Cachi und Salsa (Sucre)

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Ihr Name kommt nicht von dem spanischen Wort für Zucker, wie ich anfangs dachte. Sie wurde nach einem Freiheitskämpfer benannt. Aber ihre Häuser sind weiß wie Zucker. Ihre Straßen sind eng und die Gehwege noch enger. Als ich dort ankam und über den Plaza ging, gefiel sie mir sofort. Sie wirkte entspannt und sauber. Dort, in Sucre, wollte ich ein bißchen länger bleiben und endlich mehr Spanisch lernen.

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IMG_1310aIch hab mir ein irisches Hostel ausgesucht, in dem sich auch gleich eine Sprachschule befindet. Wie sich herausstellte, konnte ich dort umsonst schlafen, wenn ich mindestens eine Woche 3 Stunden Unterricht nehme. Genauso hatte ich mir das vorgestellt. Für den ersten abend in Sucre war ich mit Suzanne aus den Niederlanden (die ich mit den anderen beiden Mädchen in Potosi getroffen habe) zum Abendessen verabredet. Als wir das Restaurant betraten, sahen wir Sara (auch eins von den Mädchen aus Potosi) mit zwei Jungs am Tisch sitzen. Wir gesellten uns dazu und ich lernte Chris aus Österreich kennen, der mit Sara in einer Gastfamilie wohnte und ebenfalls Spanisch lernte. Er sagte mir, ich solle am nächsten abend auch wieder mitkommen. Genauso hatte ich mir auch das vorgestellt. Also kam ich am nächsten abend zum vereinbarten Treffpunkt und lernte den Rest der Sprachschülergruppe kennen: Barbara (das dritte Mädchen aus Potosi) war dabei, Armin aus Deutschland, der Bruder von Chris und ein Pärchen aus Hannover, das zweite, das ich auf meiner Reise bisher getroffen habe. An den darauffolgenden abenden kamen immer mal wieder neue Leute dazu.

IMG_1481aBarbara hatte eine sehr interessante Geschichte. Sie lernte nicht einfach nur Spanisch in Sucre, sondern besuchte dort auch ihre leibliche Familie. Aufgewachsen ist sie zwar in Deutschland, geboren wurde sie allerdings in Bolivien. Bei der Geburt starb ihre Mutter und die restliche Großfamilie war zu arm um sie und ihren Zwillingsbruder aufzuziehen. Also wurde Barbara und ihr Bruder von einem deutschen Ehepaar adoptiert. Die Treffen mit ihrer leiblichen Familie waren immer sehr intensiv, erzählte sie mir. Die gesamte Großfamilie kam bei diesen Treffen zusammen, alle nahmen sich Zeit und kochten jedesmal ein großes Familienessen. Da die Familie nur Quechua spricht, bekam Barbara Hilfe von einer Übersetzerin. Barbara beschrieb es als komplett andere, aber unglaublich herzliche Welt.

IMG_1425aDie Sprachschüler waren für die nächsten zwei Wochen meine Sucre-abend-Gesellschaft und Spielkameraden. Wir trafens uns jeden abend zum Essen in einem anderen Lokal. In Bolivien ist auswärts Essen nämlich günstiger als selber kochen. Nach dem Essen haben wir oft irgendwelche Spiele gespielt, sämtliche Karten- und Gesellschaftsspiele, die wir finden konnten. Ich habe lange nicht mehr so viele und so oft Spiele gespielt wie in Sucre. Komischerweise habe ich bei diesem Spielemarathon fast immer gewonnen, sogar beim Pokern, wovon ich eigentlich kaum Ahnung hatte. Poker hab ich manchmal während des Studiums gespielt, allerding nur mit Salzstangen-Einsätzen und mit Hilfe von anderen Kommilitonen. Ein Pärchen aus Kalifornien lud mich und ein paar andere Leute in ihre Ferienwohnung zum Pokerabend ein. An diesem abend lernte ich nicht nur richtig Pokern sondern ich lernte auch die eigenartige Mentalität dieses kalifornischen Pärchens kennen. Diesmal wurde allerdings nicht um Salzstangen gespielt, sondern um kleine Geldbeträge (immerhin 50 Bolivianos=5 Euro). Als ich mir noch einmal die Regeln erklären ließ, verdrehte ein Typ aus Australien leicht genervt die Augen. In den ersten Runden verlor ich meine eingesetzten Chips. Dann sagte Lena, die auch mit am Tisch saß: „Du musst nicht immer gute Karten haben. Du kannst auch einfach bluffen.“ Das probierte ich gleich aus und es funktionierte tatsächlich. Manchmal hatte ich auch, ohne es wirklich zu wissen, gute Karten, mit denen ich gewann. Es machte dann richtig Spaß. Ich weiß nicht genau wie, aber nach zwei Stunden hatte ich meinen Einsatz verdoppelt und die meisten Chips von allen. Außerdem war es schon sehr spät und ich wollte gehen. Lena, die ganz in meiner Nähe wohnte, wollte sich mit mir zusammen auf den Weg machen. Das kalifornische Pärchen, das den ganzen abend fast übertrieben fröhlich und aufgedreht war, wurde plötzlich sehr unfreundlich und patzig. Nur sehr widerwillig zahlten sie mir meinen Gewinn aus. Alle waren sehr verdutzt und der Abschied war überaus frostig. Vielleicht wären Salzstangen doch besser gewesen.

IMG_1370aCachi ist ein traditionelles bolivianisches Spiel, das sehr viel Ähnlichkeit mit Kniffel hat. In einem Cafe in Sucre ist jeden Donnerstag Cachi-abend. Man spiel dort in Zweiter-Teams gegeneinander. Ich war mit Armin in einem Team. Unsere ersten Gegner waren zwei Schweizer, die schon einige Jahre in Sucre wohnten. Sie waren ganz vernarrt in dieses Spiel und hatten sogar eine eigene Würfeltechnik. Die bestand darin den Becher mehrmals kräftig auf den Tisch zu hauten, wobei ich anfangs leicht erschrak. Freundlicherweise klärten uns die beiden Cachi-Profis über die speziellen Spielregeln und ihre bisherige Siegesgeschichte auf. Auch ich entwickelte eine eigene Würfeltechnik, bei der ich versuchte mir die Zahlen in irgendwelchen Zusammenhängen vorzustellten. Also eine drei sind zum Beispiel drei kleinen Schweinchen, eine sieben sind die sieben Zwerge und so weiter. Das schien zu funktionieren. Am Ende hat unser Team tatsächlich gewonnen. Wir haben einen Gutschein für ein Abendessen, eine Flasche Wein und eine Flasche Singari (Nationalschnaps Boliviens) bekommen. Das beste war allerdings ein verzierter Cachi-Würfelbecher inklusive Würfeln, den Armin mir überlassen hat.

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IMG_1393aIMG_1381bDie gewonnenen Flaschen teilten wir am nächsten abend mit den anderen in der Wohnung der Gastfamilie von Sara und Chris. Danach quetschten wir uns mit 11 Leuten in zwei Taxis und fuhren zu einem Salsa-Club. In der Sprachschule hatten wir einen Salsa-Crashkurs bekommen. Die rhythmischen Bewegungen sahen zwar bei Vielen noch sehr holzig aus, aber wir wollten sie dort trotzdem zum Besten geben. Manchmal ist es ganz gut in Südamerika blond zu sein, denn wir Mädels wurden schnell von den Bolivianern im Club aufgefordert. Das war sehr gut, denn sie hatten wohl ordentlich Salsasauce intus, mit der sie führen und tanzen und mich herumwirbeln konnten wir in einem schlechten Tanzfilm. Diese bolivianischen Tanzfreunde danach wieder loszuwerden war allerdings die andere Seite vom Parkett. Nach dem Salsavergnügen quetschten wir uns wieder mit viel zu vielen Leuten in zwei Taxis und führen in einen anderen Club. Dort packte jeder seine besten und witzigsten Bewegungen aus und wir tanzten als gäbe es kein Morgen. Es war eine verrückte Nacht. Tanzen macht glücklich!

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IMG_1488aNach einer Woche in Sucre wechselte ich das Hostel und auch den Sprachunterricht. Ich hatte mal wieder Lust auf ein Einzelzimmer. Außerdem wollte ich an der Sprachschule, von der die anderen so schwärmten, ebenfalls Unterricht nehmen. Also landete ich bei der Sprachlehrerin Sara und bekam sogar Einzelstunden. Sara erzählte gerne. Sie erzählte mir in einer Mischung aus Spanisch und Englisch, also in Spenglisch, viel über die Politik in Bolivien und den Präsidenten Evo Morales. Er ist das erste indigene Staatsoberhaupt, besitz allerdings kaum eine Ausbildung. Die Meinungen zum Präsidenten polarisieren stark. Doch er hat viele Anhänger in der indigenen Gesellschaft, die die Mehrzahl der Bevölkerung Boliviens bildet. Eigentlich dachte ich: „Voll gut, dass hier das indigene Volk nicht einfach in Reservate weggesperrt wurde“, aber die ganze Geschichte ist viel zu komplex, um sich so einfach eine Meinung zu bilden.

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IMG_1286aAm 6. August war Boliviens Nationalfeiertag und die ganze Stadt hat eine große Parade zu Ehren des bolivianischen Präsidenten vorbereitet, die schon zwei Tage vorher mit viel Getrommel und bunten Kostümen durch die Stadt zogen. Sara erzählte mir aber nicht nur davon, sondern auch viele andere Dinge über Bolivien und ich ihr über Deutschland. Am Ende half sie mir sogar noch bei ein paar organisatorischen Sachen mit der Bank und meinem Handy, das immer noch nicht funktionierte. Im Unterricht lernte ich die nötigsten Vokabeln und Regeln für den alltäglichen Gebrauch und konnte mich sogar mit Vivien aus der Schweiz einen ganzen abend auf Spanisch unterhalten, weil sie nur französisch und ganz wenig Englisch sprach. Obwohl wir uns oft nicht verstanden, verstanden wir uns ausgezeichnet.

IMG_1470aSie war nicht nur weiß wie Zucker, sondern auch sehr hilfsbereit, gesellig, gemütlich und während der Parade am Nationalfeiertag sogar sehr lebhaft und bunt. Ich fühlte mich in ihr pudelwohl, auch wenn mich hier einer der vielen herumstreunenden Hunde fast gebissen hätte. Wir mochten uns, aber nach zwei Wochen wußte ich, dass ich sie wieder verlassen muss. Also verabschiedete ich mich von Sucre, denn Cochabamba klopfte bereits bei mir an und wartete auf mich.

p.s. Wenn man auf die Bilder im Text klickt, werden die groß:)

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