Wiedersehen und Abschied (El Bolson, Puerto Madryn, Santiago de Chile)

IMG_4344_aa

Wenn man gerne Zeit alleine verbringt, ist man nie einsam. Wenn man nicht gerne alleine ist, dann fehlt etwas. Mit dem alleine Reisen ist es ähnlich: Guckt man von oben, kann alleine reisen sehr schön, befreiend und abenteuerlich sein. Guckt man von unten, kann es aber auch anstrengend, beängstigend und einsam sein. Bei mir ging es manchmal von oben nach unten, aber die meiste Zeit reiste ich immer noch gerne mit mir herum, auch wenn ich dabei nicht wirklich allein war. Wenn ich es mal war, war es meistens eine schöne Aussicht von oben..

Nach meinem Abenteuer in Bariloche saß ich also wieder mit mir im Bus und fuhr nach El Bolson, einem kleinen Hippieort südlich von Bariloche. Die Hostels in diesem Ort waren komplett ausgebucht. Das einzige freie Zimmer, das ich finden konnte, befand sich etwas außerhalb der Stadt in einem hübschen kleinen Farmhaus. Dort teilte ich mir das Zimmer mit 4 Leuten aus Südafrika, die alle zusammen reisten. Wenn man sie einzeln antraf, waren sie sehr offen und interessant. Wenn sie aber alle zusammen hingen, diskutierten sie alles und lange: wo und was sie essen wollten, was sie machen wollten, wer was bezahlte und so weiter. In diesen Momenten war ich sehr froh, dass ich alle Entscheidungen nur mit mir selber ausdiskutieren musste und das war manchmal schon kompliziert genug.

IMG_4313_aaAlso beschloss ich mit mir selbst, dass ich in die Stadt gehen wollte, um den Hippie-Markt zu sehen, von dem mir alle erzählt haben. Als ich den Markt erreichte, fingen die Stände bereits an abzubauen. Doch es gab trotzdem noch viel zu sehen. An einem Stand entdeckte ich aufgeschnittene Milchpackungen, aus denen verschiedene Kräuter wuchsen. Das sah witzig aus und ich machte Fotos von den bepflanzten Packungen. Der Standbesitzer freute sich, dass seine Idee Beachtung fand. Es war ein älterer Herr mit langen Dreadlocks. Er erzählte mir, dass er eigentlich aus Venezuela stammt, schon viel gereist ist, auch zu Fuss, dass er getrennt von seiner Frau lebte, aber eine kleine Tochter hatte, die dort in die Waldorfschule ging. Es war interessant mit ihm zu reden. Ich wartete bis er seinen Stand abgebaut hatte, um mich weiter mit ihm zu unterhalten. Wir gingen gemeinsam in den nächsten Supermarkt und kauften dort Bier und eine große Tüte Chips. Der Sicherheitsmann am Eingang bat meinen venezuelischen Freund (dessen Namen ich leider vergessen habe) seine Tasche im Schließfach einzuschließen. Das war nicht ungewöhnlich in den Supermärkten dort. Allerdings hatte ich eine noch viel größere Tasche dabei und musste sie nicht einschließen. Die Leute im Supermarkt warfen mir komische Blicke zu, als ob sie sich fragten, warum ich denn mit so einem Typen herumlaufe. Ich fand das sehr amüsant. Nach dem Einkaufserlebnis gingen wir zu dem Farmhaus, in dem ich übernachtete und setzten uns in den Garten. Dort redeten wir den ganzen abend über alles mögliche: Über den Zauber des Lebens, über Spiritualität, über Südamerika, übers Reisen und so weiter. Irgendwann wurde mein venezuelischer Freund müde und machte sich auf den Heimweg. Für mich war das eine sehr ungewöhnliche, aber schöne Begegnung, die ich wahrscheinlich nicht gehabt hätte, wenn ich nicht alleine unterwegs gewesen wäre.

IMG_4357-aaIMG_4323_aaIMG_4325_aaAm nächsten Tag verließ ich El Bolson, saß wieder 20 Stunden im Bus und fuhr nach Puerto Madryn, an die Atlantikküste. Dort traf ich mich mit Remi aus Frankreich, den ich zusammen mit Ben im Hostel in La Paz (Bolivien) kennengelernt hatte. In dem Hostel in Puerto Madryn, in dem Remi und ich wohnten, tauchte auf einmal auch Alex aus England auf. Was für ein Zufall. Remi hatte mit Alex zusammen Trekkingtouren in Bariloche gemacht. Unsere Puerto Madryn Gang war nun komplett. Remi, Alex and ich liefen gemeinsam durch die Stadt, hingen am Strand rum, kochten zusammen und zogen abends durch die Clubs. Außerdem waren die beiden meine Modelle für meine seltsamen Fotoideen, bei denen sie auch meistens bereitwillig mitmachten. In Puerto Madryn war es schön nicht alleine zu sein.

IMG_4360_aaIMG_4369_aaIMG_4376_aaNach einigen Tagen zog es Remi weiter in Richtung Süden. Alex blieb noch ein paar Tage. Mit ihm machte ich eine Tour auf die Halbinsel  Valdés, ein weltbekanntes Naturreservat, das zum UNESCO-Weltnaturerbe gehörte. Dort tummelten sich Gürteltiere, Robben und Pinguine vor den Fotolinsen.

IMG_4436_aaIMG_4444_aaIMG_4453_aaIMG_4456_aaIMG_4466_aaIMG_4469_aaAußerdem war gerade Karnevalszeit. Plötzlich verwandelte sich der verschlafene Küstenort in eine kleine bunte Wundertüte. Die Stadt füllte sich mit Menschen, durch die Straßen zogen dekorierte Umzugswagen, bunte Trommelgruppen, passionierte Tänzer mit wackelnden Hüften und kreisenden Hintern. Es war so authentisch und lebendig, wie ein fröhlicher Knallbonbon.

IMG_4480_aaIMG_4527_aaIMG_4551_aaNach 2,5 Wochen in Patagonien kehrte ich nach Buenos Aires zurück. Dort holte ich meinen neuen Reisepass von der Deutschen Botschaft ab und verbrachte zwei weitere aufregende Wochen mit Ben. Ich wäre gerne noch länger geblieben, doch ich musste weiterreisen nach Neuseeland, ansonsten wäre mein Working Holiday Visum abgelaufen. Da standen wir also wieder, am Busbahnhof, zum zweiten Mal. Wieder mussten wir uns dort verabschieden, wieder machten meine Innereien schmerzhafte Verränkungen. Diesmal war es ein Abschied für immer oder zumindest auf ungewisse Zeit.

Mein Flug nach Auckland ging von Santiago de Chile. Ich kam zurück an den Ort, in dem alles begann, in dem ich mit nur zwei Wörtern auf Spanisch („Hola und „Ciao“) durch die Srtraßen lief und Completo aß, in dem ich ausgeraubt wurde, in dem ich aber auch wundervolle Menschen getroffen habe. Einer davon war Jona. Jona wartete auf mich am Busbahnhof, obwohl mein Bus zwei Stunden Verspätung hatte und ich ihm noch nicht einmal Bescheid sagen konnte, weil mein Handyakku alle war. Trotz der Warterei war Jona entspannt und überrascht, dass ich mich 8 Monate später mit ihm auf Spanisch unterhalten konnte. Nach einiger Zeit stand ich dann aber doch vor meiner Sprachbarriere. Ich winkte kurz rüber und wechselte wieder ins Englische. Jona fuhr mit mir in die Stadt. Er ist in Santiago aufgewachsen und freute sich mich dort herumzuführen. Wir aßen Completo (die chilenische Variante vom Hot Dog), trafen einen Freund von ihm, tranken Terremoto und andere lokale Getränke in einigen sehr populären und überfüllte Bars der Stadt. Abends brachte er mich zum Flughafen, wo ich beinahe meinen Flug verpasste. Und dann war es wieder soweit. Schon wieder musste ich mich verabschieden. Nicht nur von Jona und von Chile, sondern auch von Südamerika mit seiner mystischen Kultur, seinen lebhaften Menschen und seiner bunten Lebensfreude, von Empanadas, Arroz con Pollo, Ceviche, Choripan, Pisco, Pachamama, Kokablättern, Salsa, Raggaeton und den Latinos. Ich hätte es am Anfang nicht für möglich gehalten, aber ich hatte mich total verknallt in diesen magischen Kontinent. Wieder fühlte ich die schmerzhaften Verränkungen in meiner Magengegend, doch auch diesmal wusste ich es war kein Abschied für immer.

11169061_aa11158124_aa

Share

Ich will Abenteuer (Bariloche)

IMG_4136_aaJeder neue Aufbruch ist wie eine komplett neue Reise mit einem Gefühlssalat aus Neugier, Freude, Aufregung und etwas Angst. Obwohl ich schon seit sieben Monaten Leute kennenlernte und wieder verabschiedete, mich an Orte gewöhnte und wieder weiterreiste, war der Salat noch da. Die Portion ist kleiner geworden, hat sich relativiert, aber sie war immer noch die Vorspeise vor dem erneuten Aufbruch. Nachdem ich in Buenos Aires jeden Tag mit Ben und den Hostelleuten verbrachte, wollte ich nun wieder Abenteuer auf eigene Faust erleben. Also begab ich mich erneut auf den Weg ins Ungewisse, wieder mit dem Bus. Aber diesmal nicht vier Tage, sondern nur winzige zwanzig Stunden.

Ich war in Bariloche, der größten Stadt in den Südanden Argentiniens mit einer alpenähnlichen Postkartenkulisse. Hier wollte ich Abenteuer erleben. Damit begann ich gleich am nächsten Tag. Mit einem geliehenem Fahrrad fuhr ich 30 km den Circuito Chico entlang. Dieser Weg führte bergauf und -ab bewegte durch eine lebendige Postkarte mit idyllisch abgebildeten Bergen, Wäldern und Seen. Die Idylle wurde nur kurz von einem Hund gestört, der mich verfolgte und mich beißen wollte und von einem Abhang, an dem mein Fahrrad beinahe herunterrutschte, als ich eine Pause machte. Nach der Radtour kletterte ich auf den Berg Cerro Campanario. Von dort oben gab es eine Panorama-Aussicht auf die gesamte Postkartenmotividylle. Meine erste Erkenntnis nach diesen Abenteuerversuchen: Das war ja alles schon ganz nett, aber so richtig abenteuerlich war es noch nicht.

IMG_3998_aaIMG_3944_aaIMG_4032_aaIMG_4025_aaAlso war mein nächtes Abenteuer eine Wanderung in den Anden, die ich ganz alleine machen wollte. Ich fragte den wandererfahrenen Mann an der Rezeption im Hostel aus und suchte mir eine Route für einen 2-tägigen Trek aus, der eigentlich ein 3-Tages Trek war. So einfach wollte ich es mir nicht machen, ich wollte ja eine Herausforderung, ein Abenteuer. Doch ich konnte nicht einfach so loswandern. Ich brauchte etwas Vorbereitungszeit, um Informationen über die genaue Route und die Wetterverhältnisse zu bekommen, Proviant und Wasser zu kaufen und um meinen Trek im örtlichen Wanderbüro zu registrieren. Bei der Registrierung hatte ich kurz ein mulmiges Gefühl als sie mir eine Telefonnummer für den Notfall gaben. Doch das Gefühl wurde schnell wieder von der aufdringlichen Abenteuerlust weggedrängelt.

Am nächsten Morgen ging es los. An diesem Morgen schien mein Abenteuer fast zu scheitern, bevor es überhaupt begonnen hatte. Ich konnte die richtige Bushaltestelle nicht finden. Nachdem ich so gut wie alle wartenden Leute an den Haltestellen gefragt hatte, landete ich zum Glück im richtigen Bus. Am Cerro Catedral stieg ich aus und nahm den Lift, um auf den Berg zu kommen. Alles klappte, wie geplant, doch dort oben wurde es wieder unübersichtlich. Ich konnte den Anfang der Route nicht finden. Beim Herumfragen sagte man mir, ich solle einfach die Absperrung mit dem Gefahrenschild beiseite schieben. Das war also der Anfang meines Abenteuers: Eine Absperrung mit einem Schild, dass ich nicht genau verstand, auf dem aber irgendetwas mit „Achtung!“ stand.

IMG_4261_aaZwei Frauen, die ebenfalls die Route suchten, folgten mir. Wir gingen ein Stück gemeinsam bis zum Fuß des nächsten Berges. Eine von den beiden Frauen erzählte mir, dass sie ebenfalls den Jakobsweg gelaufen ist und wünschte mir einen „Buen Camino!“ als sich unsere Wege trennten. Danach ging es bergauf und ich fühlte mich tatsächlich wieder wie auf dem Jakobsweg. Ich folgte den Zeichen. Diesmal waren es keine gelben Pfeilen, sondern rote Punkte. Ab und zu kam ich vom Weg ab, doch irgendwann fand ich den roten Punkt wieder und merkte, dass ich viel zu schwierige Umwege gelaufen war. Meine zweite Erkenntnis war: Wenn man die richtigen Zeichen findet, war der Weg viel einfacher.

IMG_4159_aaNach kurzer Zeit begegnete ich einer argentinischen Großfamilie, die aus mehreren wandernden Erwachsenen und Teenagern bestand. Die waren alle ziemlich flink unterwegs. Ich ging ein Stück mit ihnen bis zu einer Weggabelung, an der wir gemeinsam eine Pause machten. Dort trennten sich auch unsere Wege. Die flinke Wanderfamilie wollte zum Refugium Frey, das sich ganz in der Nähe befand, ich wollte aber zum Refugium Jakob, das noch einen Tagesmarsch entfernt lag. Als ich ihnen meinen Plan mittteilte, begannen die Erwachsenen auf mich einzureden, dass ich doch lieber mit ihnen zum Refugium Frey wandern solle und am nächsten Tag zum Refugium Jakob, dass es noch so weit zu laufen wäre, dass ich ja ganz alleine unterwegs wäre und was, wenn was passieren würde, außerdem solle es Regen geben und der nächste Wegabschnitt zum Refugium Jakob ginge steil bergab und sei gefährlich, vor allem ganz alleine… Ich hörte mir das alles an und war kurz verunsichert. Doch ich wollte mein Abenteuer nicht so einfach aufgeben. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt zum Refugium Jakob zu laufen und das wollte ich auch immer noch machen. Also verabschiedete ich mich freundlich, ließ die flinke Wanderfamilie mit besorgten Gesichtern zurück und wanderte weiter in mein Abenteuer hinein.

IMG_4105_aaIMG_4088_aaIch musste feststellen, dass es wirklich steil bergab ging, sehr steil, sehr sehr steil. Bei jedem Schritt brachte ich Steine zum Rollen und bei jedem zweiten Schritt landete ich auf den Hosenboden. Es gab keinen markierten Weg mehr, keine roten Punkte und der Berg schien endlos zu sein. Ich dachte kurz daran umzukehren, doch der Weg zurück sah auch nicht einfacher aus. Also ging ich weiter bergab, ganz langsam. Schritt für Schritt, manchmal rutschte ich ein Stück auf dem Po, manchmal ging ich wie ein Krebs auf allen vieren. Ich war weit und breit die einzige Wanderin und deshalb war es egal, dass ich aussah wie ein Plumpsack. Andererseits war auch keiner in der Nähe der Hilfe holen könnte, wenn der Plumpsack ausrutschen oder stürzen würde. Die Notfallnummer nützte mir nichts, denn mit dem Handy hatte ich dort keinen Empfang. Die Wanderfamilie hatte nicht ganz unrecht. Es war etwas gefährlich. Aber ich wollte ja Abenteuer erleben, also musste ich irgendwie ohne Sturz diesen Berg herunterkommen.

IMG_4074_aaIMG_4100_aaIMG_4099_aaMeine Beine wurden unterwegs lahm, meine Hose riss auf, ich bekam ein paar Schrammen, aber ich kam irgendwann unten an. Ich war erleichtert und erschöpft. Danach ging der Weg relativ eben weiter. Als die roten Punkte mich über einen weiteren felsigen Berg führten, fing es tatsächlich an zu regnen, so wie die Wanderfamilie es vorausgesagt hatte. Es gab zwar keine rollenden Steine mehr, dafür aber rutschige Felsen, die durch den Regen noch rutschiger wurden. Wieder verwandelte ich mich in einen langsamen Plumpsack, der sich durch den Regen kämpfte und versuchte nicht auszurutschen. Immer noch war ich die einzige Wanderin weit und breit. Doch ich schaftte es auch diesmal. Als ich unten ankam, war ich wieder erleichtert und erschöpft. Allerdings fing langsam an zu dämmern. Ich musste mich beeilen vor Einbruch der Dunkelheit das Refugium zu erreichten. Der Wald, durch den die Zeichen führten, wollte einfach nicht enden. Ich kratzte meine letzten Kräfte zusammmen und begann sogar ein bisschen zu laufen, um schneller zu sein als die Dunkelheit. Völlig abgehetzt erreichte ich das Refugium Jakob. Ich war die Letzte, die dort eintrudelte. Jede Zelle meines Körpers war komplett ausgezerrrt, aber auch unglaublich stolz, dass sie es geschafft hatte. Meine dritte Erkenntnis unterwegs: Wenn ich mich von den Ratschlägen anderer aufhalten lassen würde, wäre ich nie so weit gekommen.

4148Das Refugium war eine Holzhütte mit ein paar Holztischen, Holzbänken, einer kleinen Kochstelle und einem Schlafsaal. Dort kochte ich mir Pasta mit Tomatensauce und setzte mich zu zwei Pärchen an den Tisch. Die meinten, dass das gefährlich sei so ganz alleine und wollten, dass ich am nächsten Tag mit ihnen zusammen wanderte. Der Weg am nächsten Tag war zwar lang, aber nicht sehr anstrengend und führte durch eine wunderschöne Landschaft. Ich wanderte mit den beiden Pärchen, wäre aber eigentlich lieber alleine unterwegs gewesen.

IMG_4242_aaIMG_4265_aaMeine letzte Erkenntnis unterwegs: Ich hätte mich an meine vorherige Erkenntnis halten sollen. Hätte ich auch diesmal nicht auf die gutgemeinten Ratschläge der anderen gehört, hätte ich den Weg in meinem eigenen Tempo genießen können. Hätte, hätte Fahrradkette. Zumindest bin ich auf diese Weise wieder zu einer neuen Erkenntnis gekommen.

 

Share

Im Bus und auf Bäumen (Buenos Aires)

IMG_3584_aa

Die Zeit. Manchmal kriecht sie wie eine pensinoerte Raupe, zieht sich wie ein alter Kaugummi oder fährt an uns vorbei wie ein rastloser Reisebus. Nach über einem Jahr Blogpause, in der ich Neuseeland, Australien, Indonesien und Thailand besucht habe, werde ich jetzt weitererzählen. Also dreh ich die Zeit einfach zurück zum Anfang des Jahres 2015 und befinde mich wieder in Südamerika.

IMG_3654_aaIch saß 4 Tage auf einem Semi cama Sitz (der sich um ganze 120° in eine halbliegende Position verstellen ließ), hörte Musik, schaute aus dem Fenster, las ab und an mal was und verschwand die meiste Zeit in meinen Gedanken. Die bewegten sich zurück und vorwärts, bremsten ab und an, hielten auch mal auf einer Raststation, waren mal langsamer und mal schneller als der Bus.

Nach der intensiven Zeit in dem Surferort Huanchaco (Peru), nahm ich von dort aus den Bus nach Buenos Aires. Viele haben mich für verrückt erklärt, denn die Fahrt dauerte vier Tage. Ganze vier Tage mit zwei Grenzüberfahrten, einem Buswechsel und ein paar Pinkel- und Esspausen. Doch ich hatte Lust auf Busfahren, nicht nur weil es viel günstiger war als Fliegen und ich in keiner großen Eile war, sondern weil ich vier Tage lang mit niemanden reden und nichts weiter machen musste als zu sitzen und aus dem Fenster zu gucken. Genau darauf hatte ich Lust. Vier Tage lang konnte ich mich von dem Rest der Welt abkoppeln, mich in meine Gedankenblase kuscheln und bewegte dabei auch noch weiter.

IMG_3611_aaIMG_3613_aaIMG_3609_aaIn Buenos Aires hatte mich mit Ben aus Sydney verabredet, den ich in La Paz (Bolivien) kennengelernt hatte. Nachdem ich am Anfang aus Versehen in dem seltsamen Hostel mit dem Namen „Sol“ (=Sonne) gelandet bin, trafen wir uns schließlich im Hostel „El Sol“ (=die Sonne) im schicken Stadtteil Recoleta wieder. Im „Sol“ gab es auf der Terrasse einen Mann, der die ganzen Tag regungslos vor sich hinstarrte, im „El Sol“ gab gesellige Reisende, die mich sofort in ihren bierseligen Kreis aufnahmen. Was für einen Unterschied so ein kleiner Artikel machen kann. Neben den Bierfreunden übernachtete in diesem Hostel auch gerade die Vorband der Foo Fighters, die in den nächsten Tagen alle zusammen in Buenos Aires einen Auftritt hatten. Das war ganz spannend. Die Vorband gab an einem abend auf der Dachterrasse ein Live Konzert und wurde von einem Fernsehteam interviewt, bei dem wir das Pulikum spielten und lautstark aupplaudierten.

IMG_3616_aaMit Ben verstand ich mich in Buenos Aires wieder vom ersten Moment an, eigentlich noch viel besser als vor drei Monaten in La Paz. Wir kletterten am ersten abend aufs Hosteldach, tauschten unsere Reiseabenteuer aus und verbrachten für die nächsten zwei Wochen jeden Tag miteinander. Manchmal hingen wir mit den anderen Leuten aus dem Hostel herum, zum Beispiel mit Antony aus Kanada, der tagsüber die meiste Zeit auf seinem Bett lag und „Trailerpark“ guckte. Oft gingen wir auch einfach stundenlang durch die heiße Stadt und verliefen uns in den Straßen. Wir machten verrückte Fotos und Sachen und waren wie herumstrolchende Kinder ohne ein Zuhause. Wir kletterten über Zäune, auf Bäume, schliefen in Parks oder spuckten von Brücken. Wir trieben uns auf Friedhöfen herum, auf Marktplätzen, tanzten Tango und tanzten durch die Clubs von Palermo. Wir machten die Stadt zu unserem Abenteuerspielplatz. Aber wir waren nicht nur Strolche, wir waren auch eifrige Erwachsene und verbrachten viel Zeit in der Biliothek. Dort arbeitete ich an meiner Bewerbung für Grafikdesignjobs in Neuseeland und Ben an seiner Bewerbung für einen Job als Produktdesigner in Buenos Aires. Ben half mir beim Formulieren meines englischen Anschreibens und ich half ihm beim grafischen Überarbeiten seines Portfolios. Wir teilten und tauschten unser Wissen, um dann abends wieder durch die Stadt zu strolchen. Ich zeigte Ben wie man als Darkwin Duck mit einem Tuch als Umhang nachts über eine Straßenkreuzung rennt und schnitt ihm die Haare. Ben reparierte meinen kaputten Reißverschluss und stellte mir ein Mixtape zusammen, nur das es kein Tape war, sondern ein Ordner mit mp3-Songs.

IMG_4586_aaIMG_3691_aaIMG_3680_aaIMG_3704_aa961693_aa11328775_10153411201138086_121644557_aa10965938_10155218544185002_201806175_aaIMG_4575_aaIMG_20150129_234311_aaEin besonderer Höhepunkt unserer Streif- und Strolchzüge war der Besuch des  Themenparks „Tierra Santa“. Eine mit Weihnachtskrippenfiguren überladene, bunte Welt aus Kunststoff, die  die Geschichte der Bibel in vielen einzelnen Szenen darstellte. In dramatischen Shows mit Neonlichteffekten und Kunstnebel wurde die Welt erschaffen und Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben. Am Eingang begrüßten uns als römische Soldaten verkleidete Leute und der Papst von einem riesigen Plakat aus. Es war faszinierend, absurd und unglaublich kitschig zugleich. Jede volle Stunde wurde eine riesige Jesusfigur aus einem Felsen herausgefahren. Zu dem spektakulären Aufstieg ertönte ein feierlicher Halleluja-Chor. Eltern versammelten sich ehrfürchtig mit ihren Kindern auf einer Tribühne, um dieses ehrwürdige Ereignis fotografisch einzufangen. Ich war auf seltsame Art und Weise beeindruckt von dem Spektakel und zur selben Zeit sehr amüsiert. Wir entschieden ein bisschen herumzustrolchen und eine lustige Fotoserie von uns in den verschiedenen Szenarien zu machen. Dabei kletterten wir auf den Figuren herum und versuchten uns vor den Sicherheitsleuten im Park zu verstecken, um dort zu übernachten. Doch diese römischen Soldaten waren einfach überall und begleiteten uns kurz vor der Schließung des Parks sogar persönlich zum Ausgang.

IMG_7475_aaIMG_7493_aaIMG_7544_aaIMG_7537_aaIMG_7504_aaIMG_7536_aaIMG_7592_aaIMG_7502_aaNach 2,5 Wochen Herumspielen in Buenos Aires, beschloss ich für zwei Wochen in den Süden Argentiniens (Patagonien) weiterzureisen. Der Aufbruch und Abschied von Ben und Buenos Aires fiel mir nicht leicht, doch er war durch einen unerwarteten Zufall nur auf Zeit. Ich musste wieder zurückkommen nach Buenos Aires, um meinen neuen Reisepass von der deutschen Botschaft dort abzuholen. Bei dem Raubüberfall am Anfang meiner Reise wurde mir unter anderem mein Reisepass gestohlen. Den habe ich in der deutschen Botschaft in Santiago de Chile neu beantragt und der war durch ein Missverständnis nun auf dem Weg zur deutschen Botschaft in Buenos Aires. Am Anfang ärgerte ich mich darüber, am Ende war ich sehr dankbar für diese Fügung.

IMG_3893_aaIMG_3921_aaIMG_3664_aaEs gibt so viele unterschiedliche Menschen mit so vielen unterschiedlichen Geschichten in dieser Welt. Manche bleiben nur eine Randnotiz, hinterlassen einen kurzen Witz oder eine absurde Anekdote, andere werden in kürzester Zeit zum Protagonisten für einen Satz, eine Seite oder ein ganzes Kapitel. Manche tauchen unter den komischsten Umständen zufällig oder geplant wieder zwischen den Zeilen auf. Manche stellen deine ganze Geschichte auf den Kopf, schütteln sie ordentlich durch und hinterlassen seitenlange Abenteuer, die eine Wandlung mit sich bringen oder auch nur den Moment des Geschehens in den Buchrücken eingravieren. Sie schreiben mit dir Geschichten, zu denen du immer wieder zurückblättern möchtest. Ben war so ein Protagonist. Wir malten unsere Abenteuer in ein quietschbuntes Bilderbuch. Ich war hin und hergerissen. Ich wollte noch nicht weiterblättern, doch meine Reisegeschichte war hier noch nicht beendet. Es gab noch so viel zu entdecken, zu sehen und zu lernen, über mich und die Welt. Also nahm ich den Stift in die Hand und reiste zu meinem nächsten Kapitel: Patagonien.

IMG_3682_aa11356202_10153411201028086_784965060_aa

Share