Wie mein blog in die Zeitung kam und die Abenteuer meiner Eltern

Meinen Eltern sind Flugzeuge sehr suspekt, sie fahren lieber mit ihrem Boot auf den lokalen Gewässern herum und erkunden die nähere Umgebung. Auch wenn sie selber noch keine weit entfernten Länder besucht haben, folgen sie mir auf der Landkarte. Sie hören sich meine Geschichten an und freuen sich über die weit gereisten Päckchen, in denen sie kleine Eindrücke von meinen Reisen finden, Dinge zum Schmecken, Anziehen, Hinstellen und Ausprobieren. Auch wenn meine Eltern lieber zu Hause bleiben, reisen sie mit mir.

Nach 8 Monaten in Südamerika staunten meine Eltern darüber wie lange ich schon von einem Land ins andere flatterte und ich staunte vor allem darüber wie das Geld still und leise von meinem Bankkonto flatterte. Es war der Zeitpunkt gekommen, an dem ich mir überlegen musste, wie ich auf Reisen Geld verdienen konnte. Dafür kam mir mein einjähriges Visum für Neuseeland gerade recht. Damit konnte ich reisen und arbeiten. Doch noch bevor ich nach Neuseeland weiterreiste um mir einen Job zu suchen, kam mir die Idee, dass ich vielleicht meine Blogtexte in Zeitungen veröffentlichen könnte, gegen ein Honorar, versteht sich. Ich erwähnte das kurz bei einem Skypetelefonat mit meinen Eltern.

Ohne das weiter zu kommentieren, gab mein Vater meine Blogadresse an einen Bekannten weiter, der bei der lokalen Tageszeitung arbeitete. Kurz darauf meldete sich ein Redakteur bei ihnen. Ihm gefiel mein Blog, trotzdem wollte er daraus nichts veröffentlichen. Südamerika war zu weit weg von klein Jatznick. Es fehle der regionale Bezug. Stattdessen wollte der Redakteur einen Artikel über meine Eltern, meine Reise und meinen Blog schreiben. Die ganze Zeitungssache lief plötzlich in eine ganz andere, unerwartete Richtung. Einige Tage später stand ein rasender Reporter bei meinen Eltern vor der Tür, stellte einige Fragen und knipste ein paar Bilder. Mir schickte der Reporter auch einige Fragen per email und ich schickte ihm Fotos. Meine Eltern waren sehr aufgeregt, besonders meine Mama. So ein Presserummel waren sie natürlich nicht gewohnt und lockte sie aus ihrer alltäglichen Routine. Ich freute mich über das kleine Abenteuer meiner Eltern. Mittlerweile hängt der ausgeschnittene Artikel in ihrer Küche.

Doch die kleinen Abenteuer meiner Eltern begannen schon viel früher, bereits am dritten Tag meiner großen Reise. Sie begannen an dem Tag, an dem ich ausgeraubt wurde und mein Reisepass, meine Kreditkarte, mein Handy und mein Fotoapparat mit zwei Kleinkriminellen davonliefen. Vor meiner Abreise versorgte ich meine Eltern mit allen möglichen Notfallnummern und Vollmachten und kürte zu meiner Basisstation. Gleich zu Beginn forderte ich sie mit Aufgaben heraus, die absolut neu für sie waren und für mich auch. Doch sie waren die perfekte Basisstation und halfen mir meisterhaft. Ich war ihnen sehr dankbar, auch wenn es nicht das schönste Abenteuer war, das ich ihnen bis dahin bieten konnte.

Ein weiteres Abenteuer mit vielen, unerwarteten Anekdoten schickte ich an Weihnachten 2015 auf die Reise. Ich packte ein Überraschungspäckchen für meine Familie und gab es einem Freund, der wie ich zu der Zeit in Auckland wohnte und über die Weihnachtsfeiertage nach Deutschland zu seiner Familie flog. Er bot mir an das Päckchen mitzunehmen und es in Deutschland weiterzuschicken. Mein Freund hatte zwar noch etwas Luft im Koffer, doch trotz Quetschen und Drücken war mein Päckchen zu groß für den Stauraum. Das Päckchen und ich waren kurz besorgt, dass es nicht mitreisen konnte, doch mein Freund hatte eine gute Idee. Er öffnete es und verteilte den Inhalt in seinem Gepäck. Auf diese Weise konnte der Päckcheninhalt mitkommen. Der Päckchenkarton wiederum landete in einem neuseeländischen Papierkorb.

Die Feiertage verbrachte der Päckcheninhalt in einer ruhigen Zimmerecke der Wohnung der Eltern meines Freundes in Rheda-Wiedenbrück. Nach den Feiertagen bekam der Inhalt von meinem Freund einen neuen Karton. Mit diesem neuen Gewand fühlte es sich wie frisch herausgeputzt und wartete gespannt vor dem Postschalter. Dort kam mein Freund mit der Postangestellten ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass auch sie ein Jahr Working-Holiday in Neuseeland plante und sah zudem auch noch ganz süß aus. Während des netten Herumgeplänkels meines Freundes und der Postangestellten wurde das Päckchen allerdings langsam etwas ungeduldig. Irgendwann drehte sich das Gespräch endlich wieder das Päckchen und seinen Versand. Die Postangestellte meinte, ein Absender in Neuseeland mache keinen Sinn, da der Rückversand bei Nichtzustellung viel zu teuer wäre. Also schrieb mein Freund die Adresse seiner Eltern in Rheda-Wiedenbrück auf das Päckchen und ab ging die Post. Meinen Namen schrieb er auch drauf, der wurde aber später von einem Postaufkleber verdeckt.

Der Postbote klingelte an der Tür meiner Eltern und das Päckchen war schon ganz aufgeregt endlich mit offenen Armen empfangen zu werden. Doch meine Eltern kannten Niemanden mit dem Namen des Absenders und schon garnicht aus Rheda-Wiedenbrück. Sie waren sehr skeptisch und wolten das Päckchen erst nicht annehmen, machten es aber zum Glück dann doch. Da waren sie dann, das Päckchen und meine Eltern. Meine Eltern guckten das Päckchen skeptisch an und das Päckchen meine Eltern. Sie wussten nicht so recht ob sie es öffnen sollten. Vielleicht war etwas Gefährlichen drin oder es war für jemand anderen bestimmt. Meine Eltern suchten den Ort Rheda-Wiedenbrück im Internet heraus und waren immer noch ratlos. Rheda-Wiedenbrück war ein Ort mit ca 50 000 Einwohnern in Niedersachsen, von denen sie keinen einzigen persönlich kannten. Warum sollte ihnen einer von denen ein Päckchen schicken. Das Päckchen landete erstmal ungeöffnet in einer dunklen Ecke der Garage. Dann riefen meine Eltern meine Schwester in Hamburg an, die ihnen riet das Päckchen einfach aufzumachen. Licht drang durch den Türspalt in die Garage und schien auf das Päckchen. Wieder guckten meine Eltern skeptisch das Päckchen an und das Päckchen meine Eltern. Dann war es endlich so weit. MeinVater zückte ein Messer und öffnete es vorsichtig. Doch da war sie endlich, die Lösung des misteriösen Pakets. Sie befand sich auf einem Blatt Papier, das sich zwischen dem Päckcheninhald befand. Auf dem Blatt lasen sie ein paar Zeilen von mir, in denen ich ihnen fröhliche Weihnachten wünschte. Die Überraschung war voll gelungen und sogar noch viel überraschender als ich erwartet habe. Ich bin gespannt auf die weiteren kleinen Abenteuer meiner Eltern.

Hier nun der Zeitungsartikel mir dem unverkennbar regionalen Bezug.

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Unterwegssein

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Ich packe meinen Rucksack und nehme mit: Einen Pullover, ein paar T-Shirts, ein kleines Notizbuch, ein spezielles schnelltrocknendes Handtuch und so weiter. Viele nützliche Dinge für mein Unterwegssein.

Unterwegssein ist ein komisches Wort. Es besteht aus „unter“ und „weg“ und hinten baumelt noch dieses „sein“ dran. Ich bin also unter dem Weg, obwohl ich mich auf den Weg mache, manchmal neben der Spur bin und oft alles vorweg nehmen will. Doch egal welches Wort man auch davorsetzt, es geht vielleicht gerade um dieses hinten baumelnde „sein“: auf, unter, neben, hinter dem Weg „sein“, sich umschauen und staunen wie ein kleines Kind.

Ich gucke mir meinen Rucksack an, der aus allen Nähten platz und viel zu schwer ist auf dem Rücken. So macht das keinen Spaß. Also packe ich ein paar unpraktische Dinge wieder aus. Hmm… ich kann mich nicht entscheiden. Nagut, dann doch das Shirt mit den Streifen raus und diese sehr unbequeme Angst vor dem Ungewissen brauch ich auch nicht. Sie hat sich allerdings in dem vorderen Reißverschlussfach am Rucksack verklemmt und lässt sich einfach nicht entfernen. Zum Glück habe ich aber auch eine Portion Neugierde und Vorfreude dabei, die es sich in einer kleinen Dose hinten im Rucksack gemütlich gemacht haben.

Jetzt kann es losgehen. Ich mach mich auf, unter, neben, über den Weg.

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