristen wieder in die vielen Kleinbusse und fuhren weiter, während neue Kleinbusse ankamen.

IMG_1440_aaIMG_1454_aKurz darauf begannen wir unsere Wanderung in dem beeindruckenden Colca Canyon. Beim Bergablaufen rutschte ich kurz aus und schrammte mir den Ellenbogen auf. Zum Glück war gerade ein Guide in der Nähe, der mich mit einer komischen Limonentinktur verarzten konnte.

IMG_1460_aIMG_1417_aIMG_1620_aDie Wandergruppe bestand aus einem spanischen Pärchen und einem französischen Pärchen inklusive Eltern und Tante. Ich war erstaunt, dass die etwas älteren Eltern die Wanderung mitmachten. Es war sehr anstrengend für sie, aber sie kämpften sich durch. Der Guide konnte sieben Sprachen sprechen, unter anderem auch deutsch. Auf dem Weg half er mir mein Spanisch zu verbessern. Ich half ihm mit seinem Deutsch, das wegen seinem Akzent fast unverständlich war. Am Ende eines langen Wandertages kamen wir in einer Oase an, die sich im Tal befand. Es sah dort aus wie auf einer Postkarte, mit Palmen und Pool. Jeder bekam eine Hütte für die Nacht zugeteilt. Der Guide versuchte sich bei mir einzunisten. Doch ich kannte die Intentionen der Latinos mittlerweile zu gut und versicherte ihm, dass er einen anderen Schlafplatz in einer anderen Hütte finden wird

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Nach einem Superstar-Kondor, einem Frosch im Mixer, Brot mit Gesichtern, einer rutschigen Wanderung, einem aufdringlichen Guide und drei Mumien beschloss ich weiter nach Nazca zu fahren. Und wenn die drei Mumien nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute, haha.

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Alles aus Schilf (Puno2)

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„Wieviel Tage kann ich bekommen?“, fragte ich den Mann hinter der Scheibe auf Spanisch. Er schrieb eine „90“ auf den Stempel in meinen vorläufigen Reisepass. Diesmal bekam ich also ein Visum für drei weitere Monate und nicht nur für zwei, wie bei meiner ersten Grenzüberquerung. Wahrscheinlich werde ich die 90 Tage nicht aufbrauchen. Aber wer weiß, was passiert. Ich weiß nur, dass beim Reisen alles ungewiss ist.

Ich war also wieder zurück in dem Land, in dem ich bereits zwei Monate verbracht und es nicht weiter als bis nach Cusco geschafft hatte. Das war also mein zweiter Anlauf Peru zu erkunden. Ich war wieder eine normale Reisende und ich war auf dem Weg nach Puno am Titicacasee. In Puno war ich bereits bei meinem ersten Perubesuch. Es war die Stadt, in der ich eine Obstpause einlegte und die mir sehr schmutzig und trüb erschien.

Damals war ich satt von den touristischen Tortenstücken und wollte mich einfach vom Obst treiben lassen. Diesmal war ich aber eine hungrige Touristin und hatte Appetit auf die große Torte, die ich beim letzten Mal nicht essen wollte. Ich hatte Appetit auf die Floating Islands (die schwimmenden Inseln) und auf die Insel Taquile.

Im Hostelschlaafsaal hab ich von einer Frau erfahren, dass ich die Tour nicht im Hostel buchen sollte. Sie meinte, es sei viel günstiger, wenn ich morgens zum Hafen gehe und dort ein Ticket kaufe. Das habe ich genauso gemacht und sie hatte recht. Die besten Hinweise bekam ich oft von anderen Reisenden. Ich stellte es mir wie eine Art geheime Verbindung vor, in der die Insidertips von einem zum anderen weitergereicht werden.

IMG_1000_aViele andere Leute und ich saßen in einem Boot und schaukelte gemütlich über den See. Bald hielten wir an einer, der vielen schwimmenden Schilfinseln der Uros. Das Volk der Uros lebte dort bereits seit vielen Jahrhunderten und hatte alles aus Schilf gebastelt: Die Häuser, die Boote und die Inseln selbst. Ursprünglich wollte es sich mit den schwimmenden Inseln vor den kriegerischen Inkas und Kollas schützen. Heute leben die Uros immer noch auf sehr traditionelle Weise vom Fischfang und auf untraditionelle Weise von den Touristen, die hier tagtäglich hingeschaukelt werden. Bei jedem Touristenbesuch wollen sie kleine Schilffiguren und andere Handarbeiten verkaufen.

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IMG_1035_aNach einem viel zu kurzen Besuch auf der Schilfinsel ging es weiter zur Insel Taquile. Diese Insel war nicht aus Schilf, sondern wie die meisten Inseln aus Sand, mit Bäumen und Häusern drauf. Eigentlich war sie vielmehr wie ein schwimmender Berg. Wir wanderten auf ihr herum und konnten uns die schöne Landschaft und auch wieder die vielen Handarbeiten der Einheimischen angucken und im besten Falle auch kaufen, also die Handarbeiten.

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IMG_1160_aAuf der Tour war auch eine etwas ältere Frau dabei, die eine sehr geometrisch korrekt geschnittene Kurzhaarfrisur trug. Obwohl es nicht die gleiche Frisur war, die auch meine Grundschullehrerin damals hatte, erinnerte sie mich sehr an sie. Ich musste ständig diese silbergraue Kurzhaarfrisur angucken und hatte sofort die Assoziation ‚Lehrerin‘ im Kopf. Als wir die Insel Taquile erreichten, versuchte ich sie unverfänglich in ein Gespräch zu verwickeln. Das klappte sehr gut. Es stellte sich heraus, dass sie auch aus Deutschland kam. Irgendwann erzählte sie mir, dass sie Waldorfschullehrerin sei. „Bingo!“, dachte ich. Das mit der Waldorfschule hätte ich zwar nicht gedacht, fand es aber interessant. Sie erzählte mir, dass die Philosophie der Waldorfschule auf dem christlichen Glauben aufbaute, dass Engel, Wiedergeburt und der Glaube an die Kraft der Gedanken eine Rolle spielten. Natürlich ist die Philosophie viel komplexer, als ich es hier mit meinem Halbwissen wiedergeben kann. Ich war überrascht, dass mir ein kleines Stückchen Zauberwelt diesmal auf ganz sachlicher Ebene begegnete.

Auf dem Rückweg mit dem Boot zum Festland gerieten wir in ein heftiges Gewitter, dass sehr dramatische Szenen bot . Dunkle Wolken entluden sich über dem tobenden See. Nach der Tour bin ich mit der Lehrerin in Puno essen gegangen. Dabei erzählte sie mir, dass es als alleinreisende Frau in ihrem Alter auch manchmal etwas einsam sein kann. Ich war so froh, dass ich diese Reise jetzt machte.

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IMG_1173_aNach dem schwimmenden Tortenstück war mein Appetit erstmal gestillt und ich legte noch einen Obsttag in Puno ein. An diesem Tag lernte ich Krista aus Australien im Hostel kennen. Sie erzählte mir von ihrem Freund in den Niederlanden und dass eine Fernbeziehung ganz schön anstrengend sein kann. Mit ihr und eine paar weiteren Leuten ging ich abends zwar kein Obst, sondern Pizza essen. Nach den ganzen günstigen, peruanischen Mengerichten, die fast alle mit Reis serviert wurden, dachte ich nur: „Oh man, wie sehr habe ich eine richtig gute Pizza vermisst.“

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Drachen und Meerjungfrauen (Copacabana2)

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„Todo es possible, nada es seguro.“ („Alles ist möglich, nichts ist sicher.“) Das haben die Jungs in Cusco oft zu mir gesagt. Es schien auch das inoffizielle Motto von Peru und Bolivien zu sein.

Als ich den Bus von Cusco nach Copacabana buchte, habe ich extra dreimal nachgefragt, ob ich umsteigen muss. Die Leute am Schalter haben mir versichert, dass ich mit dem Bus, ohne Umsteigen, über die Grenze, direkt nach Copacabana komme. Die Fahrt sollte ungefähr 12 Stunden dauern. Zwölf-stündige oder längere Busfahrten sind in Südamerika an der Tagesordnung. Schienenverkehr gibt es hier kaum.

Eine halbe Stunde vor dem Grenzübergang nach Bolivien wurde ich plötzlich aus dem Schlaf gerissen. Alle, die nach Copacabana wollten, sollten hier aussteigen. Also musste ich raus und sah dem Bus hinterher, der ohne mich weiterfuhr. Ich war verwirrt, denn ich war noch nicht in Copacabana und musste trotzdem aussteigen. Die anderen Verwirrten und ich standen am Straßenrand und wurden von einem Kleinbus eingesammelt. Im Bus wollte eine Frau von jedem das Busticket haben. Das Busticket? Warum sollte ich ein Ticket aufheben, wenn der Bus mich, ohne Umsteigen, direkt an mein Ziel bringt. Doch die Frau bestand energisch darauf. Ich kramte in den Untiefen meiner Tasche. Irgendwann fand ich das Ticket zusammen mit einer Bananenschale und einem Apfelgriebsch (für alle, denen ein regional bedingter, anderer Ausdruck geläufiger ist: Damit ist das Kerngehäuse des Apfels gemeint) in einer Plastiktüte. Ich reichte ihr mit etwas Schadenfreude, das völlig mit Obstresten beschmierte und durchtränkte Ticket.

Der Kleinbus brachte uns bis vor die Grenze nach Bolivien. Hier stiegen alle aus und hier sagte uns die Frau, dass die Fahrt mit der Busgesellschaft beendet sei. Hinter der Grenze sollen wir uns einen anderen Kleinbus oder ein Taxi nehmen. Das ärgerte mich kurzzeitig, andererseits überraschte es mich kaum. Mittlerweile wusste ich ja, dass in Peru alles möglich war. Nach den Formalitäten an der Grenze, teilte ich mir dann mit den anderen Reisenden aus dem Bus einen weiteren Kleinbus, der uns OHNE Umsteigen ans Ziel brachte. Dort haben wir gemeinsam gefrühstückt und unsere Reiseerlebnisse ausgetauscht. Danach ging jeder seiner Wege. Die meisten wollten weiter auf die Sonneninsel, ich wollte ein Hostel finden. Da ich bereits das zweite Mal in Copacabana war, ließ ich das Touristenprogramm diesmal aus.

IMG_2865_aIch fand einen Schlafplatz, aß Titicacaforelle an den kleinen Ständen am See und hing auf einer Dachtrasse herum um ein paar Boote in mein Skizzenbuch zu kritzeln. Später traf ich Karen aus dem Bus in einem Restaurant wieder. Karen aus Philadelphia erzählte mir von ihrer wilden Hippie-Jugend, in der sie von einem Festival zum nächsten reiste und die in einem langjährigen Bürojob endete. Doch jetzt reiste Karen wieder. Ihre Reiselektüre lag neben ihr auf dem Tisch, ein dickes Buch. Ich las mir den Klappentext durch. Es ging um eine Phantasiegeschichte mit Drachen. Sie erzählte mir mehr über den Inhalt, als sich auf einmal der Mann am Eingang des Restaurants zu Wort meldete. Er fragte uns, ob wir glaubten, dass es Drachen wirklich gibt. Ich war etwas erstaunt über diese Frage.

IMG_2846_aDer Mann kam zu uns herüber. Es war ein älterer Herr, dem schon ein paar Zähne fehlten. Er arbeitete in dem Restaurant, erzählte uns aber in gutem Englisch, dass er früher lange Zeit als Geschichtsprofessor in New York tätig war.

Er berichtete von der Exitenz der Drachen, von der er felsenfest überzeugt zu sein schien. Aber nicht nur davon. Mit einem unglaublich komplexen Wissen redete er von vielen mysthischen Dingen. Er meinte, dass wir längst nicht alles über die Geschichte der Menschheit und der Erde wissen. Er erzählte von Atlantis, von den Pyramiden, von den Zusammenhängen der alten Kulturen und dass es nicht nur Drachen, sondern auch Meerjungfrauen im Titicacasee gebe. Er sagte, er hätte zwei geheimnisvolle Bücher, in denen alles drinstehe. Die wollte er uns beim nächsten Mal zeigen.

IMG_2838_aKaren fuhr am nächsten Tag auf die Sonneninsel. Also verabredeten wir uns für den übernächsten abend mit dem alten Mann im Restaurant. Er wollte dann seine Bücher mitbringen und uns noch mehr erzählen. Doch an dem verabredeten abend war Hochbetrieb im Restaurant. Der Mann hatte viel zu tun und die Bücher nicht dabei. Er hatte sie am abend vorher mitgebracht, an dem abend, an dem ich nicht im Restaurant und Karen auf der Insel war.

IMG_3148_aIch habe die Bücher letztendlich nie gesehen und ein weiteres Treffen mit dem alten Mann kam nicht zustande. Wer weiß, vielleicht gab es Drachen und Meerjungfrauen auf der Sonneninsel im Titicacasee, vielleicht auch nicht. Ich wusste nur, dass der Mann mir mit seinen Geschichten für kurze Zeit das Gefühl gab in einer zauberhaften Märchenwelt zu leben, fernab vom rationalen Deutschland. Mit diesem zauberhaften Gefühl fuhr ich weiter nach Puno, zurück über die Grenze nach Peru. „Todo es possible, nada es seguro.“

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Gringas und Latinos (Cusco2)

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Anfangs wollte ich es nicht wirklich glauben, doch ihr Leben war wirklich sehr anders. Dani und Alex sind zusammen im Ghetto in Lima aufgewachsen und mussten seit ihrer frühen Kindheit arbeiten, wie sehr viele Kinder hier in Peru. Auch heute arbeitet Dani noch viel, nicht nur für seinen Lebensunterhalt, sondern auch um die Medikamente für seinen Vater und das Studim seiner Schwester zu finanzieren. Das ist viel Verantwortung, manchmal zu viel für ihn. In Peru gibt es kein kuscheliges Sozialsystem wie in Deutschland. Es gibt kein Arbeitslosengeld, keine Krankenversicherung und kein Bafög. Wer kein Geld hat, muss sehen wo er bleibt. Mir wurde dadurch noch bewusster, wie gut ich es mir eigentlich in Deutschland ging. Doch obwohl die meisten Leute, die ich in Cusco kennengelernt habe, nicht viel Geld hatten, klammerten sie sich nicht daran. Sie teilten gerne. Erwarteten allerdings die gleiche Großzügigkeit auch von anderen. Sie hatten eine andere Philosophie vom Leben, die stark mit der Pachmamakultur verbunden war. Sie glaubten an gute und schlechte Energien der Menschen. Sie glaubten, nur wenn man geben kann, bekommt man auch. Das Leben war für sie ein Kreis mit vielen Symbolen.

IMG_0990_aEs gab aber noch andere kulturelle Unterschiede. Mit Dani habe ich oft über den Machismus diskutiert, der dort noch sehr dominant ist. Frauen, die einen Freund haben, sollen zum Beispiel nicht alleine ausgehen, schon gar nicht tanzen, auch nicht mit anderen Freundinnen. Die Männer dort werden sehr schnell einfersüchtig und haben einen großen Besitzanspruch. Platonische Freunschaften zwischen Männern und Frauen waren für Dani nicht selbstverständlich. Das war sehr befremdlich für mich. Männer können viele Frauen haben ohne einen schlechten Ruf. Frauen können das natürlich nicht. War ja klar.

IMG_0946_aAuf der anderen Seite trugen die Lationos all ihre Gefühle auf der Zunge. Wenn sie erstmal loslegten mit ihren Schmeicheleien, konnten sie gar nicht mehr aufhören die Sterne vom Himmel zu holen. Dabei wurden sie oft von ihren eigenen Gefühlen überwältigt und begannen zu weinen oder zu lachen. So genau wusste man das manchmal nicht.

IMG_0806_aVielleicht war ihre Eifersucht auch nicht völlig unbegründet, denn alle Latinos wollten eine Gringa und viele Gringas wollten einen Latino. Es schien da eine seltsame Anziehung zu geben, die mir vorher nicht bewusst war. Als Gringas wurden dort übrigens alle Mädchen mit heller Haut und blonden Haaren bezeichnet. Wenn sie dann auch noch blaue Augen hatten, war die Kombination perfekt. Ursprünglich galt der Begriff Gringo (maskulin) oder Gringa (feminin) nur für Leute aus Nordamerika, doch für die Latinos machte die Herkunft keinen Unterschied mehr. Hauptsache blod und hellhäutig. Das war exotisch und interessant. Dabei war es für die Latinos natürlich nicht unwichtig, dass die reisenden Gringas oft mehr Geld hatten und im besten Fall die Eintrittskarte ins goldene Europa sein könnten. Sie wussten, dass die Gringas kamen und auch wieder gingen, aber die Latinos wollten sie trotzdem immer und immer wieder aufs Neue. Tillin erzählte mir von seinem früheren Leben vor seiner Ehe. Nach jedem Konzert versammelte sich eine Gringagruppe aus dem Publikum um ihn. Er konnte sich jeden abend eine aussuchen und mit nach Hause nehmen.

IMG_0687_aAuch wenn ich das Leben und die Leute dort interessant fand, waren die Sprachprobleme irgendwann sehr ermüdend und anstrengend für mich. Mein Spanisch reichte noch nicht aus um den Gesprächen folgen zu können und mich daran zu beteiligen. Ich verstand ab und zu das grobe Thema, aber noch längst nicht alles und schon gar keine Witze. Manchmal übersetzte Tillin für mich auf Englisch, aber auch nur manchmal. Ich vermisste Gespräche, ich vermisste es Witze machen zu können. Ich vermisste einen wichtigen Teil meiner Persönlichlkeit und ich vermisste meine Eigenständigkeit. Außerdem wurde mir langweilig, da ich keine wirkliche Arbeit oder Aufgabe in Cusco hatte.

IMG_0528_aCusco

IMG_0699_aNach 6 Wochen in der WG war es Zeit für mich weiterzureisen. Den genauen Zeitpunkt dafür bestimmte mein Visum, das nach 60 Tagen abgelaufen war. Ich musste zurück über die Grenze nach Bolivien, um ein neues zu bekommen. Dani wollte, dass ich wieder zurückkomme, dass ich blieb. Doch ich wusste, dass meine Reise in Cusco noch lange nicht zu Ende war. Ich musste und ich wollte zurück auf die andere Seite, zurück in das Leben einer Touristin, einer Reisenden, zurück in die weite Welt. Dankbar für die unglaublich interessanten Eindrücke und Einblicke verabschiedete ich mich schweren Herzens von Dani am Busbahnhof und fuhr zurück nach Copacabana in Bolivien auf die andere Seite.

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In einem verrückten Spielzimmer (Cusco1)

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Sie redeten laut, schnell und mit ihrem ganzen Körper. Sehr oft verwendeten sie die immer gleichen Slangausdrücke auf Spanisch, sprangen spontan auf, verstellten ihre Stimme und imitierten jemanden mit hektischen Gesten. Dann lachten alle in der WG …

Nach der mehrtägigen Machu Picchu-Wanderung verlor ich endgültig die Lust auf weitere touristische Unternehmungen in Cusco. Es war ein ähnliches Gefühl wie mit der Torte und dem Obst in Puno. Ich wollte eine zeitlang dort bleiben und mir nichts angucken.

IMG_0494_aIMG_0495_aVon Janina, mit der ich die Wanderung nach Machu Picchu zusammen gemacht hatte, verabschiedete ich mich mit einem Meerschweinchen-Abschiedsessen. Meerschweinchen ist eine Delikatesse in Peru, schmeckte aber gar nicht so außergewöhnlich wie ich gedacht hatte. Janina reiste am selben abend weiter und ich verabredete mich mit Cassandra aus Australien, die ich in Puno getroffen hatte. Wir gingen in eine Bar und sie erzählte mir von ihrer Zeit mit ihrem peruanischen Freund Alex in Cusco. Alex und sein bester Freund Dani kamen später auch dazu. Wir tanzten Salsa bis in den Morgengrauen. Es machte Spaß, denn die Jungs konnten wirklich gut tanzen. Auch am nächsten Tag traf ich mich wieder mit Cassandra und den beiden Peruanern. Wir wanderte abends in alten Inka-Ruinen herum. Das war aufregend und ein bisschen gruselig im Dunkeln. Ich war mir nicht ganz sicher, ob die beiden Jungs uns dort nicht doch vielleicht irgendeinem Inkagott opfern wollten. Doch das machten sie zum Glück nicht und wir trafen uns alle vier wieder am nächsten abend und auch an den folgenden Tagen und Abenden. Wir gingen zusammen Mittag- oder Abendessen, tanzten oder besuchten die Konzerte der lokalen Band  „Amaru Pumac Kuntur“, die fast jeden abend in einem Club in Cusco auftraten. Der Name der Band ist Quechua und bedeutet: „Schlange, Puma, Kondor“, welche die drei Stadien des Inkalebens symbolisieren. Die Band spielte traditionelle Pachamamamusik, wie ich es nennen würde oder eine Art Elektro-Folk-Andien-Musik, wie sie es nennen. Später erfuhr ich, dass sie sogar im Finale der Show „Peru Tiene Talento“ waren, die peruanische Version von „Das Supertalent“. Hier ein kleiner Eindruck von der Band und der Musik.

IMG_0674_aDSCF4109_aIMG_0772_aIMG_0680_aAmaru Pumac Kuntur

IMG_0679_aDani und Alex arbeiteten beide in einem Tatowierladen in einer belebten Straße. Alex Aufgabe war es, vor dem Laden zu stehen und mit seiner großen Klappe Kunden, vorzugsweise zahlungskräftige Touristen, hineinzulocken. Dani arbeitete im Laden als Tätowierer. Er wohnte zusammen mit Tilin und Jessica. Tilin spielte auf einer großen Trommel in der Band „Amaru Pumac Kuntur“ und war verheiratet mit Jessica aus Spanien. Dort in Spanien arbeitete Jessica viele Jahre als Polizistin. Hier in Cusco hatte sie einen kleinen Schmuckdesignarbeitsplatz in der Wohnung, an dem sie täglich Ringe und Ketten zusammenschweißte. Ihren Schmuck verkaufte sie auf Märkten oder auf der Straße. Ich war beeindruckt von ihrem großen Lebenswandel für einen Mann.

IMG_0737_aNach ein paar Tagen bot Dani mir an in die Künstler-WG einzuziehen. Auf einmal wohnte ich also zusammen mit einem Tätowierer, einem Musiker und einer Schmuckdesignerin in Cusco und war keine normale Touristin mehr. Es war sehr interessant dort zu wohnen. In der Wohnung sammelte Tilin alle möglichen Instrumente aus der ganzen Welt. Er baute auch selber Trommeln und Didgeridoos, die er ab und an verkaufte. Jessica schweißte ununterbrochen an ihrem Schmuck herum. Dani tätowierte oft Freunde und Bekannte in der Wohnung und am Nachmittag traf sich dort die Band zum Proben. Wir haben in der Wohnung Danis Geburtstag gefeiert, abwechselnd füreinander gekocht und manchmal spontan zusammen Musik gemacht. Die Wohnung war wie ein verrücktes Spielzimmer.

IMG_0686_aim Spielzimmer

IMG_0734_aIMG_0713_aIMG_0871_aIn Cusco hatte ich sowas wie ein zu Hause und einen Alltag gefunden. Morgens frühstückten Dani und ich auf dem Marktplatz Avokado-Sandwiches und Früchtemilchshakes. Danach ging er in den Tätowierladen und ich zur Sprachschule, wo ich Spanisch lernte. Cassandra war an der selben Schule. Mit ihr traf ich mich oft nach dem Unterricht. Abends holten wir die Jungs im Laden ab, gingen Essen und danach manchmal tanzen oder zum „Amaru Pumac Kuntur“-Konzert.

IMG_0698_aIMG_0505_aCassandra, Alex und Dani wurden meine kleine Cusco-Familie. Wir aßen und tanzten nicht nur gemeinsam, sondern machten auch Wanderungen in die Berge und spannende Ausflüge nach Pisac und Colca im Heiligen Tal. Dani wollte mich tatowieren, aber ich entschied mich erst einmal nur für ein Piercing im Ohr. Wir lachten und weinten miteinander und ich bekam einen Einblick in ihr Leben und in ihre Kultur.

DSCF4159_aChicha-Trinken in Pisac im heiligen Tag

IMG_0841_aAutsch!

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