Drachen und Meerjungfrauen (Copacabana2)

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„Todo es possible, nada es seguro.“ („Alles ist möglich, nichts ist sicher.“) Das haben die Jungs in Cusco oft zu mir gesagt. Es schien auch das inoffizielle Motto von Peru und Bolivien zu sein.

Als ich den Bus von Cusco nach Copacabana buchte, habe ich extra dreimal nachgefragt, ob ich umsteigen muss. Die Leute am Schalter haben mir versichert, dass ich mit dem Bus, ohne Umsteigen, über die Grenze, direkt nach Copacabana komme. Die Fahrt sollte ungefähr 12 Stunden dauern. Zwölf-stündige oder längere Busfahrten sind in Südamerika an der Tagesordnung. Schienenverkehr gibt es hier kaum.

Eine halbe Stunde vor dem Grenzübergang nach Bolivien wurde ich plötzlich aus dem Schlaf gerissen. Alle, die nach Copacabana wollten, sollten hier aussteigen. Also musste ich raus und sah dem Bus hinterher, der ohne mich weiterfuhr. Ich war verwirrt, denn ich war noch nicht in Copacabana und musste trotzdem aussteigen. Die anderen Verwirrten und ich standen am Straßenrand und wurden von einem Kleinbus eingesammelt. Im Bus wollte eine Frau von jedem das Busticket haben. Das Busticket? Warum sollte ich ein Ticket aufheben, wenn der Bus mich, ohne Umsteigen, direkt an mein Ziel bringt. Doch die Frau bestand energisch darauf. Ich kramte in den Untiefen meiner Tasche. Irgendwann fand ich das Ticket zusammen mit einer Bananenschale und einem Apfelgriebsch (für alle, denen ein regional bedingter, anderer Ausdruck geläufiger ist: Damit ist das Kerngehäuse des Apfels gemeint) in einer Plastiktüte. Ich reichte ihr mit etwas Schadenfreude, das völlig mit Obstresten beschmierte und durchtränkte Ticket.

Der Kleinbus brachte uns bis vor die Grenze nach Bolivien. Hier stiegen alle aus und hier sagte uns die Frau, dass die Fahrt mit der Busgesellschaft beendet sei. Hinter der Grenze sollen wir uns einen anderen Kleinbus oder ein Taxi nehmen. Das ärgerte mich kurzzeitig, andererseits überraschte es mich kaum. Mittlerweile wusste ich ja, dass in Peru alles möglich war. Nach den Formalitäten an der Grenze, teilte ich mir dann mit den anderen Reisenden aus dem Bus einen weiteren Kleinbus, der uns OHNE Umsteigen ans Ziel brachte. Dort haben wir gemeinsam gefrühstückt und unsere Reiseerlebnisse ausgetauscht. Danach ging jeder seiner Wege. Die meisten wollten weiter auf die Sonneninsel, ich wollte ein Hostel finden. Da ich bereits das zweite Mal in Copacabana war, ließ ich das Touristenprogramm diesmal aus.

IMG_2865_aIch fand einen Schlafplatz, aß Titicacaforelle an den kleinen Ständen am See und hing auf einer Dachtrasse herum um ein paar Boote in mein Skizzenbuch zu kritzeln. Später traf ich Karen aus dem Bus in einem Restaurant wieder. Karen aus Philadelphia erzählte mir von ihrer wilden Hippie-Jugend, in der sie von einem Festival zum nächsten reiste und die in einem langjährigen Bürojob endete. Doch jetzt reiste Karen wieder. Ihre Reiselektüre lag neben ihr auf dem Tisch, ein dickes Buch. Ich las mir den Klappentext durch. Es ging um eine Phantasiegeschichte mit Drachen. Sie erzählte mir mehr über den Inhalt, als sich auf einmal der Mann am Eingang des Restaurants zu Wort meldete. Er fragte uns, ob wir glaubten, dass es Drachen wirklich gibt. Ich war etwas erstaunt über diese Frage.

IMG_2846_aDer Mann kam zu uns herüber. Es war ein älterer Herr, dem schon ein paar Zähne fehlten. Er arbeitete in dem Restaurant, erzählte uns aber in gutem Englisch, dass er früher lange Zeit als Geschichtsprofessor in New York tätig war.

Er berichtete von der Exitenz der Drachen, von der er felsenfest überzeugt zu sein schien. Aber nicht nur davon. Mit einem unglaublich komplexen Wissen redete er von vielen mysthischen Dingen. Er meinte, dass wir längst nicht alles über die Geschichte der Menschheit und der Erde wissen. Er erzählte von Atlantis, von den Pyramiden, von den Zusammenhängen der alten Kulturen und dass es nicht nur Drachen, sondern auch Meerjungfrauen im Titicacasee gebe. Er sagte, er hätte zwei geheimnisvolle Bücher, in denen alles drinstehe. Die wollte er uns beim nächsten Mal zeigen.

IMG_2838_aKaren fuhr am nächsten Tag auf die Sonneninsel. Also verabredeten wir uns für den übernächsten abend mit dem alten Mann im Restaurant. Er wollte dann seine Bücher mitbringen und uns noch mehr erzählen. Doch an dem verabredeten abend war Hochbetrieb im Restaurant. Der Mann hatte viel zu tun und die Bücher nicht dabei. Er hatte sie am abend vorher mitgebracht, an dem abend, an dem ich nicht im Restaurant und Karen auf der Insel war.

IMG_3148_aIch habe die Bücher letztendlich nie gesehen und ein weiteres Treffen mit dem alten Mann kam nicht zustande. Wer weiß, vielleicht gab es Drachen und Meerjungfrauen auf der Sonneninsel im Titicacasee, vielleicht auch nicht. Ich wusste nur, dass der Mann mir mit seinen Geschichten für kurze Zeit das Gefühl gab in einer zauberhaften Märchenwelt zu leben, fernab vom rationalen Deutschland. Mit diesem zauberhaften Gefühl fuhr ich weiter nach Puno, zurück über die Grenze nach Peru. „Todo es possible, nada es seguro.“

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Die Sonne und ich (Copacabana1)

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Eigentlich dachte ich, dass die Sonne schon immer da oben am Himmel war. Doch die alten Inkas glaubten, dass die Sonne auf der Sonneninsel geboren wurde. Man kann dort sogar noch die Fußabdrücke der Sonne sehen. Das erzählte mir jedenfalls ein Mann, den ich dort getroffen habe. Die Sonneninsel (Isla del Sol) liegt im Titicacasee. Gleich nebenan befindet sich, wie passend, die Mondinsel (Isla de Luna).

IMG_2844_aMein nächstes Ziel nach La Paz war aber ersteinmal Copacabana, allerdings nicht der weltbekannte Strand in Rio de Janero. Ich war in Copacabana in Bolivien am Titicacasee, nahe der Grenze zu Peru. Der Strand in Brasilien wurde allerdings nach dem kleinen, entspannten Ort am Titicacasee benannt. In Copacabana in Bolivien gibt es keine braungebrannten Strandschönheiten und seltsamerweise keine Hostels mit Mehrbettzimmern. Aber es gibt Straßenmusiker, viele kleine Läden mit Handwerkskunst für Touristen und einen schönen Hafen mit Boten und kleinen Ständen, an denen man leckere Titicacaseeforellen essen kann. Als ob das nicht schon genug wäre, gibt es in der Kirche dort auch noch Boliviens Nationalheilige, die Jungfrau von Copacabana, zu der jedes Jahr viele Menschen pilgern.

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IMG_2868_aAuf der Busfahrt dorthin lernte ich ein Pärchen aus der Schweiz kennen. Mit ihnen zusammen suchte ich vor Ort einen Schlafplatz. Wir landeten in einem einfachen Hotel. Dort konnte ich nach langer Zeit endlich wieder in einem Einzelzimmer schlafen. Mit dem Schweizer Pärchen verbrachte ich den nächsten Tag. Wir aßen Forelle, hingen auf einer Dachterrasse herum und kletterten auf den Berg Cerro Calvario, um von dort die Stadt und den Titicacasee zu sehen. Von dort oben sahen wir auch die Bote, die in regelmäßigen Abständen zur Isla del Sol und zur Isla del Luna fuhren. Das wollte ich auch machen.

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IMG_2798_aDas Pärchen aus der Schweiz reiste am nächsten Tag weiter nach Peru. Ich hing noch einen Tag in Copacabana herum bis ich auch in einem der Bote saß, das mich zur Isla del Sol brachten. Es war ein schöner, sonniger Tag. Die Sonne, die ja dort geboren wurde, strahlte so sehr, als hätte sie an diesem Tag Geburtstag. Es gab einen Wanderweg, der um die ganze Insel führte. Man konnte sich eigentlich nicht verlaufen und man brauchte auch keine Angst vor Überfällen oder anderen merkwürdigen Begegnungen haben. Ich konnte also völlig unbesorgt drauf loswandern. Die meiste Zeit war ich alleine unterwegs, kaum andere Menschen hinter oder vor mir. Wenn mir andere Leute begegneten, wanderten sie in die entgegengesetzte Richtung. Das kam mir bekannt vor. Auf meiner bisherigen Reise begegneten mir fast nur Menschen, die genau in die entgegengesetzte Richtung reisten. Überraschenderweise war es ein sehr gutes Gefühl ganz alleine unterwegs zu sein. Die Landschaft war wunderschön und die Sonne schien. Ich hatte also die Insel und die Sonne ganz für mich, leider hatte ich keine Sonnencreme dabei.

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IMG_3040_aAm anderen Ende der Insel war ein Tempel and ein Mann, der auf mich zukam. Er war eine Art Guide und wollte mir die mysthischen Dinge dort zeigen und erklären. Obwohl er fast nur Spanisch und kaum Englisch sprach, konnte ich alles gut verstehen. Es war interessant. Er zeigte mir den Frosch, den man in den Felsen sehen konnte, einen Steinkreis, der den 13-monatigen Inkakalender zeigte, die Fussabdrücke der Sonne und den labyrinthartigen Tempel. Im schlauen Internet hab ich im nachhinein allerdings gelesen, dass nicht direkt die Sonne auf der Insel geboren wurde, sondern der Sonnengott Inti seine Kinder auf die Sonneninsel gesand hat. Das waren dann die ersten Inkas. Entweder ist mein Spanisch doch noch nicht so ganz gut oder der Mann hatte seine eigenen Ideen von der Sonne und der Insel.

IMG_2986_aDer Felsenfrosch:)

IMG_3042_aDie Sonnenfussabdrücke

Ich ging weiter bis zum nächsten Ort, um dort zu übernachten. Kurz nach dem Ortseingang kam mir Saulo entgegen. Saulo war auch auf der Suche nach einem Schlafplatz. Wir suchten gemeinsam weiter und fanden zwei Einzelzimmer bei Einheimischen. Abends gab es ein heftiges Gewitter, wie eigentlich jeden abend, den ich am Titicacasee verbrachte.

Am nächsten morgen wanderte ich zu dem Hafen, an dem ich angekommen war. Dort begenete ich wieder Saulo. Er war wie ich auf der Suche nach einem Restaurant. Also suchten wir wieder gemeinsam und aßen zusammen. Saulo sah eher unscheinbar aus, machte aber einen sehr korrekten Eindruck. Er war aus Brasilien und erzählte mir, dass er dort Polist ist und gerade seinen 2-wöchigen Urlaub in Bolivien und Peru verbrachte. Bevor er bei der Autobahnpolizei arbeitete, um gefährliche Drogenschmuggler und andere Gesetzesbrecher zu überführen, war er Anwalt. Das war ihm allerdings zu langweilig.

IMG_2858_aZurück in Copacabana schaute ich in den Spiegel und stellte fest, dass ich ein Krebs war. Also ich sah zumindest so aus wie einer. So schön die Sonne auf der schönen Sonneninsel auch schien, es war etwas zu viel für mein Bleichgesicht. Krebsrot verbrachte ich noch einen Tag in Copacabana bis ich weiter über die Grenze nach Peru fuhr.

Am Grenzübergang offenbarten mir die Polizisten, dass ich mich insgesamt 49 Tage in Bolivien aufhielt. Ich konnte es kaum glauben, dass ich schon über 6 Wochen durch Bolivien reiste. Die Polizisten konnten es leider glauben, denn es waren ganze 19 Tage zuviel. Ich hatte nur ein Visum für 30 Tage und total das Zeitgefühl verloren. Mein krebsrotes Gesicht lief vor Schreck kurzzeitig noch röter an. Das machte dann 20 Bolivianos für jeden Tag zuviel, por fovor. Ich bezahlte und ärgerte mich. Aber zumindest wurde ich dort nicht länger auf- oder festgehalten und konnte schließlich weiterreisen nach Puno in Peru, das dritte Land auf meiner Reise.

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Maskottchen in der Abenteuerbrauerei (La Paz/Rurrenabaque)

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Ich stieg aus dem Bus und lief mit meinen beiden Rucksäcken in die falsche Richtung. Ich wusste, dass das Hostel irgendwo in der Nähe vom Busbahnhof lag. Dann fragte ich eine Frau am Straßenrand nach dem Weg. Sie schickte mich in die Richtung, aus der ich kam…zurück zum Busbahnhof. Und tatsächlich, dort gleich um die Ecke war das Hostel Adventure Brew.

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IMG_2154_aDas Hostel in La Paz war eigentlich nichts Besonderes. Es war kein Partyhostel und hatte zu der Zeit, als ich dort war, auch nicht sehr viele Gäste. Aber es gab dort eine Bar, in der man jeden abend ein Freibier aus der hosteleigenen Brauerei bekam. Am ersten abend nach meiner Ankunft ging ich also in die Bar im Erdgeschoss und fragte den Barkeeper nach meinem Freibier. Ich fühlte mich etwas unwohl, da ich wieder niemanden kannte. Aber das änderte sich schnell und erstaunlich leicht. Der Mann hinter der Bar hieß Ben, kam aus Australien und unterhielt sich sofort mit mir. Er war auch auf Reisen und arbeitete im Hostel um seine Reisekasse aufzubessern. Neben mir an der Bar stand ein Franzose, der aussah wie Jonny Depp in Fluch der Karibik. Mit ihm kam ich auch gleich ins Gespräch. Er hieß Remi und versuchte von Fernanda aus Kolumbien Spanisch zu lernen. Fernanda und Remi waren ebenfalls auf Reisen, Fernanda bereits seit zwei Jahren. Eigentlich arbeiten die beiden auch hinter der Bar, aber an dem abend hatten sie frei. Sie fragten mich, ob ich Hunger hätte. Tatsächlich hatte ich an dem Tag noch nicht viel gegessen. Da es schon spät war und die Küche im Hostel nicht mehr auf hatte, gingen wir auf die Straße und kauften Burger an einem Stand. Danach unterhielten wir uns eine ganze Weile weiter in der Hostelbar. Ben kam später auch dazu. Mit Ben, Fernanda, Remi und den anderen Leute von der Bar erlebte ich in den nächsten zwei Wochen meine Abenteuer in der Abenteuerbrauerei. Sie wurden meine Reisegesellschaft und ich wurde ihr Maskottchen.

IMG_2676aMit Ben habe ich am nächsten Tag einen Aussichtspunkt besichtigt, von dem man eine schöne Sicht über die Stadt hatte. Abends hing ich wieder an der Bar herum. Auch am nächsten und den darauffolgenden Abenden war ich in der Bar mit den Leuten von der Bar. Wir tanzten, wir sangen, wir brachten uns gegenseitig Englisch und Spanisch bei, wir fuhren zusammen in andere Clubs nach der Barschicht. Und es waren immer dieselben Leute von der Bar und ich. An einem abend war ich sogar Dj hinter der Bar, weil vor der Bar nicht viel los war. Ich überlegte, ob ich dort auch anfangen sollte zu arbeiten, aber ich wollte bald weiterreisen und genoss mein Maskottchendasein.

IMG_2666_aIMG_2670_aIMG_2678_aAm vierten Tag in Cusco bin ich mit Ben den sogenannten „death road“ mit dem Mountainbike heruntergefahren. Ich wusste nicht genau, was mich dort, auf der Todesstraße erwartete. Auf Serpentinen fuhren wir zuerst auf einer gepflasterten Straße mit einem Affentempo bergab, später auf einem steinigen und felsigen Weg, auf dem man öfter leicht ins Schleudern kam. Ich war so froh, dass die Bremsen gut funktionierten, auch wenn ich eine Weile brauchte, um herauszufinden, welche für hinten und welche für vorne war. Es ging kurvig und steinig abwärts. Am Rand war der Abhang, in den schon so einige Menschen verendet sind, wie unser Guideunterwegs erzählte. Nach jeder Etappe dachte ich nur: „Wow, ich lebe noch!“ Es war sehr aufregend, aber auch etwas beängstigend in einigen Kurven. Auf jeden Fall habe ich genug Adrenalin getankt, um die nächsten Tage erstmal nichts Aufregendes zu unternehmen und als Maskottchen mit den Leuten von der Bar rumzuhängen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERANach ein paar Tagen machte ich eine Tour zum Mark nach El Alto und zum Cholita-Wrestlin. Diese Show findet jeden Sonntag statt. Es war etwas absurd und der Kommentator war ein wenig anstrengend. Männer in Kostümen und Frauen mit Zöpfen und weiten Röcken schmissen sich gegenseitig in die Ecke des Rings und aus dem Ring. Es war ganz unterhaltsam, aber der Showeffekt war sehr offensichtlich, wie das beim Wrestling eben so ist. Danach ging es zu einem Witchdoktor in eine kleine Hütte. Er war eine Art Doktor mit speziellen, magischen Fähigkeiten. Diese Magie kann man in La Paz in einer speziellen Schule lernen, in einer Art Hogwarts von La Paz. Der Doktor, den wir besuchten, hatte seine Fähigkeiten aber von seinen Vorfahren überliefert bekommen, erzählte er uns. In seiner Hütte waren überall seltsame Dinge zu sehen mit denen er wohl irgendwelche Rituale durchführte: Kräuter, Schädel und andere kleine, bunte Dinger, die aussahen wie dekorierte Seifen. Wir saßen alle im Kreis und konnten Fragen über unsere Zukunft stellen. Der Zauberdoktor hatte einen Haufen Kokablätter vor sich auf dem Tisch ausgebreitet und las daraus die Antworten. Alle in der Gruppe wollten wissen, wie ihre Gesundheit, ihr Liebesleben und ihre Finanzen zukünftig aussehen. Als ich an der Reihe war, beschloss ich keine Fragen zu stellen. Ich war mir nicht sicher, ob der Zaubermann wirklich in die Zukunft gucken konnte, aber ich war mir sicher, dass seine Antwort mich in irgend einer Art beeinflussen würde. Jetzt weiß ich zwar immer noch nicht ob ich im Lotto gewinne oder wieviele Ehen ich mal haben werde, aber alles ist möglich.

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IMG_2262_aDie kleine Zauberwelt, die ich schon in Cochabamba erlebt habe, begegnete mir auch in La Paz immer wieder. Neben den Hütten mit den Zauberdoktoren, gab es mitten in der Stadt einen Hexenmarkt. Dort wurden vertrocknete Lamas verkauft und andere seltsame Dinge, wie zum Beispiel Follow me-Powder gegen Liebeskummer. Auf der Stadtführung erfuhr ich unter anderem, dass die indigenen Leute früher bei einem Hausbau eine lebendige Person unter dem Haus begraben haben, für Pachamama natürlich. Das war mir etwas zuviel Zauberei. Ob das heute immer noch so gemacht wird, ist ungewiss. Aber man solle sich lieber nicht alleine und betrunken nachts in den Straßen von La Paz herumtreiben, riet uns der Guide. „Alles klar“, dachte ich, „Betrunken, alleine und nachts was generell keine gute Idee“.

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IMG_2119_aIch landete also nicht unter irgendeinem neu gebauten Haus in La Paz. Doch irgendwann packte mich in La Paz in der Abenteuerbrauerei wieder die Abenteuerlust und ich beschloss eine 3-tägige Pampas-Tour in den Madiddi National Park zu machen. Da die Busfahrt dorthin bis zu 24 Stunden dauern würde, beschloss ich dorthin zu fliegen. Allein der Flug nach Rurrenabaque in dem kleinen Flugzeug und die Ankunft an dem sehr provisorischen Flughafen war schon ein kleines Abenteuer.

In Rurrenabaque war es tropisch heiß. Von dort aus ging es dann mit dem Jeep und 7 weiteren Leuten in das Sumpfgebiet nach Santa Rosa. Dort fuhren wir drei Tage mit dem Boot auf dem Fluss Yacuma umher und schliefen in einer Holzhütte auf Stelzen. Wir haben viele Kaimane, Schildkröten, Affen, exotische Vögel und Bisamratten gesehen. Außerdem haben wir Piranhas gefischt und gegessen. Ich bin in dem Fluss mit Delphinen geschwommen und wir haben stundenlang nach einer Anakonda gesucht. Nach 5 Stunden Wandern durch tiefsten Schlamm, mussten wir allerdings aufgeben. Ein Mädel aus unserer Gruppe bekam Kreislaufprobleme und sackte zusammen. Der Trip war sehr erlebnisreich, aber nach drei Tagen packte mich wieder der Gruppenkoller und ich war froh wieder in La Paz zu sein bei den Leuten von der Bar.

IMG_2485aIn La Paz verbrachte ich noch einige Tage als Maskottchen bis ich beschloss weiter zum Titicacasee nach Copacabana zu fahren. Da ich bei meinem ersten Versuch La Paz zu verlassen meinen Bus verpasst habe, feierte ich an zwei Abenden meinen Abschied von den Barleuten.

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Zaubern in Cochabamba (Cochabamba2)

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Seit ich denken kann, suche ich in dieser Welt nach Märchen, nach etwas Magischem, ein bisschen Zauber. Ich will ja gar nicht viel: Nur hier und da einen kleinen Hinweis, ein bisschen Verwunderung, einen kurzen, seltsamen Moment. Während in Deutschland alles seinen rationalen Lauf nimmt, spielt die magische Welt der Pachamama in Bolivien eine grosse Rolle. Pachamama ist die Mutter Erde, die Mutter Welt, die von vielen indigenen Völkern in Südamerika verehrt wird und um die sich alles hier dreht. Bei der fiesta de la Virgen de Urkupiña wurde die Verehrung der Pachamama auf erstaunliche Weise mit dem hier ebenfalls praktizierten Katolizismus vermischt.

IMG_1838_aDas Fest dauerte vier Tage und findet jedes Jahr Mitte August zu Ehren der Jungfrau von Urkupiña statt. Es ist der Höhepunkt des religiösen und kulturellen Lebens in Cochabamba. Ich war sehr froh, dass Susanne und ich rechtzeitig aus Villa Tunari nach Cochabamba zurückgekehrt sind, um dieses Spektakel gemeinsam mit der Familie Zapata zu erleben.

IMG_1939_aIn bunten, aufwendig genähten Kostumen tanzten sie durch die Straßen. Manche glitzerten, manche hatten Kastanetten an den Beinen. Machmal waren sie auch prunkvoll als Teufel oder Bären verkleidet. Die Frauen wackelten gekonnt mit ihren Hüften und die Männer tanzten mit ebendsoviel Leidenschaft und Rhythmusgefühl. Die Gruppen kamen aus sämtlichen Städten und Dörfern Boliviens und bildeten eine bunte, zauberhafte Parade.

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IMG_2024_aDa der Rest der Familie anderweitig beschäftigt war, freute sich Gastmutter Ninfa am Tag nach unserer Rückkehr darauf, Susanne und mir die Tanzparade zu zeigen. Im ersten Moment war ich etwas verdutz, einen ganzen Tag mit Ninfa zu verbringen. Ich war immer noch leicht verstimmt von dem Bügel- und Aufräumerlebnis. Doch an diesem Tag gefiel mir ihre forsche Art immer besser. Wenn ihr etwas nicht passte, dann diskutierte Ninfa sofort mit strengem Blick drauflos. Das funktionierte gut. Sie bekam jedenfalls immer was sie wollte.

IMG_1858_aSusanne und ich schauten uns um. Weit und breit schienen wir die einzigen Touristen auf diesem Fest zu sein. Das war ungewohn, aber gut. Nach kurzer Zeit kamen ein paar Mädchen aus einer Tanzgruppe auf uns zu und fragten ganz neugierig, ob sie unsere blonden Haare anfassen könnten. Auch das war ungewohnt, aber witzig. Die Mädchen schauten uns erstaunt mit ihren braunen Kulleraugen an und stellten viele Fragen bis sie sich wieder in die tanzente Parade einreihten.

IMG_1833_aAm nächsten Tag klingete um 3:30 Uhr morgens mein Wecker. Um vier Uhr stand ich mit der gesamten Familie Zapata startklar vor dem Haus. Nur Mama Ninfa kam später mit dem Taxi nach. Es war schon seltsam, denn nicht nur wir, sondern die ganze Stadt pilgerte in aller Hergotts Frühe im flotten Tempo 14 km nach Quillacollo. So war es Tradition. Leider gehörte es anscheinend nicht zur Tradition vorher zu frühstücken. Mein Magen knurrte und ich erblickte sehnsüchtig die Stände mit heissen Getränken und Snacks am Straßenrand. Doch Familie Zapata wollte vor der Mittagshitze am Ziel ankommen, ging unbeeindruckt weiter und ich hinterher.

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IMG_2035_aNach 14 hungrigen Kilometern kamen wir in Quillacollon an, wo sich alle Leute vor einer Kirche versammelten. Auch Ninfa hat sich inzwischen zu uns gesellt. An diesem Ort war es Brauch Kerzen auf dem Boden anzuzünden. Für jede angezündete Kerze hatte man einen Wunsch frei, für sich selber oder einen anderen Menschen. „Aha!“, dachte ich, „Hier geht der Zauber also schon los.“ Das gefiel mir sehr gut. Währenddessen gab es einen Gottesdienst und man konnte sich die Jungfrau von Urkupiña, die Schutzpatronin der Stadt, in der Kirche angucken. Danach ging es weiter mit dem Zauber: Familie Zapata wollte endlich etwas essen. Mein Magen fand das überaus zauberhaft. Auf einem großen Platz reihte sich ein langer Tisch an dem nächsten. Überall wurde ein seltsames Maisgetränk und eine Art fritierter Teig mit Puderzucker serviert. Es war zwar nicht sehr sättigend, schmeckte aber interessant.

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IMG_2041_aNach dem Essen schoben sich die Familie Zapata, Susanne und ich mit den Menschenmassen über einen riesigen Marktplatz. Bald erreichten wir die Stände, an denen man viele Dinge in Miniaturgröße kaufen konnte: Kleine Autos, kleine Häuser mit und ohne Vorgarten, kleine Geldscheine, kleine Doktortitel, kleine Heiratsurkunden und sogar einen kompletten kleinen Stoffkoffer mit Miniaturgeld in den verschiedenen Waehrungen inklusive kleinem Reisepass und kleinen Krititkarten für eine sichere Reise. Den musste ich natürlich haben, damit ich nicht nocheinmal ausgeraubt werde. „Ein bisschen Zauber kann da nicht schaden“, dachte ich. Der Brauch besagte nämlich, dass die kleinen Dinge, die man sich kauft, in Zukunft in Originalgröße in Erfüllung gehen. Aber das geschah nicht einfach nur so. Über qualmenden Schalen wurden die Miniaturdinge von den indigenen Frauen an den Ständen mit guten Wünschen in Quetchua belegt und Pachamama um Unterstützung gebeten. Zauber, Zauber, Fidibus.

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IMG_2049_aDie Menschenmasse bewegte sich von dem Marktplatz weiter zu einem Hügel, auf dem eine Marienstatur stand. Dort ging es weiter mit den seltsamen Ritualen. An den Felsen des Hügels klopften die Menschen mit Hämmern herum. Auch Familie Zapata machte sich eifrig daran mitzuklopfen. Zuerst kaufte man eine Flasche Bier und goss etwas für Pachamama auf den Felsen. Danach bekam man gegen etwas Geld einen Hammer und musste soviele Felsstücke wie möglich abklopfen. Je mehr Feslbrocken, desto mehr Wohlstand wird man zukünftig haben. Das besagt zumindest der Brauch. In diesem energischen Kampf um den zukünftigen Reichtum bekamen sich Mutter Ninfa und Tochter Mariana sogar etwas in die Haare. Susanne und ich waren erstaunt mit welcher Ernsthaftigkeit die Leute den Felsen bearbeiteten. Es erschien uns zwar etwas absurd, aber wir probierten es natürlich auch. Danach wurden die Felsstücke in eine Tüte gepackt, zeremoniell mit Ölen, Blütenblättern und Luftschlangen überhäuft und Pachamama gewürdigt.

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DSCN0728_bAls für den Wohlstand gesorgt war, versammelten sich die Menschenmasse auf dem Hügel, um die Worte des Pristers zu hören. Während er sich durch die Masse bewegte, versuchten ihn viele Menschen zu berühren wie einen Schornsteinfeger, der Glück bringt. Im Vorbeigehen reinigte der Priester zwar keine Schornsteine, aber er verwandelte Wasser in Weihwasser. Während der Messe drängten sich die Menschen immer dichter aneinander. Die Sonne brannte und es gab keinen Schatten. Nach der Messe wurde noch beengter, denn alle Leute wollten zur selben Zeit in die selbe Richtung. Der ganze Zauber wurde regelrecht beiseitegeschoben, denn es wurde erbarmungslos gedrängelt, geschoben und geschubst. Es war schon fast etwas beängstigend. Ich war sehr froh als ich den Ausgang erreichte und dankbar für die zauberhaften Eindrücke und seltsamen Bräuche.

IMG_2059_aNach dem Fest blieb ich noch zwei Tage in Cochabamba. Danach reiste ich nach La Paz, um weitere Abenteuer im Reich der Pachamama zu erleben.

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Bügeln in Cochabamba (Cochabamba1/Villa Tunari)

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Kurz vor meiner Abreise in die große Welt habe ich meinen Freund Peter (Hallo Peter!) in Ulm für ein paar Tage besucht. Peter wohnt mit Susanne in einer Wohngemeinschaft. Susanne kannte ich nur flüchtig von meinem letzten Besuch. Mit ihr saß ich lange in der Küche und erzählte über alles Mögliche. Dabei erfuhr ich, dass Susanne bald in Bolivien in einem Krankenhaus für ihr Medizinstudium 6 Wochen Famulatur machen und anschließend noch ein paar Wochen durch Bolivien reisen wollte. Wir haben halb im Scherz vereinbart, dass wir uns ja in Bolivien treffen können.

IMG_1511_aWährend ich in Sucre war, habe ich auf Susannes facebook-Seite zufällig gesehen, dass sie sich auf den Weg nach Cochabamba in Bolivien macht. Cochabamba… das klang im ersten Moment wie eine Partystadt, in der die Leute jeden morgen mit der Blechtrommel geweckt werden. Ich schaute mir auf der Karte an, wo dieser Ort mit dem lustigen Namen lag. Er befand sich zwischen Sucre und La Paz, also direkt auf meiner Reiseroute. Wie Praktisch! Ich schrieb Susanne sofort eine Nachricht. Sie schrieb zurück, dass ich gerne vorbeikommen und dort in ihrer Gastfamilie wohnen könnte. Außerdem habe sie sowieso vor dem Famulaturbeginn noch zwei Wochen frei. Das klang alles noch viel praktischer und ich machte mich am Sonntag, den 10. August, mit dem Nachtbus auf in die Stadt mit dem lustigen Namen.

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Der Bus war komplett ausgebucht und ich war der einzige, anwesende blonde Mensch. Neben mir saß eine einheimische Mutti mit ihrem Kind auf dem Schoß. Beide versuchten während der Fahrt zu schlafen, wobei das Kind immer weiter zu mir rüberrutschte und letztendlich mehr auf mir als auf der Mutter schlief. Da die Kinder hier viel niedlicher sind als im Rest der Welt (die kleine Frida natürlich ausgenommen), machte es mir nicht viel aus. Auch ich versuchte zu schlafen. Das gelang mir allerdings nicht so richtig. Das Kind war dabei nicht das Problem, sondern eher die unbefestigten, holprigen Straßen, die mich immer wieder wachrüttelten. Außerdem hatte ich auch die ganzen Geschichten von gestohlenen Rucksäcken während nächtlicher Busfahrten im Hinterkopf. Die Fahrt dauerte 10 Stunden und es gab kein Klo im Bus. Allerdings hielt der Fahrer zwischendurch freundlicherweise für zwei Pinkelpausen. Bei der ersten Pause machten wir in einem kleinen Ort halt mit öffentlichen Klos. Bei der zweiten Pause war es schon stockfinster draußen und der Busfahrer rief nur: „El baño!“, was soviel hieß wie: Pinkelpause. Genau darauf hab ich schon eine Weile gewartet, schnappte meinen Rucksack und kletterte schnell aus dem Bus. Draußen guckte ich nach rechts und guckte nach links. Außer der Straße und der Böschung war weit und breit kein Klo zu sehen. Den Männern machte das natürlich nichts aus. Sie stellten sich in gewohnter Position an den Straßenrand. Dann kamen die Frauen aus dem Bus und hockten sich ganz selbstverständlich daneben. Da alle weite Röcke trugen, schien es für sie das Natürlichste auf der Welt zu sein. Da stand ich also und beobachtete das Pinkelverhalten der Einheimischen. Mir blieb nichts anderes übrig als mich einfach in den allgemeinen Strahl einzureihen, wenn auch etwas mehr abseits. Zum Glück hab ich meine lange Jacke angezogen, als ich aus dem Bus gestiegen bin.

IMG_1516_aMorgens um 4 Uhr kam ich in Cochabamba an. Susanne holte mich dort mit dem Taxi ab. Um diese Uhrzeit war es nämlich nicht ungefährlich irgendein Taxi am Busbahnhof zu nehmen, da die Taxifahrer auch gerne mal Touristen ausrauben. Unser Taxi fuhr uns jedoch unausgeraubt bis zu einer zweistöckigen Hauserhälfte. Dort führte mich Susanne kurz durch die große Wohnung bis sie mich an meinem Zimmer mit den vielen kitschigen Kuscheltieren ablieferte, wo ich sofort einschlief.

In dem Haus wohnte die gesamte Familie Zapata. Das untere Stockwerk wurde von Mariana, eine der drei Töchter, und ihrem Mann bewohnt. In der oberen Etage wohnte der Rest der Familie, also die Eltern Ninfa und Huvio mit den anderen beiden, ebenfalls erwachsenen, Töchtern Shirley und Stefany.

Mutter Ninfa fragte ich am nächsten Tag, ob ich meine Sachen dort waschen könnte. Sie hatte nichts dagegen und schmiss sofort die Waschmaschine an. Als ich mit Susanne aus der Stadt zurückkam, war Ninfa schon eifrig dabei meine Sachen zu bügeln. Ich kam ihr schnell zu Hilfe und versuchte ihr mit meinen nigelnagelneuen Spanischkenntnissen zu verstehen zu geben, dass das nicht nötig wäre. Sie hatte mich zwar verstanden, guckte mich aber trotzdem an wie ein Auto und sagte im strengen Ton: „Nosotros planchamos aqui!“ („Wir bügeln hier!“). ‚Aha‘, dachte ich, ‚hier wird also gebügelt.‘ Da sie immer noch hinter mir herumschlich, tat ich also so, als ob ich meine Sachen bügeln würde, bevor ich sie zusammenlegte. Da mir das Bügeltalent nicht in die Wiege gelegt wurde, war es ohnehin besser, dass ich das Bügeln nur vortäuschte um Gastmutter Ninfer zufrieden zu stellen.

Ab diesen Zeitpunkt war mir klar, wer in der Familie die gebügelten Hosen anhatte. Noch klarer wurde mir das, als ich an diesem abend mein Zimmer betrat. Alle meine Sachen waren zusammengelegt, das Bett war gemacht und sogar mein Kulturbeutel hing vorbildlich an der Gardinenschlaufe. Hinter mir tauchte Ninfa mit einem stolzen Grinsen auf und sagte sowas wie: „In diesem Haus herrscht Ordnung!“ und „Morgen räumst du dein Zimmer auf, bevor du gehst.“ Heute hatte sie das anscheinend für mich übernommen. Sie hat einfach ungefragt in meinen Sachen herumgewühlt und sie überall säuberlich im Zimmer verteilt. Sogar mein Handtuch, das ich zum Trocknen über den Stuhl gelegt habe, hat sie hübsch zusammengefaltet. Das ging mir etwas zu weit und mir platze fast mein ungebügelter Kragen.

Obwohl ich es eigentlich sehr spannend fand in einer Gastfamilie zu wohnen und mit ihnen Spanisch zu sprechen, war mir das etwas zu viel Familiengefühl für den Anfang. Ich war sehr froh, dass Susanne und ich geplant hatten für die nächsten drei Tage nach Villa Tunari zu fahren.

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IMG_1522_aVilla Tunari war ein kleiner, ruhiger Ort im Regenwald Boliviens mit tropischen Temperaturen. Man konnte von dort aus verschiedene Parks mit exotischen Tieren und Pflanzen besichtigen und Wildwasserrafting machen. Für letzteres meldeten wir uns gleich nach unserer Ankunft bei der Touristeninformation an, die eigentlich ein wackeliger Stand aus Bambussträuchern am Straßenrand war. Allerdings kam es nie zum Rafting, denn der Regenwald begrüßte uns mit sinnflutartigen Regenfällen, die ganze zwei Tage lang andauerten. Wir saßen also im Hostel fest und schauten dem Regen zu und dem Fluß vor unserem Hostel, der immer mehr anstieg.

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IMG_1628_aAls wir auf das Ende des Regens warteten und mit einem kleinen Straßenhund spielten, begegnete uns Biman aus Srilanka. Er hatte einen Beutel selbstgemachter Sandwiches dabei, die er uns verkaufen wollte. Wir lehnten dankend ab, kamen aber trotzdem mit ihm ins Gespräch. Er erzählte uns, dass er schon eine ganze Weile unterwegs ist. Vor ein paar Wochen hatte er seinen Rucksack verloren und hält sich seitdem mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Er erzählte, dass dieser Verlust für ihn eine Art spirituelles Erlebnis war. Dadurch wurde ihm klar, dass die Einstellung zum Leben wichtiger war als sein Besitz. Seitdem er seinen Rucksack verloren hatte begegnete er ständig Leuten, die ihm helfen wollten. Bolivianische Familien und andere Reisende boten ihm Essen und Schlafplätze an. Er erklärte sich das mit dem Gesetz der Anziehung. Wenn man positive Energie ausstrahlt, bekomme man positive Energie zurück. Wir unterhielten uns schließlich den ganzen Tag und den ganzen abend mit ihm über seine spirituelle Theorie, Gott und die Welt. Ich wusste nicht immer, was ich von den Sachen halten sollte, die er erzählte. Ich wußte nur, dass ich es sehr interessant fand, auch wenn es die ganze Zeit geregnet hat.

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IMG_1657_aDie Affen waren sehr zahm und hingen einfach nur entspannt herum. Wir haben sie gestreichelt und sie sind auf uns herumgeklettert. Am dritten Tag hat es endlich aufgehört zu regnen. Susanne und ich sind an dem Tag nicht nur in einem Affenpark herumspaziert, sondern mit einem extrem klapperigen Taxi ohne Fensterscheiben zu einem zweiten Park gefahren. Dort hat uns ein netter Herr viel über die regionalen Pflanzen und Tiere erzählt und uns eine Cobra in die Hand gedrückt.

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IMG_1736_aAm abend ging es wieder zurück nach Cochabamba zu Familie Zapata. Die ganze Familie versammelte sich um den Abendbrotstisch und wollten alles ganz genau wissen. Nachdem ihr Wissensdurst gestillt war, verlagerte sich die vollzählige Familie plötzlich ins Wohnzimmer vor den Fernseher. Dort verfolgten alle gespannt eine Seifenoper, in der sich ein Familien- und Liebesdrama ans nächste reihte. Es gab keine Szene in der die schlechten Schauspieler nicht in dramatischen Streitgesprächen oder tränenreichen Situationen verwickelt waren. Obwohl in keine der Szenen gebügelt wurde, verfolge Ninfa gespannt das Geschehen.

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Cachi und Salsa (Sucre)

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Ihr Name kommt nicht von dem spanischen Wort für Zucker, wie ich anfangs dachte. Sie wurde nach einem Freiheitskämpfer benannt. Aber ihre Häuser sind weiß wie Zucker. Ihre Straßen sind eng und die Gehwege noch enger. Als ich dort ankam und über den Plaza ging, gefiel sie mir sofort. Sie wirkte entspannt und sauber. Dort, in Sucre, wollte ich ein bißchen länger bleiben und endlich mehr Spanisch lernen.

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IMG_1310aIch hab mir ein irisches Hostel ausgesucht, in dem sich auch gleich eine Sprachschule befindet. Wie sich herausstellte, konnte ich dort umsonst schlafen, wenn ich mindestens eine Woche 3 Stunden Unterricht nehme. Genauso hatte ich mir das vorgestellt. Für den ersten abend in Sucre war ich mit Suzanne aus den Niederlanden (die ich mit den anderen beiden Mädchen in Potosi getroffen habe) zum Abendessen verabredet. Als wir das Restaurant betraten, sahen wir Sara (auch eins von den Mädchen aus Potosi) mit zwei Jungs am Tisch sitzen. Wir gesellten uns dazu und ich lernte Chris aus Österreich kennen, der mit Sara in einer Gastfamilie wohnte und ebenfalls Spanisch lernte. Er sagte mir, ich solle am nächsten abend auch wieder mitkommen. Genauso hatte ich mir auch das vorgestellt. Also kam ich am nächsten abend zum vereinbarten Treffpunkt und lernte den Rest der Sprachschülergruppe kennen: Barbara (das dritte Mädchen aus Potosi) war dabei, Armin aus Deutschland, der Bruder von Chris und ein Pärchen aus Hannover, das zweite, das ich auf meiner Reise bisher getroffen habe. An den darauffolgenden abenden kamen immer mal wieder neue Leute dazu.

IMG_1481aBarbara hatte eine sehr interessante Geschichte. Sie lernte nicht einfach nur Spanisch in Sucre, sondern besuchte dort auch ihre leibliche Familie. Aufgewachsen ist sie zwar in Deutschland, geboren wurde sie allerdings in Bolivien. Bei der Geburt starb ihre Mutter und die restliche Großfamilie war zu arm um sie und ihren Zwillingsbruder aufzuziehen. Also wurde Barbara und ihr Bruder von einem deutschen Ehepaar adoptiert. Die Treffen mit ihrer leiblichen Familie waren immer sehr intensiv, erzählte sie mir. Die gesamte Großfamilie kam bei diesen Treffen zusammen, alle nahmen sich Zeit und kochten jedesmal ein großes Familienessen. Da die Familie nur Quechua spricht, bekam Barbara Hilfe von einer Übersetzerin. Barbara beschrieb es als komplett andere, aber unglaublich herzliche Welt.

IMG_1425aDie Sprachschüler waren für die nächsten zwei Wochen meine Sucre-abend-Gesellschaft und Spielkameraden. Wir trafens uns jeden abend zum Essen in einem anderen Lokal. In Bolivien ist auswärts Essen nämlich günstiger als selber kochen. Nach dem Essen haben wir oft irgendwelche Spiele gespielt, sämtliche Karten- und Gesellschaftsspiele, die wir finden konnten. Ich habe lange nicht mehr so viele und so oft Spiele gespielt wie in Sucre. Komischerweise habe ich bei diesem Spielemarathon fast immer gewonnen, sogar beim Pokern, wovon ich eigentlich kaum Ahnung hatte. Poker hab ich manchmal während des Studiums gespielt, allerding nur mit Salzstangen-Einsätzen und mit Hilfe von anderen Kommilitonen. Ein Pärchen aus Kalifornien lud mich und ein paar andere Leute in ihre Ferienwohnung zum Pokerabend ein. An diesem abend lernte ich nicht nur richtig Pokern sondern ich lernte auch die eigenartige Mentalität dieses kalifornischen Pärchens kennen. Diesmal wurde allerdings nicht um Salzstangen gespielt, sondern um kleine Geldbeträge (immerhin 50 Bolivianos=5 Euro). Als ich mir noch einmal die Regeln erklären ließ, verdrehte ein Typ aus Australien leicht genervt die Augen. In den ersten Runden verlor ich meine eingesetzten Chips. Dann sagte Lena, die auch mit am Tisch saß: „Du musst nicht immer gute Karten haben. Du kannst auch einfach bluffen.“ Das probierte ich gleich aus und es funktionierte tatsächlich. Manchmal hatte ich auch, ohne es wirklich zu wissen, gute Karten, mit denen ich gewann. Es machte dann richtig Spaß. Ich weiß nicht genau wie, aber nach zwei Stunden hatte ich meinen Einsatz verdoppelt und die meisten Chips von allen. Außerdem war es schon sehr spät und ich wollte gehen. Lena, die ganz in meiner Nähe wohnte, wollte sich mit mir zusammen auf den Weg machen. Das kalifornische Pärchen, das den ganzen abend fast übertrieben fröhlich und aufgedreht war, wurde plötzlich sehr unfreundlich und patzig. Nur sehr widerwillig zahlten sie mir meinen Gewinn aus. Alle waren sehr verdutzt und der Abschied war überaus frostig. Vielleicht wären Salzstangen doch besser gewesen.

IMG_1370aCachi ist ein traditionelles bolivianisches Spiel, das sehr viel Ähnlichkeit mit Kniffel hat. In einem Cafe in Sucre ist jeden Donnerstag Cachi-abend. Man spiel dort in Zweiter-Teams gegeneinander. Ich war mit Armin in einem Team. Unsere ersten Gegner waren zwei Schweizer, die schon einige Jahre in Sucre wohnten. Sie waren ganz vernarrt in dieses Spiel und hatten sogar eine eigene Würfeltechnik. Die bestand darin den Becher mehrmals kräftig auf den Tisch zu hauten, wobei ich anfangs leicht erschrak. Freundlicherweise klärten uns die beiden Cachi-Profis über die speziellen Spielregeln und ihre bisherige Siegesgeschichte auf. Auch ich entwickelte eine eigene Würfeltechnik, bei der ich versuchte mir die Zahlen in irgendwelchen Zusammenhängen vorzustellten. Also eine drei sind zum Beispiel drei kleinen Schweinchen, eine sieben sind die sieben Zwerge und so weiter. Das schien zu funktionieren. Am Ende hat unser Team tatsächlich gewonnen. Wir haben einen Gutschein für ein Abendessen, eine Flasche Wein und eine Flasche Singari (Nationalschnaps Boliviens) bekommen. Das beste war allerdings ein verzierter Cachi-Würfelbecher inklusive Würfeln, den Armin mir überlassen hat.

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IMG_1393aIMG_1381bDie gewonnenen Flaschen teilten wir am nächsten abend mit den anderen in der Wohnung der Gastfamilie von Sara und Chris. Danach quetschten wir uns mit 11 Leuten in zwei Taxis und fuhren zu einem Salsa-Club. In der Sprachschule hatten wir einen Salsa-Crashkurs bekommen. Die rhythmischen Bewegungen sahen zwar bei Vielen noch sehr holzig aus, aber wir wollten sie dort trotzdem zum Besten geben. Manchmal ist es ganz gut in Südamerika blond zu sein, denn wir Mädels wurden schnell von den Bolivianern im Club aufgefordert. Das war sehr gut, denn sie hatten wohl ordentlich Salsasauce intus, mit der sie führen und tanzen und mich herumwirbeln konnten wir in einem schlechten Tanzfilm. Diese bolivianischen Tanzfreunde danach wieder loszuwerden war allerdings die andere Seite vom Parkett. Nach dem Salsavergnügen quetschten wir uns wieder mit viel zu vielen Leuten in zwei Taxis und führen in einen anderen Club. Dort packte jeder seine besten und witzigsten Bewegungen aus und wir tanzten als gäbe es kein Morgen. Es war eine verrückte Nacht. Tanzen macht glücklich!

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IMG_1488aNach einer Woche in Sucre wechselte ich das Hostel und auch den Sprachunterricht. Ich hatte mal wieder Lust auf ein Einzelzimmer. Außerdem wollte ich an der Sprachschule, von der die anderen so schwärmten, ebenfalls Unterricht nehmen. Also landete ich bei der Sprachlehrerin Sara und bekam sogar Einzelstunden. Sara erzählte gerne. Sie erzählte mir in einer Mischung aus Spanisch und Englisch, also in Spenglisch, viel über die Politik in Bolivien und den Präsidenten Evo Morales. Er ist das erste indigene Staatsoberhaupt, besitz allerdings kaum eine Ausbildung. Die Meinungen zum Präsidenten polarisieren stark. Doch er hat viele Anhänger in der indigenen Gesellschaft, die die Mehrzahl der Bevölkerung Boliviens bildet. Eigentlich dachte ich: „Voll gut, dass hier das indigene Volk nicht einfach in Reservate weggesperrt wurde“, aber die ganze Geschichte ist viel zu komplex, um sich so einfach eine Meinung zu bilden.

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IMG_1286aAm 6. August war Boliviens Nationalfeiertag und die ganze Stadt hat eine große Parade zu Ehren des bolivianischen Präsidenten vorbereitet, die schon zwei Tage vorher mit viel Getrommel und bunten Kostümen durch die Stadt zogen. Sara erzählte mir aber nicht nur davon, sondern auch viele andere Dinge über Bolivien und ich ihr über Deutschland. Am Ende half sie mir sogar noch bei ein paar organisatorischen Sachen mit der Bank und meinem Handy, das immer noch nicht funktionierte. Im Unterricht lernte ich die nötigsten Vokabeln und Regeln für den alltäglichen Gebrauch und konnte mich sogar mit Vivien aus der Schweiz einen ganzen abend auf Spanisch unterhalten, weil sie nur französisch und ganz wenig Englisch sprach. Obwohl wir uns oft nicht verstanden, verstanden wir uns ausgezeichnet.

IMG_1470aSie war nicht nur weiß wie Zucker, sondern auch sehr hilfsbereit, gesellig, gemütlich und während der Parade am Nationalfeiertag sogar sehr lebhaft und bunt. Ich fühlte mich in ihr pudelwohl, auch wenn mich hier einer der vielen herumstreunenden Hunde fast gebissen hätte. Wir mochten uns, aber nach zwei Wochen wußte ich, dass ich sie wieder verlassen muss. Also verabschiedete ich mich von Sucre, denn Cochabamba klopfte bereits bei mir an und wartete auf mich.

p.s. Wenn man auf die Bilder im Text klickt, werden die groß:)

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Ganz weit oben und unten (Potosi)

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Als ich aufwachte, fühlte ich mich wie verkatert oder als ob ich einen Bleihelm aufhätte, auf den jemand ständig draufhauen würde. Mein Kopf tat weh, ich fühlte mich schlapp und mir war etwas schwindelig. Sebas, Marie und das australische Pärchen waren schon längst aufgestanden. Ich setzte mich im Schlafanzug zu ihnen an den Frühstückstisch. Sie meinten, ich solle mal ein paar Kokablätter kauen und Kokatee trinken, damit das besser würde mit der Höhenkrankheit. Doch auch nach dem Frühstück mit Kokatee und -blättern merkte ich noch immer die ca 4000 Meter hohe Stadt Potosi mit ihrer dünnen Luft in meinem Kopf.

IMG_1223aMit meinem gefühlten Bleihelm sammelte ich meine schmutzige Wäsche zusammen und brachte sie zur Rezeption. Danach setzte ich mich wieder ins Foyé auf die Couch und beobachtete die beiden älteren bolivianischen Herren, die das Hostel leiteten. Das Telefon klingelte. Der eine Herr schrie vom zweiten in den dritten Stock zu dem anderen Herren, dass das Telefon klingelt. Der andere Herr schrie irgendetwas zurück. Irgendwann schlurfte einer der beiden Herren grummelig murmelnd zum Telefon. Kürz darauf tauchte der andere Herr in der zweiten Etage auf, schrie wieder etwas zu dem Herrn im Erdgeschoss und warf Bettwäsche herunter, die der Herr im Erdgeschoss auffing. Dieses Spiel konnte man stundenlang beobachten. Die ganze Zeit brüllte es in einem nuscheligen Spanisch vom Erdgeschoss in die zweite Etage oder von der ersten Etage in die Rezeption oder von der Küche zurück in die zweite Etage. Kommunikation auf ein und der selben Etage oder sogar im selben Raum gab es hier nicht.

IMG_1204aSebas, Marie und das australische Pärchen wollten etwas essen gehen und danach in die Stadt. Ich hatte kaum Hunger, ging aber mit. Nach dem Essen ging ich wieder ins Hostel und legte mich ins Bett. Nach dem Gang zum und vom Restaurant fühlte ich mich wie eine alte Frau mit Atemschwäche. Die  anderen kamen auch bald wieder zurück aus der Stadt und schmiedeten Pläne für den Abend und die Weiterreise. Dabei merkte ich nicht nur den Bleihelm klopfen, sondern auch den Gruppenkoller, der so langsam immer lauter klopfte. Es war anfangs angenehm, dass Sebas und Marie gut Spanisch konnten und mir alles übersetzen konnten. Es war auch angenehm, dass ich kaum noch selber Entscheidungen treffen musste, weil das vier andere Leute übernahmen. Ich musste auch nicht mehr so viel Angst vor Überfällen haben und hatte immer Gesellschaft. Aber ich wollte selber mit den Leuten auf der Straße Spanisch reden, auch wenn ich es nicht konnte und ich wollte selber mit den Leuten auf dem Markt verhandeln und ich wollte selber entscheiden, wann wo und was ich esse und unternehme, auch wenn meine Sicherheit dadurch etwas gefährdet war. Also beschloss ich noch ein paar Tage länger als die anderen in Potosi zu bleiben.

IMG_1197aAls ich am nächsten Tag aufwachte, war der Bleihelm auf meinem Kopf schon fast verschwunden. Am Vormittag besichtigte ich noch eine Kirche mit den anderen und verabschiedete mich dann von ihnen. Ich glaube, sie konnten nicht so richtig verstehen, warum ich freiwillig alleine weiterreisen wollte. Aber das war mir egal. Ich hab mich schon an die erstaunten Blicke gewöhnt, wenn mich Leute fragten, ob ich denn ganz alleine reisen würde und dann auch noch als blonde Frau, die kaum Spanisch sprach. Vielleicht hatten sie recht, aber ich war wieder frei, konnte wieder alles alleine entscheiden ohne Kompromisse, musste aber auch wieder alles alleine regeln. Ich gab den einen der beiden brüllenden Herren zu Verstehen, dass ich meinen Aufenthalt verlängern möchte, ich tauschte chilenische Pesos in Bolivianische Bolivianos. Ich kaufte ein bisschen Verpflegung und einen Groschenroman auf Spanisch, den ich im Hostel gegen einen Südamerika-Reiseführer eintauschte (Mein Lonely Planet wurde auch beim Überfall geklaut). Ich rannte durch die Stadt, verlief mich ein paar Mal, fand dann aber ein nettes Restaurant. Das alles war oft nicht so einfach, da in Bolivien anscheinend noch weniger Leute Englisch sprechen, als in Chile. Aber es klappte irgendwie, auch wenn ich mir wünschte besser Spanisch sprechen zu können.

Die Lösung meines Sprach-Problems zog gleich am nächsten Tag in mein Zimmer ein: Suzanne, Sara und Barbara, jeweils aus den Niederlanden, den USA und Deutschland. Sie nahmen alle Spanischunterricht in Sucre und erzählten mir, dass Sucre eine wirklich schöne Stadt ist, in der man prima Spanisch lernen konnte.

IMG_1242aBarbara begleitete mich spontan auf die geführte Tour in die Silbermine Potosis. Potosi war wegen ihres Silbervorkommens einst eine sehr wohlhabende Stadt. Noch heute arbeitet der Großteil der Einwohner dort unter gefährlichen Arbeits- und Sicherheitsbedingungen. Ich war mir anfangs nicht sicher, ob ich diese Tour machen sollte. Den Bergleuten bei ihrer Arbeit zuzugucken wie Tieren im Zoo, erschien mir etwas befremdlich. Doch dann sagte man mir, dass am Wochenende kaum Arbeiter in der Mine sind und zum Glück entschied ich mich dafür. Es war eine sehr intensive Erfahrung. Wir bekamen spezielle Kleidung und Stiefel. Und nachdem ich meinen gefühlten Bleihelm gerade erst losgeworden bin, bekam ich wieder einen Helm, mit einer Lampe vorne dran. Wir fuhren mit dem Bus zur Mine. Die Tour wurde von Ex-Minenarbeitern geleitet. Sie hatten kleine Plastikbeutel mit Kokablättern dabei, die sie sich pausenlos in den Mund steckten bis sie eine dicke Backe hatten. Der Guide erzählte uns, dass das alle Arbeiter machen, bevor sie in die Mine gehen. Das hält wach und unterdrückt den Hunger. In der Mine, wo sie 8-10 Stunden arbeiten, können sie nichts essen. Manche arbeiten auch ganze zwei Tage durch.

IMG_1253aEs war dunkel, es war feucht, es war eng und die Luft war sehr stickig. Wir mussten oft gebückt die enge Wege entlanggehen und krochen sogar manchmal auf allen Vieren durch schmale Seitengänge. Unterwegs begeneten uns dann doch zwei Arbeiter, die ein etwas gequältes Lächeln aufsetzten, um sich mit ein paar Mädchen aus der Reisegruppe fotografieren zu lassen. Tiefer und tiefer gelangten wir in die Mine, wo die Luft immer staubiger und heißer wurde. Diese heiße, stickige und staubige Luft brachte mich an meine Grenzen. Ich fühlte mich kurzzeitig etwas schwindelig und ich war mir nicht sicher, ob mir nicht doch jeden Moment schwarz vor den Augen wird und ich einfach umkippe.

IMG_1247aAls wir in der sogenannten dritten Ebene, ziemlich weit unter der Erde, angekommen waren, erzählt der Guide von der Minenarbeit und den Arbeitern. Viele Kinder beginnen bereits im Alter von 10 bis 13 Jahren in der Mine zu arbeiten, oft weil der Vater früh verstorben ist und die Familie Geld braucht. Fast alle diese Kinder arbeiten ihr ganzes Leben dort und dieses Leben ist sehr kurz. Die meisten von ihnen werden nicht älter als 30 oder 40 Jahre. Die häufigste Todesursache sind Lungenerkrankungen, da die Arbeiter tagtäglich die staubige Luft und Quecksilberdämpfe einatmen. Doch das ist nicht die einzige Gefahr. Viele Arbeiter sterben auch in der Mine bei Explosionen oder durch andere Arbeitsunfälle. Um das zu verhindern, opfern sie einem selbstgebauten Teufel, den sie Tio (Onkel) nennen, Zigaretten, Kokablätter und hochprozentigen Alkohol. Dabei bitten sie darum, dass er sie in Ruhe lässt und sie nicht in der Mine sterben lässt.

IMG_1257aIhr Leben ist kurz und ohne Perspektive. Das wissen die Arbeiter. Wenn sie nicht arbeiten leben sie für den Moment und versuchen ihn mit vielen Frauen, viel Alkohol und vielen Parties zu genießen. Auf der anderen Seite sind sie trotzdem sehr stolz auf ihre harte Arbeit, für die sie allerdings nur wenig Geld bekommen. Als ich das alles erfahren habe, fühlte ich mich komisch. Vor meiner Reise habe ich mich so oft über meinen alten Job geärgert, der aber überhaupt nicht zu vergleichen ist mit der harten und gefählichen Bergarbeit. Auch die Kinderarbeit erschreckte mich. In Sucre habe  ich später erfahren, dass die Kinder keine Alternative haben und sogar auf die Straße gegangen sind, als der bolivianische Präsident die Kinderarbeit verbieten wollte. In Sucre habe ich auch einen sehr guten Dokumentarfilm über die Minenarbeit in Potosi gesehen. Er heißt „The Devils miner“. Hier der Trailer.

IMG_1262aMit den anderen drei Mädels aus meinem Zimmer bin ich am nächsten Morgen weiter nach Sucre gefahren, um dort mehr Puzzleteile zu sammeln für mein Bild von Bolivien und um Spanisch zu lernen.

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Viel Salz und viel Sand (Salar de Uyuni)

IMG_0888a12 Leute in einem Bus, Warten am Grenzübergang nach Bolivien, Zettel ausfüllen. Es war furchtbar windig und kalt beim ersten Stop. In einem kleinen Häuschen mussten wir die Zettel abgeben. Auf einem Klapptisch neben den Jeeps wurde das Frühstück aufgebaut. Kurze Zeit später standen die Fahrer auf den Dächern der Jeeps und gaben die Anweisung unsere Badesachen auszupacken. Dann sollten wir ihnen die Rucksäcke reichen, damit sie dort oben befestigt werden konnten. Mit steif gefrorenen Fingern und in einer Hand noch das angebissene Käsebrot versuchte ich den Bikini aus meinen großen Rucksack zu kramen während mir der Wind um die Ohren peitschte. Der Mann auf dem einen Dach gab mir zu verstehen, dass ich mich beeilen soll. Danach wurden aus den 12 Leuten im Bus jeweils 6 Leute in 2 Jeeps. Marie, Sebas und ich saßen in einem Jeep mit drei anderen Deutschen. Einer davon war Marius, der ein Semester in Valparaiso (Chile) studiert hatte und jetzt mit seinem kleinen Bruder und seiner Mutter durch die Gegend reiste. Der Fahrer sprach ausschließlich Spanisch und ich war wiedermal auf die Übersetzung von Marie und Sebas angewiesen. Alle saßen mehr oder weniger bequem auf ihren Plätzen und los ging die 3-tägige Tour zum Salar de Uyuni, dem mit mehr als 10.000 Quadratmetern größten Salzsee der Erde.

IMG_0852aWie fuhren stundenlang durch die Wüste, hielten an, stiegen aus, machten Fotos, stiegen wieder ein und fuhren weiter. Es blieb sehr kalt und sehr windig. Außerdem wurde die Luft immer dünner, da wir in Höhen zwischen 2500 und 5000 Metern über dem Meeresspiegel hin -und herfuhren, ein- und ausstiegen. Bewegungen wurden anstrengender und langsamer. Meine Puste ging schnell aus. Ich fühlte mich wie eine alte Frau.

IMG_0964aDer Jeep hielt oft an. Er stoppte an beeindruckenden Lagunen, an skurrilen Landschaften mit eigenwilligen Felsformen, an Vulkanen und an dampfenden Geysiren. Wir sahen Flamingos, Lamas und hasenähnliche Tiere, die etwas Ähnlichkeit mit Pikatchu von den Pokemons hatten. Der Jeep hielt auch an einem alten Friedhof, in dessen Grabstätten man Skelettüberreste und Grabbeigaben entdecken konnte. Wir aßen traditionelles Essen und wir schliefen in einer Herberge in 5000 Metern Höhe sowie in einem Hotel aus Salz.

IMG_0968aMit einer deutschen Familie den begrenzten Raum und Zeit in einem Jeep zu verbringen, war anfangs ernüchternd. Es gibt da nämlich dieses Phänomen auf Reisen, dass Deutsche wohl nicht so gerne mit anderen Deutschen reisen, sondern lieber mit exotischeren Nationalitäten. Phänomen hin oder her, die Atmosphäre im Jeep war trotzdem entspannt. Marie und Marius erprobten ihre Spanischkenntnisse mit dem exotischen, bolivianischen Fahrer, Sebas genoss überwiegend schweigend die Aussicht aus dem Fenster, Marius kleiner Bruder klärte uns über deutschen HipHop auf und die Mutter überraschte immer wieder mit absurden Kommentaren. Ich versuchte ab und an kleine Gruppenspiele anzuregen, die allerdings nach kurzer Zeit wieder im Wüstensand verliefen. Im zweiten Jeep saß unter anderem ein fotofreudiges Pärchen aus Chile. Die beiden machten nicht nur Fotos in allen denkbaren Posen von sich selber, sondern wollten sich auch oft mit mir fotografieren lassen, wobei sie mich einfach nur Alemania nannten: „Alemania, Foto, Foto!“ Wir hatten eigentlich nicht viele Worte gewechselt, aber man kann mich (Alemania) jetzt wahrscheinlich in ihrem Fotoalbum bewundern.

IMG_0875aAm dritten Tag erreichten wir vor Sonnenaufgang den Salar de Uyuni. Wieder einmal war unser Jeep nicht der einzige, der zu dieser Zeit hier hielt. Mit vielen anderen Touristen, die aus vielen anderen Jeeps ausstiegen, kletterten wir auf einen Berg, der von Kakteen übersät war, um von dort oben den Sonnenaufgang über den Salzsee zu sehen. Anschließend fuhr unser Jeep direkt auf den See. Dort erstreckte sich eine weiße Fläche mit einem wabenähnlichen Muster über eine endlos scheinende Fläche. Salz, überall Salz, aber zum Glück keine weiteren Touristen in Sicht. Vor dieser surrealen Kulisse machten wir Fotos während wir sprangen, lagen, saßen, in seltsamen Positionen, einzeln und in der Gruppe. Als alle genügend facebook-Material im Kasten hatten, ging es nicht weiter nach Uyuni (der Stadt), sondern zu einem kleinen Ort in der Nähe.

IMG_0778aIMG_1150aIMG_1128aIn Uyuni, wo die Tour eigentlich enden sollte, gab es schon seit Tagen Unruhen und Demonstrationen. Ich wusste nicht genau, was ich davon halten sollte. Viele waren davon beunruhigt, da es die Weiterreise erschwerte. In dem kleinen Ort, in dem unsere Tour endete, fuhren keine Busse und die wenigen Taxifahrer nutzten die Situation, um uns Wucherpreise anzubieten. Ein australisches Pärchen aus dem zweiten Jeep wollte ebenfalls weiter Richtung Norden reisen. Da standen wir nun, Marie, Sabas, das Australische Pärchen und ich. Wir überlegten hin und wir überlegten her. Dann sagte unser freundliche Fahrer, dass er doch weiter nach Uyuni fährt, uns bis dorthin mitnimmt und uns dann hilft weiterzukommen. Also kletterten wieder rein in den Jeep.

Es war ein verrückter Tag. Kurz nachdem wir nun endlich wussten, wie wir weiterkommen, brach ein Sandsturm aus. Wir sahen nichts mehr außer Sand, der um den Jeep herumwirbelte und sogar durch die undichten Ritzen bis zu uns in den Jeep wehte. Der Fahrer stoppte kurz, fuhr dann jedoch gemütlich weiter. Ich weiß wirklich nicht, wie er trotz Sandsturm den Weg nach Uyuni durch die immer gleichaussehende Wüstenlandschaft fand, aber er fand ihn. Uyuni sah nach dem Sturm aus wie eine verlassene Geisterstadt. Auch die Unruhen waren wie weggeweht. Hier traf unser Fahrer auf dem Busbahnhof zufällig einen Bekannten, der uns mit seinem Jeep nach Potosi bringen konnte. Also kletterten wir inklusive Surfbrett und Hula-Hoop-Reifen des australischen Pärchens in einen anderen Jeep. Auf der Fahrt unterhielt ich mich mit Jen, die schon seit 7 Jahren reist und immer ihren Hula-Hoop-Reifen dabei hat. Ihr Freund reist nirgendwohin ohne sein Surfbrett. Das funktioniert wohl ganz gut. Wenn er surft, macht sie Hula Hoop. Nach ungefähr 5 weiteren Stunden erreichten wir Potosi, eine der höchstgelegenen Großstädte der Welt. Das war gut. Nicht so gut warallerdings, dass der Fahrer wollte uns einfach am Stadtrand rauslassen wollte. Es war schon dunkel und wir hatten keinen blassen Schimmer, wo wir waren. Nach einigem Bitten brachte er uns dann glücklicherweise doch bis ins Stadtzentrum. Von dort aus machten wir uns auf die Suche nach einem Schlafplatz. Beim dritten Hostel, das wir fanden, hatten wir Glück. Nach diesem langen Tag, an dem wir viel Schlafsand in die Augen bekamen, fiel ich erschöpft ins Bett.

Puh, das war nicht nur ein langer Tag, sondern auch ein langer Text…

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