Bügeln in Cochabamba (Cochabamba1/Villa Tunari)

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Kurz vor meiner Abreise in die große Welt habe ich meinen Freund Peter (Hallo Peter!) in Ulm für ein paar Tage besucht. Peter wohnt mit Susanne in einer Wohngemeinschaft. Susanne kannte ich nur flüchtig von meinem letzten Besuch. Mit ihr saß ich lange in der Küche und erzählte über alles Mögliche. Dabei erfuhr ich, dass Susanne bald in Bolivien in einem Krankenhaus für ihr Medizinstudium 6 Wochen Famulatur machen und anschließend noch ein paar Wochen durch Bolivien reisen wollte. Wir haben halb im Scherz vereinbart, dass wir uns ja in Bolivien treffen können.

IMG_1511_aWährend ich in Sucre war, habe ich auf Susannes facebook-Seite zufällig gesehen, dass sie sich auf den Weg nach Cochabamba in Bolivien macht. Cochabamba… das klang im ersten Moment wie eine Partystadt, in der die Leute jeden morgen mit der Blechtrommel geweckt werden. Ich schaute mir auf der Karte an, wo dieser Ort mit dem lustigen Namen lag. Er befand sich zwischen Sucre und La Paz, also direkt auf meiner Reiseroute. Wie Praktisch! Ich schrieb Susanne sofort eine Nachricht. Sie schrieb zurück, dass ich gerne vorbeikommen und dort in ihrer Gastfamilie wohnen könnte. Außerdem habe sie sowieso vor dem Famulaturbeginn noch zwei Wochen frei. Das klang alles noch viel praktischer und ich machte mich am Sonntag, den 10. August, mit dem Nachtbus auf in die Stadt mit dem lustigen Namen.

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Der Bus war komplett ausgebucht und ich war der einzige, anwesende blonde Mensch. Neben mir saß eine einheimische Mutti mit ihrem Kind auf dem Schoß. Beide versuchten während der Fahrt zu schlafen, wobei das Kind immer weiter zu mir rüberrutschte und letztendlich mehr auf mir als auf der Mutter schlief. Da die Kinder hier viel niedlicher sind als im Rest der Welt (die kleine Frida natürlich ausgenommen), machte es mir nicht viel aus. Auch ich versuchte zu schlafen. Das gelang mir allerdings nicht so richtig. Das Kind war dabei nicht das Problem, sondern eher die unbefestigten, holprigen Straßen, die mich immer wieder wachrüttelten. Außerdem hatte ich auch die ganzen Geschichten von gestohlenen Rucksäcken während nächtlicher Busfahrten im Hinterkopf. Die Fahrt dauerte 10 Stunden und es gab kein Klo im Bus. Allerdings hielt der Fahrer zwischendurch freundlicherweise für zwei Pinkelpausen. Bei der ersten Pause machten wir in einem kleinen Ort halt mit öffentlichen Klos. Bei der zweiten Pause war es schon stockfinster draußen und der Busfahrer rief nur: „El baño!“, was soviel hieß wie: Pinkelpause. Genau darauf hab ich schon eine Weile gewartet, schnappte meinen Rucksack und kletterte schnell aus dem Bus. Draußen guckte ich nach rechts und guckte nach links. Außer der Straße und der Böschung war weit und breit kein Klo zu sehen. Den Männern machte das natürlich nichts aus. Sie stellten sich in gewohnter Position an den Straßenrand. Dann kamen die Frauen aus dem Bus und hockten sich ganz selbstverständlich daneben. Da alle weite Röcke trugen, schien es für sie das Natürlichste auf der Welt zu sein. Da stand ich also und beobachtete das Pinkelverhalten der Einheimischen. Mir blieb nichts anderes übrig als mich einfach in den allgemeinen Strahl einzureihen, wenn auch etwas mehr abseits. Zum Glück hab ich meine lange Jacke angezogen, als ich aus dem Bus gestiegen bin.

IMG_1516_aMorgens um 4 Uhr kam ich in Cochabamba an. Susanne holte mich dort mit dem Taxi ab. Um diese Uhrzeit war es nämlich nicht ungefährlich irgendein Taxi am Busbahnhof zu nehmen, da die Taxifahrer auch gerne mal Touristen ausrauben. Unser Taxi fuhr uns jedoch unausgeraubt bis zu einer zweistöckigen Hauserhälfte. Dort führte mich Susanne kurz durch die große Wohnung bis sie mich an meinem Zimmer mit den vielen kitschigen Kuscheltieren ablieferte, wo ich sofort einschlief.

In dem Haus wohnte die gesamte Familie Zapata. Das untere Stockwerk wurde von Mariana, eine der drei Töchter, und ihrem Mann bewohnt. In der oberen Etage wohnte der Rest der Familie, also die Eltern Ninfa und Huvio mit den anderen beiden, ebenfalls erwachsenen, Töchtern Shirley und Stefany.

Mutter Ninfa fragte ich am nächsten Tag, ob ich meine Sachen dort waschen könnte. Sie hatte nichts dagegen und schmiss sofort die Waschmaschine an. Als ich mit Susanne aus der Stadt zurückkam, war Ninfa schon eifrig dabei meine Sachen zu bügeln. Ich kam ihr schnell zu Hilfe und versuchte ihr mit meinen nigelnagelneuen Spanischkenntnissen zu verstehen zu geben, dass das nicht nötig wäre. Sie hatte mich zwar verstanden, guckte mich aber trotzdem an wie ein Auto und sagte im strengen Ton: „Nosotros planchamos aqui!“ („Wir bügeln hier!“). ‚Aha‘, dachte ich, ‚hier wird also gebügelt.‘ Da sie immer noch hinter mir herumschlich, tat ich also so, als ob ich meine Sachen bügeln würde, bevor ich sie zusammenlegte. Da mir das Bügeltalent nicht in die Wiege gelegt wurde, war es ohnehin besser, dass ich das Bügeln nur vortäuschte um Gastmutter Ninfer zufrieden zu stellen.

Ab diesen Zeitpunkt war mir klar, wer in der Familie die gebügelten Hosen anhatte. Noch klarer wurde mir das, als ich an diesem abend mein Zimmer betrat. Alle meine Sachen waren zusammengelegt, das Bett war gemacht und sogar mein Kulturbeutel hing vorbildlich an der Gardinenschlaufe. Hinter mir tauchte Ninfa mit einem stolzen Grinsen auf und sagte sowas wie: „In diesem Haus herrscht Ordnung!“ und „Morgen räumst du dein Zimmer auf, bevor du gehst.“ Heute hatte sie das anscheinend für mich übernommen. Sie hat einfach ungefragt in meinen Sachen herumgewühlt und sie überall säuberlich im Zimmer verteilt. Sogar mein Handtuch, das ich zum Trocknen über den Stuhl gelegt habe, hat sie hübsch zusammengefaltet. Das ging mir etwas zu weit und mir platze fast mein ungebügelter Kragen.

Obwohl ich es eigentlich sehr spannend fand in einer Gastfamilie zu wohnen und mit ihnen Spanisch zu sprechen, war mir das etwas zu viel Familiengefühl für den Anfang. Ich war sehr froh, dass Susanne und ich geplant hatten für die nächsten drei Tage nach Villa Tunari zu fahren.

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IMG_1522_aVilla Tunari war ein kleiner, ruhiger Ort im Regenwald Boliviens mit tropischen Temperaturen. Man konnte von dort aus verschiedene Parks mit exotischen Tieren und Pflanzen besichtigen und Wildwasserrafting machen. Für letzteres meldeten wir uns gleich nach unserer Ankunft bei der Touristeninformation an, die eigentlich ein wackeliger Stand aus Bambussträuchern am Straßenrand war. Allerdings kam es nie zum Rafting, denn der Regenwald begrüßte uns mit sinnflutartigen Regenfällen, die ganze zwei Tage lang andauerten. Wir saßen also im Hostel fest und schauten dem Regen zu und dem Fluß vor unserem Hostel, der immer mehr anstieg.

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IMG_1628_aAls wir auf das Ende des Regens warteten und mit einem kleinen Straßenhund spielten, begegnete uns Biman aus Srilanka. Er hatte einen Beutel selbstgemachter Sandwiches dabei, die er uns verkaufen wollte. Wir lehnten dankend ab, kamen aber trotzdem mit ihm ins Gespräch. Er erzählte uns, dass er schon eine ganze Weile unterwegs ist. Vor ein paar Wochen hatte er seinen Rucksack verloren und hält sich seitdem mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Er erzählte, dass dieser Verlust für ihn eine Art spirituelles Erlebnis war. Dadurch wurde ihm klar, dass die Einstellung zum Leben wichtiger war als sein Besitz. Seitdem er seinen Rucksack verloren hatte begegnete er ständig Leuten, die ihm helfen wollten. Bolivianische Familien und andere Reisende boten ihm Essen und Schlafplätze an. Er erklärte sich das mit dem Gesetz der Anziehung. Wenn man positive Energie ausstrahlt, bekomme man positive Energie zurück. Wir unterhielten uns schließlich den ganzen Tag und den ganzen abend mit ihm über seine spirituelle Theorie, Gott und die Welt. Ich wusste nicht immer, was ich von den Sachen halten sollte, die er erzählte. Ich wußte nur, dass ich es sehr interessant fand, auch wenn es die ganze Zeit geregnet hat.

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IMG_1657_aDie Affen waren sehr zahm und hingen einfach nur entspannt herum. Wir haben sie gestreichelt und sie sind auf uns herumgeklettert. Am dritten Tag hat es endlich aufgehört zu regnen. Susanne und ich sind an dem Tag nicht nur in einem Affenpark herumspaziert, sondern mit einem extrem klapperigen Taxi ohne Fensterscheiben zu einem zweiten Park gefahren. Dort hat uns ein netter Herr viel über die regionalen Pflanzen und Tiere erzählt und uns eine Cobra in die Hand gedrückt.

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IMG_1736_aAm abend ging es wieder zurück nach Cochabamba zu Familie Zapata. Die ganze Familie versammelte sich um den Abendbrotstisch und wollten alles ganz genau wissen. Nachdem ihr Wissensdurst gestillt war, verlagerte sich die vollzählige Familie plötzlich ins Wohnzimmer vor den Fernseher. Dort verfolgten alle gespannt eine Seifenoper, in der sich ein Familien- und Liebesdrama ans nächste reihte. Es gab keine Szene in der die schlechten Schauspieler nicht in dramatischen Streitgesprächen oder tränenreichen Situationen verwickelt waren. Obwohl in keine der Szenen gebügelt wurde, verfolge Ninfa gespannt das Geschehen.

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3 Gedanken zu “Bügeln in Cochabamba (Cochabamba1/Villa Tunari)

  1. Ja auch ich schmunzelte sehr über die „gebügelten Hosen“ welche die Hausherrin anhat. Da ich dieses Jahr auf Sardinien ebenfalls Gast in der Familie meiner sardischen Freundin war, kann ich dich Heike gut verstehen. Bei meiner Gastfamilie wurde nicht unbedingt viel (jedoch auch und sehr korrekt gebügelt) doch mir viel das sehr hygienische Geschirrspülen und -vorspülen auf, das nach jeder Mahlzeit stattfand. Auch erzählten mir zwei Kinder das sie Bilder von Deutschland sahen und ihnen auffiel das Deutschland ein sehr sehr sauberes Land sei und ihnen das gut gefalle. Soviel zum Bild anderer Länder und Kulturen von Deutschland und seinen Bewohnern. :-)) Viel Spass und Beobachtungsgabe weiterhin auf deiner Reise…. schön das ich das hier mitverfolgen kann.
    Alles Liebe und Gute aus der Heimat
    Heike F.

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