Auf der Couch und an der Tafel (Lurin/Lima)

IMG_2524_aIch malte einen Schneeman an die Tafel. „That is a snowman.“ erklärte ich den Kindern, die mich mit großen Augen anguckten. Während draußen die Sommerhitze brannte, erzählte ich ihnen, dass es in Deutschland gerade Winter ist und manchmal so kalt, dass es schneit. Ein Junge aus der vorderen Reihe schaute mich misstrauisch an, zeigte auf den Schneemann und fragte mich: „Is that the Grinch?“

_DSC8000_aIm Randgebiet von Lima hatte ich einen Couchsurfingplatz bei Kelly, ihrem Mann und ihren zwei Katzen gefunden. Kelly studierte Lehramt und arbeitete in einer Schule, die abends Englischunterricht für Erwachsene und Kinder anbot. Sie arbeitete mit ihrer Kollegin Viviana ehrenamtlich in dem Projekt und war ständig auf der Suche nach englischsprachigen Gastlehrern. Also bekam ich zur Couch auch gleich noch einen Job als Englischlehrerin obendrauf. Ich war sehr gespannt, was mich dort erwarten würde.

Der Weg zur Couch begann schon sehr spannend. In dem Bus von Paracas nach Lima hielt ich dem Fahrer einen Zettel mit der Adresse unter die Nase und fragte, ob er mich dort rauslassen kann. „Si, si, no problemo!“ war die Antwort. Kurz nachdem wir Lima erreichten, ging ich noch drei oder viermal zum Busfahrer mit meinem Zettel. Ich war mir nicht sicher, ob er die Adresse überhaupt kennt, doch er nickte jedesmal und sagte: „Si, si.“ Irgendwann gab er mir schließlich bescheid und sagte, dass ich für das letzte Stückchen ein Taxi nehmen muss. Das kam mir seltsam vor, aber mir blieb nichts anderes übrig.

Als ich dem Taxifahrer den Zettel zeigte, stellte sich heraus, dass der Busfahrer wirklich keine Ahnung hatte. Die Schule war ungefähr 20 bis 30 Kilometer entfernt. Leider konnte ich Kelly auch nicht anrufen, da das Akku von meinem Handy leer war. Es wurde langsam dunkel und ich wurde etwas unruhig. Der Taxifahrer war zum Glück sehr hilfsbereit. Wir handelten einen guten Preis aus für die viel zu lange Taxifahrt und ich konnte sein Handy benutzen. Kelly sagte mir am Telefon, dass sie mich erst am nächsten Tag erwartet hatte und niemand mehr in der Schule war, wo ich schlafen sollte. Es wurde also noch etwas spannender. Doch sie bot mir schließlich eine Couch in ihrer Wohnung an, wo mich der freundliche Taxifahrer unentgeldlich hinfuhr. Puh, ich war angekommen.

IMG_2466_aIMG_2303_aKelly war eine  quirlige Person, die sehr gerne und sehr herzlich lachte. Ihr Ehemann Miguel war sehr entspannt und ruhig. Die beiden weißen Katzen in der Wohnung waren auch sehr entspannt und mochten meine Füße. Sie versuchten zumindest ständig hineinzubeißen. Kelly und Miguel führten eine eher unkonventionelle Ehe, die mir ein neues Bild von Beziehungen in Peru zeigte. Miguel kochte, putzte, arbeitete 10 Stunden am Tag als Elektriker und drückte danach noch ein paar Stunden die Schulbank für sein Abendstudium. Kelly blieb tagsüber oft zu Hause, machte ihre Hausaufgaben für ihr Studium und unterrichtete abends zwei Stunden in der Englischschule. Sie sagte Miguel ganz genau, was sie von ihm erwartete und er zögerte keinen Augenblick alle ihre Wünsche zu erfüllen.

IMG_2581_aMit Kelly verstand ich mich blendend. Wir lachten viel zusammen und quatschten oft bis spät in die Nacht hinein. Sie zeigte mir wie man Pisco Sour machte und Arroz con Pollo. Wir gingen gemeinsam tanzen, in die Stadt und feierten ihren Geburtstag mit ihrer Familie. Das alles machten wir, während Miguel arbeitete, putzte oder kochte.

IMG_2525_aIMG_2526_aPisco Sour

IMG_2535_aWenn Kelly ihre Hausaufgaben machte, fuhr ich oft an den Strand oder schaute mir alte Ruinen an. Sie erklärte mir, wann ich in welchen Bus einsteigen musste. Das war gar nicht so einfach. Oft gab es keine Haltestellen, Schilder und auch keine richtigen Namen für die Haltestellen. Alle Leute wussten einfach so, wann sie ein- und aussteigen mussten, ohne dass irgendjemand irgendetwas angesagt. Ich fragte mich anfangs durch und alle waren sehr freundlich zu der einzigen blonden Touristin im Bus. Nach ein paar Tagen hatte ich den Dreh raus.

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IMG_2558_aIMG_2555_aIMG_2539_aDoch ich lernte in dem Vorort von Lima nicht nur wie ich mit dem Bus an den Strand kam, sondern auch wie man Englisch unterrichtet. Kelly hatte ein Buch, mit dem sie unterrichtete und in dem eigentlich alles drinstand, was ich zu tun hatte. Sie half mir bei der Vorbereitung und Einteilung der Stunden und dann konnte es losgehen. Ich stand jeden abend vor sieben bis zehn Schülern zwischen 14 und 30 Jahren und spielte Lehrerin. Diese neue Erfahrung machte mir viel Spaß und die Schüler fanden es sehr aufregend und waren sehr dankbar von jemandem unterrichtet zu werden, die von so weit herkam.

IMG_2353_aaVor dem Unterricht lief ich oft mit Viviana durch die Straßen und klebte Werbeflyer für die Schule an Wände und Littfasssäulen. Währenddessen überlegte ich mir, wie man die Werbung für die Schule noch optimieren könnte und hatte viele Ideen. Letztendlich musste ich allerdings feststellen, dass Werbung in Peru anders funktionierte als in Deutschland. Es war nicht wichtig wie der Flyer gestaltet war. Die Aktion des Flyeraufklebens war viel wichtiger. In Peru, wo sich das Leben auf der Straße abspielte, sahen uns viele Leute dabei zu. In dem Vorort von Lima, wo ich weit und beit das einzige blonde Mädchen war, fiel ich auf wie ein bunter Hund. Ich selbst war eine wandelnde, blonde Werbetafel für die Schule, die mit internationalen Lehrern warb. Und es funktionierte. Am abend riefen viele interessierte Leute an.

IMG_2584_aIMG_2586_aNach einer Woche auf der Couch und an der Tafel verabschiedete ich mich von Kelly und Viviana und konnte am Wochenende sogar noch die Englischklasse mit den kleinen Kindern unterrichten. Kelly, Viviana und die Schüler wollten mich garnicht mehr gehen lassen und waren sehr dankbar für meine Unterstützung. Ich war auch sehr dankbar für meine erste Erfahrung als Lehrerin und für soviel Dankbarkeit, Interesse und Aufmerksamkeit.

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Ein Gedanke zu “Auf der Couch und an der Tafel (Lurin/Lima)

  1. Mensch Heike,
    es ist immer wieder ein Erlebnis deine Berichte zu lesen und an deinen intensiven Erfahrungen teil zu haben. Du bist eine echt mutige Frau, ich habe Respekt und Achtung vor dir! :-)) Mittlerweile bist du ja schon in Neuseeland angekommen und deine Erlebniswelt erweitert sich …. ich bin neugierig und dankbar dich auf diese Weise begleiten zu können.
    Fühle dich herzlichst (virtuell) umarmt
    von Heike zu Heike ♥

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